UMFRAGE IN ZEHN EU-LÄNDERN · 29. SEPTEMBER 2026
Dietmar Rabich / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0Europas Führungskräfte sehen die Energiewende als Wettbewerbsvorteil
74 Prozent der deutschen Führungskräfte sehen die Energiewende als Wettbewerbsvorteil für Europa. Mehr Geld für erneuerbare Energien mache den Kontinent auch sicherer. In der Bevölkerung teilen 65 Prozent diese Sicht.
Das Meinungsforschungsinstitut Norstat hat im Juli und August 2026 in zehn EU-Staaten jeweils 2.000 Bürger*innen befragt. Dazu kamen je nach Landesgröße 100 bis 500 Führungskräfte aus Unternehmen, vom Vorstand bis zum Senior Management. Auftraggeber ist der Climate Opinion Research Exchange (CORE), eine Initiative einer internationalen Stiftung mit Sitz in Belgien. Die Befragung lief in Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien, Polen, den Niederlanden, Dänemark, Griechenland, Ungarn und Bulgarien.
Die Ergebnisse fallen in die Tage des informellen Treffens der EU-Energieminister auf Dublin Castle, das an diesem Dienstag endet. Die irische Ratspräsidentschaft hat bezahlbare Energie, Innovation und die Energiesicherheit Europas auf die Tagesordnung gesetzt.

84 Prozent der deutschen Manager wollen weniger Energieimporte
Am deutlichsten fällt die Zustimmung bei den Energieimporten aus. 84 Prozent der deutschen Führungskräfte halten es für wichtig oder sehr wichtig, dass Europa im kommenden Jahrzehnt weniger Energie aus dem Ausland bezieht. Sechs von zehn nennen das Ziel sehr wichtig. In der deutschen Bevölkerung liegt die Zustimmung bei 79 Prozent.
Über alle zehn Länder hinweg sehen 83 Prozent der befragten Führungskräfte das so, in Spanien und Dänemark sind es je 87 Prozent. Unter den Bürger*innen führen Italien mit 83 sowie Polen und Spanien mit je 82 Prozent. Was Investitionen ins Energiesystem bringen sollen, beantworten beide Gruppen ähnlich: niedrigere Energiekosten, mehr Versorgungssicherheit und weniger Importe.
Wie teuer die Abhängigkeit werden kann, hat die EU-Kommission selbst beziffert. Während der 111 Tage dauernden Sperrung der Straße von Hormus zahlte die EU 50 Milliarden Euro zusätzlich für Öl- und Gasimporte. Das steht im Entwurf ihres Elektrifizierungs-Aktionsplans (mehr dazu: Wie die EU sich aus der fossilen Importabhängigkeit befreien will). Auch russisches Pipelinegas war für Deutschland nie ein Schnäppchen (mehr dazu: Warum russisches Gas nie billig war).
Deutsche Führungskräfte setzen zuerst auf künstliche Intelligenz
Über alle zehn Länder gerechnet nennen beide Gruppen saubere Energie am häufigsten als Branche, in der Europa weltweit führen sollte. Unter den Führungskräften weichen Deutschland und Frankreich davon ab, dort liegt künstliche Intelligenz vorn. In Deutschland nennen 54 Prozent der Führungskräfte KI und 47 Prozent saubere Energie, die Bevölkerung setzt mit 51 zu 25 Prozent die umgekehrte Priorität.
Der Unterschied zeigt sich auch bei Rechenzentren. 61 Prozent der Deutschen finden, dass neue Rechenzentren in Europa nur mit Strom aus erneuerbaren Energien gebaut werden und der Bevölkerung kein Wasser abziehen sollten. Unter den deutschen Führungskräften sind es 45 Prozent, eine knappe Mehrheit von 52 Prozent will den Bau für die KI-Entwicklung beschleunigen. In keinem anderen der zehn Länder fällt die Zustimmung der Führungskräfte zur Ökostrom-Pflicht so niedrig aus.

Führungskräfte trauen der Energiewende mehr zu als die Bevölkerung
Optimistischer blicken die Führungskräfte auf Europas Rolle im Energiesektor. 45 Prozent der deutschen Führungskräfte erwarten, dass Europa in zehn Jahren wettbewerbsfähiger dasteht oder an heutigen Vorreitern vorbeizieht. Unter den Bürger*innen sind es 33 Prozent, 35 Prozent rechnen mit einem Rückfall. Sehr zuversichtlich, dass Europa seine Energiesicherheit im kommenden Jahrzehnt deutlich stärken kann, sind 29 Prozent der Führungskräfte und zehn Prozent der Bevölkerung.
Bei der Methanverordnung liegen beide Gruppen gleichauf. 63 Prozent der deutschen Führungskräfte und 64 Prozent der Bevölkerung wollen einheitliche Standards für alle Gaslieferanten, egal wo das Gas gefördert wird. Die Standards regeln, wie Lieferanten Methanlecks aufspüren und abdichten. Diesen Ansatz verfolgt die EU-Methanverordnung, die auch Importe erfasst. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche hatte im Sommer gefordert, die Regeln auszusetzen (mehr dazu: Was Reiche aussetzen will und was die Verordnung regelt).
Die Fehlermarge liegt bei den Bürger*innen bei 2,2 Prozentpunkten je Land und bei 500 befragten Führungskräften bei 4,4 Punkten. In Bulgarien und Ungarn antworteten nur je 100 Führungskräfte, dort steigt sie auf 9,8 Punkte. Dass Führungskräfte die Energiewende als Wettbewerbsvorteil sehen, hatte im Juni auch eine Befragung im Auftrag von E3G, der We Mean Business Coalition und der Global Renewables Alliance ergeben. Von knapp 2.000 Führungskräften in 18 Ländern sagten 88 Prozent, dass Elektrifizierung ihr Unternehmen wettbewerbsfähiger macht.
QUELLEN
- Climate Opinion Research Exchange: Research Note „Do businesses and the public hold differing views on climate and energy?", September 2026.
- Handelsblatt (dpa): Energiewende-Studie: Europas Firmen für mehr Investitionen in Erneuerbare, 28. September 2026.