Reflect Orbital will die Nacht mit Spiegeln aufhellen

SONNENLICHT AUF BESTELLUNG · 29. SEPTEMBER 2026

Reflect Orbital will Sonnenlicht per Weltraumspiegel in die Nacht lenken

Das kalifornische Cleantech-Unternehmen Reflect Orbital will noch 2026 seinen ersten Spiegelsatelliten starten. Bis 2035 sollen 50.000 folgen. Astronomen warnen vor Streulicht weit über die Zielgebiete hinaus, Biologen vor Folgen für Tiere und Pflanzen.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 5 Min.


Der Testsatellit heißt Eärendil-1 und soll als Mitfluggast auf einer Falcon 9 von SpaceX ins All fliegen. Die US-Telekommunikationsbehörde FCC erteilte im Juli die Lizenz. Im Orbit solle der Satellit einen Spiegel mit rund 18 Metern Kantenlänge entfalten. Damit lenke er Sonnenlicht per Weltraumspiegel auf eine Fläche von etwa fünf Kilometern Durchmesser, fünf Minuten lang und etwa so hell wie der Vollmond.

„Diese Lizenz ist der erste Schritt, die Wirksamkeit unserer Technologie gründlich zu testen”, sagte Mitgründer und CEO Ben Nowack dem Magazin Time. Nowack arbeitete zuvor bei SpaceX am Dragon-Raumschiff. Das 2021 gegründete Unternehmen sammelte in bisher gemeldeten Finanzierungsrunden rund 35 Millionen US-Dollar ein, unter anderem von Sequoia Capital und Lux Capital.

Auf seiner Website skizziert Reflect Orbital den Ausbau. 2027 sollen 36 Satelliten kreisen, 2030 mehr als 5.000 und 2035 mehr als 50.000. Die Helligkeit solle von 0,1 Lux auf bis zu 36.000 Lux steigen, das entspreche Tageslicht. Kunden seien Baustellen, Rettungseinsätze nach Katastrophen, Landwirtschaft und Solarparks, deren Kapazitätsfaktor bis 2035 um 20 Prozent wachsen könne. Auch Verteidigung führt das Unternehmen als Einsatzfeld.

Russland testete einen Sonnenspiegel schon 1993

Im Februar 1993 entfaltete Russland vor der Raumstation Mir den Spiegel Znamya 2 mit 20 Metern Durchmesser. Sein Lichtfleck war fünf Kilometer breit, etwa vollmondhell und wanderte über Europa, das meist unter Wolken lag. Der Nachfolger Znamya 2.5 riss 1999 bei der Entfaltung an einer Antenne.

Die Sonne erscheint am Himmel als Scheibe von gut einem halben Grad Durchmesser. Deshalb weitet sich jeder gespiegelte Strahl auf, aus rund 600 Kilometern Höhe auf mindestens gut fünf Kilometer am Boden. Mehr Helligkeit an einem Ort entsteht nur, wenn viele Spiegel denselben Fleck gleichzeitig treffen.

An der Universität Glasgow erforscht Colin McInnes im Projekt SOLSPACE hauchdünne Reflektoren, die Solarparks in den Morgen- und Abendstunden zusätzliches Licht liefern sollen. Der Europäische Forschungsrat fördert das Vorhaben mit 2,5 Millionen Euro. Ein Ziel der Forschenden lautet ausdrücklich, möglichst wenig Streulicht auf die Erde zu lassen.

Nowack verweist gegenüber Forbes auf gesunkene Startkosten. Mit demselben Argument werben Befürworter von Weltraum-Solar, darunter Elon Musk, der mit der Chipfabrik Terafab eigene Chips dafür fertigen will.

Ob sich das Licht für Solarparks lohnt, bezweifeln Fachleute. Rechne man ohne jeden Verlust, lande man für den Testsatelliten im Milliwatt-Bereich, sagte Raumfahrtexperte Enrico Stoll von der TU Berlin der Tagesschau. Der Astronom Michael Brown von der Monash University hat die Kosten überschlagen. Eine Stunde Tageslicht an einem Ort koste zehn bis 20 Millionen US-Dollar, sagte er dem australischen Sender ABC.

Astronomen berechnen Streulicht über Dutzende Kilometer

Olivier Hainaut von der Europäischen Südsternwarte ESO hat die geplanten Konstellationen für die Fachzeitschrift Astronomy & Astrophysics durchgerechnet. Innerhalb des Strahls erscheine ein Satellit von Reflect Orbital viermal heller als der Vollmond, außerhalb etwa so hell wie die Venus. Aus einer lichtverschmutzten Stadt wie München wären die Spiegel nach seiner Rechnung die einzigen sichtbaren „Sterne”.

Ein Team um Miroslav Kocifaj von der Slowakischen Akademie der Wissenschaften modellierte die Streuung in der Atmosphäre für die größeren 54-Meter-Spiegel der geplanten Serie. Ein solcher Spiegel leuchte rund 40-mal heller als der Vollmond, heißt es in der Studie. Noch 14 Kilometer vom Zentrum des Lichtflecks entfernt sei der Himmel über weite Teile heller als in einer Vollmondnacht. Bis in rund 30 Kilometer Entfernung verändere schon ein einzelner Satellit die nächtliche Umgebung.

„Der Einsatz dieser Spiegel würde der Astronomie und der nächtlichen Umwelt ernsthaft schaden”, sagte Kocifaj der MIT Technology Review. Die American Astronomical Society legte bei der FCC Einspruch ein. Der Laserphysiker Andreas Jechow von der Technischen Hochschule Brandenburg hält das Licht für nicht lokal begrenzbar. Die ganze Atmosphäre streue es.

Biologen sehen auch Tiere, Pflanzen und Menschen betroffen. Zugvögel orientieren sich an den Sternen, Korallen laichen im Takt des Mondlichts, viele Pflanzen brauchen Dunkelphasen für die Blüte. Auch der Schlaf-Wach-Rhythmus des Menschen hängt am Wechsel von Hell und Dunkel. „Die Hälfte der Zeit fand die Evolution im Dunkeln statt”, sagte der Chronobiologe Oliver Rawashdeh, Präsident der Australasian Chronobiology Society, dem Sender ABC. Die Organisation Darksky International lehnt das Vorhaben ab.

Reflect Orbital verspricht Ausschlusszonen

Das Unternehmen weist die Kritik in Teilen zurück. Einige Annahmen der Studien seien schlicht unzutreffend, sagte Nowack der MIT Technology Review. Die Schutzmaßnahmen berücksichtigten die Streuung. In einem Blogbeitrag vom Juli beschreibt Reflect Orbital die Regeln: Die GPS-Koordinaten von Sternwarten seien in der Steuerungssoftware hinterlegt, in deren Umgebung lenke kein Satellit Licht zur Erde. Ein Überflug dauere höchstens fünf Minuten und finde innerhalb von zwei Stunden nach Sonnenuntergang statt.

Außerhalb des Betriebs drehten sich die Satelliten so, dass sie möglichst wenig Fläche zur Erde zeigen. Ihre Positionen wolle das Unternehmen vorab veröffentlichen. Das Licht sei zu schwach, um Brände auszulösen oder Augen zu schädigen, selbst durch ein Teleskop. Licht bestellen sollen nach Angaben von Nowack gegenüber Forbes nur große Unternehmen, jede Anfrage werde einzeln geprüft.

Wie Tiere, Pflanzen und Anwohner außerhalb der Ausschlusszonen geschützt werden, hat Reflect Orbital bislang nicht konkret beschrieben. Eärendil-1 soll bis Jahresende starten. Die Bahn liegt zunächst bei 500 Kilometern, für die Vorführungen will das Unternehmen auf 650 Kilometer steigen. Erst der Testflug zeigt, wie hell und wie weit gestreut Sonnenlicht per Weltraumspiegel am Boden ankommt.

QUELLEN

b7db695c8e7243d5a0530ff8b608d2b8
  1. Aerospace America: Reflect Orbital readies for first on-orbit demo of shining sunlight at night, 20. Juli 2026.
  2. Wikipedia: Reflect Orbital, abgerufen am 29. September 2026.
0 0 Bewertungen
Beitragsbewertung
Abonnieren
Benachrichtigen bei
0 Kommentare
Neueste
Älteste Meistbewertet
Nach oben scrollen
0
Ihre Meinung würde uns sehr interessieren. Bitte kommentiere.x