DIE TEMPERATURMARKE VON PARIS · 25. OKTOBER 2026

Warum die Welt das 1,5-Grad-Ziel bald überschreitet und trotzdem braucht
Beim 1,5-Grad-Ziel aus Paris zählt der Mittelwert vieler Jahre, kein einzelnes Rekordjahr. Im Schnitt der Jahre 2016 bis 2025 lag die Erde 1,26 Grad über vorindustriellem Niveau. Das CO2-Budget für die Marke reicht noch gut drei Jahre.
Im Jahr 2024 lag die globale Mitteltemperatur nach Angaben der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) rund 1,55 Grad über dem Mittel der Jahre 1850 bis 1900. Damit war erstmals ein ganzes Kalenderjahr wärmer als die Marke von Paris. Verfehlt hat die Welt das 1,5-Grad-Ziel damit noch nicht, weil es einen Durchschnitt über viele Jahre beschreibt. 2025 lag der Wert mit 1,43 Grad wieder darunter, gedämpft von einer kühlenden La Niña im Pazifik.
Auf die Frage, ob die Staaten das 1,5-Grad-Ziel noch halten können, geben zwei Forschergruppen 2026 fast dieselbe Antwort. Ein Team um den Klimaforscher Piers Forster von der Universität Leeds erwartet, dass die menschengemachte Erwärmung die Marke um 2030 erreicht. Das UN-Umweltprogramm UNEP hält eine Überschreitung für unvermeidbar und beschreibt, wie die Welt danach unter 1,5 Grad zurückkehren kann.
Als Linie, die nie überschritten wird, lässt sich das 1,5-Grad-Ziel damit kaum noch retten. Als Maßstab brauchen Regierungen und Forschung es weiter, denn jedes Zehntelgrad darüber vergrößert die Schäden. Je mehr CO2 die Staaten ausstoßen, desto höher fällt die Spitze aus. Entsprechend länger dauert die Rückkehr (mehr dazu: Pariser Klimaabkommen: Ziele, Regeln und Bilanz).
Inhalt
Woher stammt das 1,5-Grad-Ziel
Das 1,5-Grad-Ziel steht in Artikel 2 des Pariser Abkommens, das 195 Vertragsparteien im Dezember 2015 auf der Klimakonferenz COP21 beschlossen. Die Staaten wollen die Erwärmung deutlich unter zwei Grad halten und Anstrengungen unternehmen, sie auf 1,5 Grad zu begrenzen. Das Abkommen trat im November 2016 in Kraft.
Die wissenschaftliche Grundlage lieferte der Weltklimarat IPCC im Oktober 2018 mit seinem Sonderbericht über 1,5 Grad globale Erwärmung. Die Autor*innen bezifferten die menschengemachte Erwärmung damals auf rund ein Grad. In Pfaden ohne nennenswerte Überschreitung sinken die globalen CO2-Emissionen bis 2030 um etwa 45 Prozent gegenüber 2010. Um 2050 fällt der Netto-Ausstoß auf Null.
Im selben Bericht begründete der IPCC, warum der Abstand zu zwei Grad zählt. Bei 1,5 Grad schrumpfen die Korallenriffe nach der Projektion um weitere 70 bis 90 Prozent, bei zwei Grad um mehr als 99 Prozent. Der Meeresspiegel steigt bis 2100 bei 1,5 Grad rund zehn Zentimeter weniger als bei zwei Grad.
Welche Temperatur zählt beim 1,5-Grad-Ziel
Beim 1,5-Grad-Ziel zählt die langfristige Erwärmung der globalen Oberflächentemperatur gegenüber dem Zeitraum 1850 bis 1900. Ein einzelnes heißes Jahr gilt nicht als Überschreitung, weil El Niño, La Niña und Vulkanausbrüche den Jahreswert schwanken lassen.
Eine Messvorschrift steht nicht im Pariser Abkommen, darauf weisen Forster und Kollegen in ihrer Jahresbilanz ausdrücklich hin. Der IPCC definierte die Erwärmung im Sonderbericht von 2018 als Mittel über 30 Jahre, zentriert auf das betrachtete Jahr. Im sechsten Sachstandsbericht von 2021 arbeitete er mit dem Mittel des zurückliegenden Jahrzehnts.
Ein zentriertes 30-Jahres-Mittel läuft der Wirklichkeit hinterher, weil die Hälfte des Zeitraums noch in der Zukunft liegt. Forster und Kollegen geben deshalb zusätzlich einen Trendwert für das Einzeljahr an, der kurzfristige Schwankungen herausrechnet. Nach dieser Methode lag die menschengemachte Erwärmung 2025 bei 1,37 Grad.
Klimaforscher*innen werten das Rekordjahr 2024 deshalb nicht als Bruch des 1,5-Grad-Ziels. Selbst das Dreijahresmittel 2023 bis 2025 lag nach Daten der WMO mit 1,48 Grad knapp unter der Marke.
Wie stark hat sich die Erde bis 2025 erwärmt
Im Mittel der Jahre 2016 bis 2025 lag die globale Oberflächentemperatur 1,26 Grad über vorindustriellem Niveau. Davon gehen 1,24 Grad auf menschliche Aktivitäten zurück.
Die Zahlen stammen aus der Jahresbilanz „Indicators of Global Climate Change 2025“. Forster veröffentlichte sie im Juni 2026 mit einem internationalen Team in der Fachzeitschrift Earth System Science Data. Das Team schreibt die Methoden des Weltklimarats jedes Jahr mit neuen Daten fort. So entsteht zwischen zwei IPCC-Berichten ein überprüfbarer Zwischenstand.
Die menschengemachte Erwärmung stieg im Zeitraum 2016 bis 2025 um 0,27 Grad pro Jahrzehnt. Das entspricht dem höchsten Wert seit Beginn der Messungen, den das Team schon im Vorjahr ermittelt hatte. Für 1980 bis 2020 hatte der IPCC 2021 noch 0,19 Grad pro Jahrzehnt angegeben. Auch der US-Klimaforscher Zeke Hausfather sieht die Erwärmung beschleunigt (mehr dazu: Zeke Hausfather im Porträt).
Nach der Rechnung von Forsters Team erreicht die menschengemachte Erwärmung um 2030 die Schwelle des 1,5-Grad-Ziels, wenn die Emissionen auf dem Niveau von 2025 bleiben. In ihrem Klimazustandsbericht vom März 2026 führt die WMO die elf Jahre von 2015 bis 2025 als die elf wärmsten seit Messbeginn.
Wie viel CO2 bleibt für das 1,5-Grad-Ziel
Für eine Chance von 50 Prozent auf das 1,5-Grad-Ziel blieben Anfang 2026 noch rund 130 Milliarden Tonnen CO2. Bei Emissionen auf dem Niveau von 2025, rund 42 Milliarden Tonnen pro Jahr, ist dieses Restbudget in gut drei Jahren aufgebraucht.
Das Budget beruht auf einem fast linearen Zusammenhang: Jede ausgestoßene Tonne CO2 erhöht die Temperatur dauerhaft um einen kleinen, berechenbaren Betrag. Forster und Kollegen setzen dafür 0,45 Grad pro 1.000 Milliarden Tonnen an. Die CO2-Konzentration in der Atmosphäre stieg 2025 auf 425,6 ppm (mehr dazu: Keeling-Kurve einfach erklärt).
Im Sachstandsbericht von 2021 hatte der Weltklimarat ab Anfang 2020 noch 500 Milliarden Tonnen ausgewiesen. Seitdem hat die Menschheit rund 250 Milliarden Tonnen ausgestoßen. Den übrigen Abzug von gut 100 Milliarden Tonnen begründen die Autor*innen mit neueren Modellen für Aerosole und der stärker als erwartet gestiegenen Temperatur.
Unsicher bleibt der Wert vor allem wegen anderer Treibhausgase. Die Rechnung unterstellt, dass die Methanemissionen zwischen 2020 und 2050 um etwa die Hälfte sinken. Je nachdem, wie gut den Staaten das bei Methan, Lachgas und anderen Stoffen gelingt, liegt das Budget um rund 200 Milliarden Tonnen höher oder niedriger.
| Temperaturgrenze | Restbudget ab 2026, 50 % Chance (Gt CO2) | Restbudget ab 2026, 67 % Chance (Gt CO2) | Jahre bei 42 Gt pro Jahr (50 %) |
|---|---|---|---|
| 1,5 Grad | 130 | 80 | 3,1 |
| 1,6 Grad | 320 | 240 | 7,6 |
| 1,7 Grad | 500 | 390 | 11,9 |
| 1,8 Grad | 680 | 550 | 16,2 |
| 2,0 Grad | 1.050 | 860 | 25,0 |
Quelle: Forster et al., Indicators of Global Climate Change 2025, Earth System Science Data, Juni 2026, Tabelle 8. Jahre: eigene Berechnung bei CO2-Emissionen auf dem Niveau von 2025.
Was bedeutet Overshoot beim 1,5-Grad-Ziel
Overshoot heißt, dass die Erwärmung das 1,5-Grad-Ziel zeitweise überschreitet, einen Höhepunkt erreicht und danach wieder sinkt. Das UN-Umweltprogramm hält diesen Verlauf im Bericht „Limiting Overshoot“ vom September 2026 bei der heutigen Politik der Staaten für unvermeidbar.
Selbst im günstigsten Szenario erreicht die Erwärmung nach UNEP einen Höhepunkt von 1,8 Grad, die meisten anderen Szenarien liegen höher. Je höher die Spitze und je länger die Phase über 1,5 Grad, desto größer werden die Risiken für Menschen und Natur. Eine niedrige, kurze Überschreitung senkt die Gefahr, unumkehrbare Schwellen und die Grenzen der Anpassung zu erreichen.
UNEP empfiehlt deshalb einen Pfad aus Überschreitung, Höhepunkt und Rückgang, mit möglichst kleiner Spitze und möglichst kurzer Dauer. „Es gibt keinen guten Ausgang, wenn wir über 1,5 Grad bleiben“, sagt UNEP-Exekutivdirektorin Inger Andersen in der Pressemitteilung zum Bericht (mehr dazu: UNEP-Overshoot-Report).
Forscher*innen fassen solche Schwellen im Erdsystem im Konzept der planetaren Grenzen zusammen, das neben dem Klima acht weitere Bereiche erfasst (mehr dazu: Planetare Grenzen).
Wie kommt die Erwärmung wieder unter 1,5 Grad
Zurück unter 1,5 Grad gelangt die Welt nur, wenn sie der Atmosphäre netto mehr CO2 entzieht, als sie ausstößt. Erreichen die Staaten netto Null, endet der Anstieg nach UNEP weitgehend, für die Rückkehr brauchen sie netto negative Emissionen.
Nur wenn die Spitze deutlich unter zwei Grad bleibt und die Staaten alle Restemissionen senken, kann die CO2-Entnahme laut UNEP glaubwürdig zur Rückkehr beitragen. In einem Begleittext zum Bericht nennt UNEP die Grenzen der Technik. Neuartige Verfahren kosten bis zu 600 US-Dollar je Tonne CO2, ihre Menge müsste sich bis 2050 verdrei- bis vervierfachen. In diesem Jahrhundert ließe sich die Erwärmung so nur um einige Zehntelgrad zurückdrehen.
Schon 2018 hatte der IPCC gewarnt, dass eine Überschreitung um 0,2 Grad oder mehr Entnahmeraten verlangt, die womöglich nicht erreichbar sind. Auch eine gelungene Rückkehr stellt den alten Zustand nicht wieder her. Ozeane, Eisschilde und Ökosysteme reagieren über Jahrzehnte und länger, viele Veränderungen bleiben.
Über die Kosten eines Kurses auf 1,5 Grad streiten Publizisten und Forschende (mehr dazu: Klimaschutz-Kosten: Was Forscher wirklich sagen). Wer die Entnahme einplant, muss die Preise von UNEP mitrechnen: Jede Tonne, die die Staaten heute nicht ausstoßen, müssen sie später nicht teuer zurückholen.
Welche Rolle spielt das 1,5-Grad-Ziel auf der COP31 in Antalya
Die Vertragsstaaten treffen sich vom 9. bis 20. November 2026 im türkischen Antalya zur Weltklimakonferenz COP31. Die Türkei stellt mit Murat Kurum den Präsidenten der Konferenz, der australische Klimaminister Chris Bowen leitet die Verhandlungen.
Beide äußerten sich zum Overshoot-Bericht von UNEP. Bowen erklärte, jeder Bruchteil eines Grades über 1,5 führe zu immer schwereren Folgen. Kurum sagte, das Überschreiten von 1,5 Grad dürfe nicht als neues Ziel gelten, und die COP31 müsse die Dringlichkeit in konkretes Handeln übersetzen.
Forster und Kollegen richten ihre Jahresbilanz ausdrücklich auch an Verhandler*innen im UN-Klimaprozess. Mit einem Restbudget von rund 130 Milliarden Tonnen können die Staaten das 1,5-Grad-Ziel in Antalya nur noch als Rückkehrmarke planen. Wie hoch die Spitze ausfällt, entscheiden sie mit ihren Emissionen der kommenden Jahre.