Die Forscher hinter dem Climate Action Tracker sehen die Welt auf Kurs zu 2,6 Grad

Klimaversprechen im Realitätscheck · 30. OKTOBER 2026

Wie die Forscher des NewClimate Institute Klimaversprechen nachrechnen

Mit der heutigen Klimapolitik steuert die Welt auf rund 2,6 Grad Erderhitzung zu. Das zeigt der Climate Action Tracker. Forscher des NewClimate Institute und von Climate Analytics prüfen darin, ob Staaten halten, was sie versprechen. Deutschland bekommt die Note „unzureichend“.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 9 Min. LESEN


Im Pariser Klimaabkommen haben sich die Staaten auf möglichst 1,5 Grad verpflichtet. Die Politik, die heute tatsächlich gilt, verfehlt diese Grenze um mehr als ein Grad. Wie groß die Lücke zwischen Zielen auf dem Papier und Gesetzen, Förderprogrammen und Ausbauplänen ist, rechnen die Forscher für jedes Land aus: als Temperatur im Jahr 2100.

Am schlechtesten schneiden die USA ab. Der Tracker stuft sie als „kritisch unzureichend“ ein, die unterste von fünf Stufen. Finn Hossfeld vom NewClimate Institute leitet die US-Analyse. Er spricht laut Mitteilung des Trackers vom umfassendsten Rückbau von Klimazielen, Klimapolitik und Fördergeld, den das Team je untersucht hat.

Ebenfalls auf der untersten Stufe steht die Türkei, Gastgeberin der Klimakonferenz COP31 in Antalya. Sie habe gute Regeln für erneuerbare Energien geschaffen, setze aber weiter auf Kohle und Gas, heißt es in der Analyse des Trackers. NewClimate-Mitgründer Niklas Höhne sagte, die Regierung könne „als COP31-Präsidentschaft Führungsstärke zeigen“, etwa mit Ausstiegsplänen für Kohle und Gas vor der Konferenz.

Der Climate Action Tracker rechnet Klimapolitik in Grad um

Den Climate Action Tracker gibt es seit 2009. Heute betreiben ihn das NewClimate Institute und das Forschungsinstitut Climate Analytics gemeinsam. Früher gehörten auch das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung bis 2016 und Ecofys bis 2019 zum Konsortium. Nach eigenen Angaben deckt der Tracker rund 85 Prozent der weltweiten Emissionen ab. Climate Analytics rechnet auch eigene Pfade, etwa für den deutschen Kohleausstieg bis 2030.

Für jedes Land prüfen die Forscher die umgesetzte Politik, die Klimaziele und den fairen Anteil an der globalen Anstrengung. Fairer Anteil heißt: Reiche Staaten müssen mehr leisten und ärmere Länder finanziell unterstützen. Das Bewertungssystem kennt fünf Stufen, von „1,5-Grad-kompatibel“ über „fast ausreichend“ und „unzureichend“ bis „höchst unzureichend“ und „kritisch unzureichend“.

Die Länderergebnisse rechnet der Tracker mit dem Klimamodell MAGICC zu einer Erderhitzung bis 2100 hoch. Laut seinem jüngsten globalen Update führt die umgesetzte Politik zu etwa 2,6 Grad über dem vorindustriellen Niveau. 2015 hatte der Tracker noch rund 3,6 Grad errechnet. Seit etwa 2020 bewegt sich die Prognose kaum.

Grafik: Der Climate Action Tracker erwartet bis 2100 rund 2,6 Grad Erderhitzung mit der heutigen Politik, 3,6 Grad mit der Politik von 2015, 2,2 Grad mit verbindlichen Langfristzielen und 1,9 Grad, wenn alle Netto-Null-Ziele erreicht werden
Erwartete Erderhitzung bis 2100 je nach Annahme. Daten: Climate Action Tracker. Grafik: Cleanthinking.de

Zählen die verbindlichen Langfrist- und Netto-Null-Ziele mit, sinkt der Wert auf etwa 2,2 Grad. Erreichten mehr als 140 Länder ihre angekündigten Netto-Null-Ziele, läge die mittlere Schätzung bei 1,9 Grad, so die Übersicht der Emissionspfade. Mit allen Klimaplänen kämen die Emissionen 2035 auf 48 bis 52 Gigatonnen CO2-Äquivalent, ein 1,5-Grad-Pfad verlangt 21 Gigatonnen. Auch die Internationale Agentur für Erneuerbare Energien sieht die Pläne weit über dem Klimapfad (mehr dazu: Regierungen verfehlen den Klimapfad).

Deutschland und die EU bekommen die Note „unzureichend“

In seiner jüngsten Analyse für Deutschland und die EU vergibt der Tracker beiden die Gesamtnote „unzureichend“. Die Bundesregierung entferne sich von den gesetzlichen Zielen für 2030 und 2045, urteilen die Fachleute. Für 2030 erwarten sie höhere deutsche Emissionen als im vorigen Update.

Deutschland habe die EU-Beschlüsse zum Abschwächen der Klimapolitik mitgeprägt, etwa beim Verkehr und bei internationalen CO2-Gutschriften, heißt es in der Mitteilung zur EU. „Deutschland verlängert seine Abhängigkeit von importierten fossilen Brennstoffen, während Europa brennt“, sagt NewClimate-Analyst Finn Hossfeld. Aus China meldet dieselbe Analyse sinkende Emissionen im Strom- und Verkehrssektor, der Höhepunkt lag womöglich schon 2025.

Auch Kanada rutscht ab. Das Land behält zwar die Gesamtnote „höchst unzureichend“, die Teilnote für umgesetzte Politik fiel aber auf „kritisch unzureichend“. Die geplanten Maßnahmen senken Kanadas Emissionen bis 2030 nur noch um 14 Prozent unter das Niveau von 2005. Zwei Jahre zuvor hatte der Tracker dafür noch 30 Prozent errechnet.

Die Türkei überholte 2024 laut Tracker Deutschland als größter Kohlestromerzeuger Europas. Ihre Ziele für 2030 und 2035 erreicht sie ohne Mühe, die Emissionen steigen trotzdem bis 2035 weiter.

Im CCRM fallen die Klimastrategien großer Konzerne durch

Seit 2022 untersucht der Corporate Climate Responsibility Monitor, kurz CCRM, die Klimastrategien multinationaler Konzerne. In vier Ausgaben bewerteten die Forscher laut Jahresbericht 55 Unternehmen aus 15 Branchen. Sie prüfen Transparenz und Integrität: wie genau ein Konzern seine Emissionen offenlegt, wie tief seine Ziele reichen und worauf er Kompensationen stützt.

Die jüngste Ausgabe entstand mit Carbon Market Watch. Sie analysiert 20 Unternehmen aus Ernährung, Technik, Mode und Autoindustrie. Keiner erreicht auf der fünfstufigen Skala „angemessene“ oder „hohe“ Integrität, nur H&M, Stellantis und Apple kommen auf „mäßig“. Unter den Autobauern legte außer Stellantis keiner eine glaubwürdige Strategie vor, auch Volkswagen nicht.

Reine Treibhausgasziele halten die Autor*innen für nicht mehr zeitgemäß. Sie verlangen zusätzlich Ziele, die den Umbau des jeweiligen Geschäftsmodells messbar machen. Standardsetzer zertifizierten Strategien oft, ohne deren strukturelle Schwächen anzugehen, schreibt das Team.

Die erste Ausgabe 2022 bewertete 25 Konzerne, darunter Eon, BMW und Volkswagen. Eon-Sprecher Christian Drepper hielt der Studie vor, sie entspreche methodisch nicht dem international gültigen Standard, berichtete Clean Energy Wire. Im Kern ging es um die Lieferkette. Der Bericht warf Eon vor, 90 Prozent seiner Emissionen auszublenden, der Konzern lehnte die Zählweise ab.

Net Zero Tracker und Klimaschutz-Index prüfen weitere Versprechen

Im Net Zero Tracker arbeitet NewClimate mit der britischen Denkfabrik ECIU, dem Data-Driven EnviroLab der University of North Carolina und Oxford Net Zero zusammen. Erfasst werden alle Vertragsstaaten der UN-Klimarahmenkonvention, Regionen der 25 größten Emittenten, Städte ab 500.000 Einwohner*innen und die 2.000 umsatzstärksten börsennotierten Konzerne. Die Datenbank zählt mehr als 130 Staaten und mehr als 1.200 Unternehmen mit einem erfassten Ziel.

Ob ein Ziel trägt, liest der Tracker an Zwischenzielen, Berichtspflichten, der Lieferkette und dem Einsatz von CO2-Gutschriften ab. Bezahlt wird er ausschließlich von Stiftungen. Ähnliche Kriterien hat die Science Based Targets Initiative in ihrem Net-Zero-Standard für Unternehmen festgeschrieben.

Mit Germanwatch und dem Climate Action Network gibt NewClimate jährlich den Klimaschutz-Index CCPI heraus. Er vergleicht 63 Staaten und die EU, die zusammen mehr als 90 Prozent der Treibhausgase ausstoßen. In der Ausgabe 2026 rutschten die USA um acht Plätze auf Rang 65 ab. Den CCPI 2027 wollen die Herausgeber auf der COP31 in Antalya vorstellen.

Fünf Gründer, keine Jobtitel: das Team hinter dem Tracker

Gegründet wurde das NewClimate Institute laut Jahresbericht 2024 im Jahr 2014. Die Anteile der gemeinnützigen GmbH halten die fünf Gründungsmitglieder.

Intern verzichtet das Team auf Jobtitel, die Leitungsaufgaben verteilen sich auf alle Beschäftigten. Wer nach außen einen Titel braucht, stimmt ihn mit Kolleg*innen ab. Auf seiner Über-uns-Seite beschreibt sich das Institut als unabhängige, gemeinnützige Organisation, die mit Forschung mehr Ehrgeiz im Klimaschutz erreichen will.

Das bekannteste Gesicht des Instituts ist Niklas Höhne. Laut seinem Profil beim Institut arbeitete er von 1998 bis 2001 im Sekretariat der UN-Klimarahmenkonvention und danach bis 2014 beim Beratungsunternehmen Ecofys. Seit 2003 schreibt er an Berichten des Weltklimarats IPCC mit, seit 2010 an jedem Emissions Gap Report des UN-Umweltprogramms. Den Climate Action Tracker hat er nach Angaben des Instituts ins Leben gerufen.

Auch in deutschen Debatten meldet sich Höhne zu Wort. Als Welt-Chefreporter Axel Bojanowski vor den Kosten des 1,5-Grad-Ziels warnte, kritisierte Höhne die Rechentechnik solcher Vergleiche. Diskontraten ließen ferne Klimaschäden klein erscheinen (mehr dazu: was Forscher zu den Klimaschutz-Kosten sagen).

Ministerien und Stiftungen bezahlen jedes Projekt einzeln

Eine Grundfinanzierung erhält das Institut nicht, jedes Projekt bringt sein eigenes Geld mit. Für 2025 weist der Jahresbericht 2025 vorläufige Einnahmen von 7,2 Millionen Euro aus, nach 6,0 Millionen Euro im Jahr 2024. Zuschüsse staatlicher Stellen machten 2025 knapp 46 Prozent aus, Stiftungsgelder knapp 41 Prozent. Forschungs- und kommerzielle Aufträge brachten je knapp sechs Prozent.

Zu den Geldgebern zählen Regierungsstellen aus Deutschland, den Niederlanden, Norwegen und Frankreich. Unter den Stiftungen nennt das Institut die European Climate Foundation, die ClimateWorks Foundation und die Ikea Foundation. Rund 59 Prozent der Ausgaben flossen 2025 ins Personal.

Im Team zählte der Bericht 35 Frauen und 18 Männer, dazu wenige Beschäftigte, die sich keiner der beiden Kategorien zuordnen. 2025 veröffentlichte das Team 64 Arbeiten, darunter 27 Berichte, ein Jahr zuvor waren es 71.

SteckbriefAngabeStand und Quelle
NameNewClimate Institute, offiziell Institute for Climate Policy and Global Sustainability gGmbHJahresbericht 2025
Rechtsformgemeinnützige GmbH, Gesellschafter sind die fünf Gründungsmitgliedernewclimate.org, Oktober 2026
Gegründet2014Jahresbericht 2024
StandorteWaidmarkt 11a, Köln; Schönhauser Allee 10-11, BerlinJahresbericht 2025
Bekanntester MitgründerNiklas Höhne, zuvor Ecofys (2001 bis 2014)newclimate.org, Oktober 2026
Team35 Frauen, 18 Männer, dazu wenige Beschäftigte ohne diese ZuordnungJahresbericht 2025
Einnahmen7,2 Mio. Euro (2025, vorläufig), 6,0 Mio. Euro (2024)Jahresbericht 2025
Finanzierungnur Projektmittel, keine Grundfinanzierung; 2025 rund 46 % staatliche Stellen, 41 % StiftungenJahresbericht 2025
Veröffentlichungen64 im Jahr 2025, darunter 27 BerichteJahresbericht 2025
Climate Action Trackerseit 2009, gemeinsam mit Climate Analyticsclimateactiontracker.org, Oktober 2026
Corporate Climate Responsibility Monitorseit 2022, vier Ausgaben, 55 Konzerne aus 15 BranchenJahresbericht 2025
Weitere ProjekteNet Zero Tracker (mit ECIU, Data-Driven EnviroLab, Oxford Net Zero), Klimaschutz-Index CCPI (mit Germanwatch und CAN International)zerotracker.net, germanwatch.org, Oktober 2026
Webseitenewclimate.org-

Häufige Fragen zum NewClimate Institute

Wer finanziert das NewClimate Institute?

Das NewClimate Institute erhält keine Grundfinanzierung und lebt nur von Projektmitteln. 2025 kamen laut Jahresbericht knapp 46 Prozent der vorläufig 7,2 Millionen Euro Einnahmen von staatlichen Stellen und knapp 41 Prozent von Stiftungen. Zu den Geldgebern zählen Regierungsstellen aus Deutschland, den Niederlanden, Norwegen und Frankreich.

Wie unterscheiden sich NewClimate Institute und Climate Analytics?

Beide sind eigenständige Forschungsinstitute und betreiben seit 2009 gemeinsam den Climate Action Tracker. NewClimate stellt dort unter anderem die Analysen für Deutschland, die USA und China. Daneben verantwortet NewClimate eigene Projekte wie den Konzern-Monitor CCRM.

Wie bewertet der Climate Action Tracker Deutschland?

Der Climate Action Tracker bewertet die deutsche Klimapolitik insgesamt als „unzureichend“. Die Bundesregierung entferne sich von den gesetzlichen Zielen für 2030 und 2045. Für 2030 erwartet der Tracker höhere Emissionen als im vorigen Update.

Ist der Net Zero Tracker ein Projekt des NewClimate Institute?

Das NewClimate Institute ist einer von vier Partnern des Net Zero Tracker, neben ECIU, dem Data-Driven EnviroLab und Oxford Net Zero. Die Datenbank erfasst Netto-Null-Ziele von Staaten, Regionen, Städten und den 2.000 größten börsennotierten Konzernen. Sie wird ausschließlich von Stiftungen finanziert.

QUELLEN

  1. Net Zero Tracker: About & Contact, abgerufen Oktober 2026.
  2. NewClimate Institute: Corporate Climate Responsibility Monitor 2025 (Volltext), Juli 2025.
  3. Climate Action Tracker: Türkiye, Länderanalyse, September 2026.
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