KOMMENTAR · 24. OKTOBER 2026
Unsplash / Bill MeadArnold Schwarzenegger irrt bei der Atomkraft in Kalifornien
Arnold Schwarzenegger verlangt neue Atomkraftwerke, damit Kalifornien sein Klimaziel für 2045 hält. Im Klimaschutz zählt aber nur, was schnell und in großer Menge liefert. Genau das hat sein eigenes Solardach-Programm getan, ein Reaktor kann es nicht.
„Wir müssen in Kalifornien Atomkraftwerke bauen", sagt Arnold Schwarzenegger im Interview mit der Financial Times. Er sprach aus seinem Haus in Brentwood, während Einsatzkräfte in anderen Teilen des Bundesstaats Waldbrände bekämpften. Mit dieser Gleichzeitigkeit lebt Kalifornien seit Jahren und rüstet sich gegen die nächste Extremsaison. Für Atomkraft in Kalifornien wirbt der frühere Gouverneur seit Jahren unter dem Titel „terminate pollution", der Verschmutzung ein Ende setzen.
Der Satz hat Gewicht. Schwarzenegger unterzeichnete 2006 das kalifornische Klimagesetz und führte damit den Emissionshandel ein. Er griff weiter als andere Regierungen, die damals allein die Stromerzeugung regelten.
Die Warnung von damals, das Klimagesetz werde die kalifornische Wirtschaft belasten, hat sich nicht bewahrheitet. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf wuchs seit 2006 um 41 Prozent, die Emissionen pro Kopf sanken um 29 Prozent. Das Ziel für 2020 erreichte der Bundesstaat Jahre vor der Frist.
Schwarzenegger verlangt Reaktoren für 2045
Er fordert einen großen Ausbau der Atomkraft, damit der größte US-Bundesstaat seine Klimaziele erreicht. Das Ziel der Klimaneutralität bis 2045 sieht er in Gefahr: Fällt Kalifornien zu weit zurück, werde das Aufholen sehr schwer. Politiker müssten einfach aggressiver vorgehen.
Den Rahmen dafür hat der scheidende Gouverneur Gavin Newsom gesetzt. Er stoppte die Stilllegung des einzigen Atomkraftwerks des Staates und ließ per Gesetz die Entwicklung neuer Reaktoren untersuchen.
Dem Befund von Schwarzenegger stimme ich zu. Beim Werkzeug widerspreche ich.
Kalifornien darf seit 1976 keinen Reaktor genehmigen
Neue Atomkraft in Kalifornien scheitert vor dem ersten Spatenstich am Gesetz. Seit 1976 darf der Bundesstaat kein Atomkraftwerk genehmigen, solange die Bundesregierung kein nachgewiesenes Verfahren zur Endlagerung hochradioaktiven Abfalls zugelassen hat. Ein nationales Endlager gibt es nicht. Die Bedingung war in 50 Jahren nie erfüllt.
Ende September 2026 unterzeichnete Kalifornien das Gesetz AB 2647 der Abgeordneten Lisa Calderon. Es beauftragt die California Energy Commission zu prüfen, ob neue Atomkraftwerke und fortgeschrittene Reaktoren zum Ziel sauberen Stroms bis 2045 beitragen könnten. Vorliegen soll die Prüfung bis zum 1. Januar 2028. Das Moratorium bleibt: In der ursprünglichen Fassung sollten fortgeschrittene Reaktoren vom Verbot ausgenommen werden, diese Passage strich der Gesetzgeber wieder.
Was danach kommt, lässt sich abzählen. Nach dem Prüfbericht 2028 braucht es ein Gesetzgebungsverfahren zum Verbot, dann Standort, Genehmigung und Finanzierung, dann den Bau. Weltweit gingen zwischen 2023 und 2025 insgesamt 16 Reaktoren ans Netz. Sie brauchten im Schnitt 10,9 Jahre Bauzeit, und keiner wurde im Zeitplan fertig. Von 13 Reaktoren, die 2025 Strom liefern sollten, taten es vier.
Der erste Strom aus einem Reaktor, den Kalifornien heute beschließt, fließt damit in den 2040er Jahren. Die Klimaneutralität ist für 2045 verabredet. Diesen Rechenfehler mit der Zeit kenne ich aus der deutschen Debatte, ein Reaktor für 2034 gegen eine Wärmepumpe, die längst heizt. Er wiederholt sich, weil ein Reaktor eine Frage beantworten soll, die bis zu seiner Fertigstellung längst entschieden ist.
Schwarzenegger erklärt Klimaziele im Interview über das Bodybuilding. Wer den Titel Mr. Universe und 20 Zoll Bizeps wolle, müsse sich für das nächste Jahr 14 Zoll vornehmen. Im Jahr darauf folgen 16 Zoll. Kalifornien hat solche Stufen: bis 2030 mindestens 40 Prozent unter dem Emissionsniveau von 1990, bis 2045 Klimaneutralität. In keiner dieser Stufen liefert ein heute beschlossener Reaktor eine Kilowattstunde.
Georgia zahlte 36,8 Milliarden Dollar für zwei Gigawatt
Am Kraftwerk Vogtle in Georgia begann der Bau 2009, geplant waren die Fertigstellung 2017 und rund 14 Milliarden US-Dollar. Fertig wurden die Blöcke 3 und 4 im Jahr 2024, sieben Jahre später als geplant, für 36,8 Milliarden US-Dollar. Das ist das teuerste Kraftwerksprojekt der US-Geschichte, mit gut zwei Gigawatt Leistung.
Bezahlt haben das die Kunden von Georgia Power, von 2009 bis 2024 über einen monatlichen Bauzuschlag, bei manchen Haushalten insgesamt über 1.000 Dollar. Die Strompreise für Haushalte und kleine Gewerbekunden stiegen um mehr als 20 Prozent. Im gleichen Zeitraum baute Texas über 40 Gigawatt Solarleistung für etwa 50 Milliarden Dollar.
Die Branche widerspricht dieser Rechnung. John Kotek vom Nuclear Energy Institute hält sinkende Kosten für möglich, wenn Lieferketten und Fachkräfte reifen. Befürworter verweisen auf China, wo nach Branchenangaben etwa achtmal günstiger gebaut wird. Weltweit begann 2025 der Bau von zwölf Reaktoren, so viele wie seit 2010 nicht, und Anfang Juli 2026 standen 73 Blöcke im Bau.
Der Atomkraft in Kalifornien hilft das nicht. Eine zweite Serie wird günstiger, wenn eine erste gebaut wurde, Fachkräfte im Land arbeiten und die Genehmigung steht. Der Bundesstaat hat keine Serie, keine Baustelle und ein Verbot, das erst fallen müsste. Lernkurven beginnen nicht bei einem Prüfbericht.
Neue Atomkraft kostet nach der Lazard-Rechnung für 2026 unsubventioniert 175 bis 255 US-Dollar je Megawattstunde. Ein Solarpark kostet 40 bis 98 Dollar, mit Speicher 61 bis 156 Dollar, Wind an Land 37 bis 99 Dollar. Ein Gas-Kombikraftwerk liegt bei 51 bis 129 Dollar.
Ehrlich gehört dazu, dass Solarstrom in dieser Rechnung teurer geworden ist, nach 38 bis 78 Dollar im Vorjahr ein Plus von rund 18 Prozent. Lazard nennt Zölle, Lieferketten und höhere Kapitalkosten. An der Rangfolge ändert das nichts, und sie ist bis heute kaum bekannt: Jeder Dritte in Deutschland hält Atomstrom für billiger als Wind und Sonne.
Teuer ist nicht nur der Neubau. Der Weiterbetrieb von Diablo Canyon bis 2030 kostet rund 11,8 Milliarden US-Dollar, nach Unterlagen, die die Alliance for Nuclear Responsibility zitiert.
Solar erzeugte 2025 mehr Strom als alle Reaktoren
Solaranlagen lieferten 2025 erstmals mehr Strom als alle Kernkraftwerke der Welt zusammen. Die Atomkraft lag bei 2.703 Terawattstunden, ein Plus von 1,1 Prozent, getragen fast allein von China mit 7,6 Prozent. Ohne China sank die Atomstromerzeugung um 0,2 Prozent.
Ember zählt für Solar im selben Jahr ein Plus von 636 Terawattstunden oder 30 Prozent. Die Atomkraft legte um 35 Terawattstunden oder 1,3 Prozent zu. Der Zuwachs an erzeugtem Strom war bei Solar also rund 18-mal so groß, in einem einzigen Jahr. Verglichen wird hier erzeugter Strom, nicht installierte Leistung: Leistung lässt sich mit Volllaststunden gegenrechnen, Erzeugung nicht.
Der Abstand wird größer, solange eine Seite um 30 Prozent im Jahr zulegt und die andere um gut ein Prozent.
Schwarzenegger erreichte sein Solarziel vier Jahre früher
2006 unterzeichnete er neben dem Klimagesetz ein zweites Papier, die Million Solar Roofs Initiative von Senator Kevin Murray. Das Programm sollte eine Million Solaranlagen auf Häuser, Schulen, Bauernhöfe und Betriebe bringen und drei Gigawatt Dachsolarleistung aufbauen. Die drei Gigawatt standen 2015, vier Jahre vor Plan. Bis 2019 waren es fast neun Gigawatt, rund dreimal so viel wie geplant.
Drei Gigawatt nach neun Jahren auf kalifornischen Dächern, gut zwei Gigawatt nach 15 Jahren in Georgia. Bis 2019 standen auf den Dächern fast neun Gigawatt, viermal so viel wie in den beiden Reaktorblöcken. Dafür brauchte Kalifornien kein Moratorium und keinen Bauzuschlag auf der Stromrechnung.
Tempo und Menge hat er selbst vorgemacht, in dem Amt, aus dem er heute spricht. Dieselbe Mechanik läuft weiter. In den ersten fünf Monaten 2026 erzeugte Solar im Netzgebiet des Netzbetreibers CAISO an 82 Prozent der Tage mehr Strom als Erdgas. 2024 und 2025 waren es 21 Prozent der Tage.
Getragen hat das vor allem der Speicher. Zwischen April 2024 und April 2026 wuchs die Solarleistung im Netzgebiet um 19 Prozent auf 25 Gigawatt, die Batterieleistung um 79 Prozent auf 16 Gigawatt. Die Gasleistung blieb mit 29 Gigawatt fast unverändert. Das sind gut sieben Gigawatt zusätzliche Speicherleistung in zwei Jahren, gegen gut zwei Gigawatt in Georgia in 15 Jahren. Speicher sind inzwischen günstiger als neue Gaskraftwerke.
Die Prüfung der California Energy Commission kann ruhig laufen, ihr Ergebnis verändert die Zeitachse nicht. Wer das Ziel für 2045 halten will, entscheidet in den nächsten zwei Jahren über Leitungen, Speicher, Dächer und die Elektrifizierung der Industrie. Dort liegt die Menge, dort liegt das Tempo, und dort liegt das Kapital, das in einem Reaktor 15 Jahre lang gebunden wäre.
Ich halte Arnold Schwarzenegger für einen der wirksamsten Umweltschützer, die je ein Regierungsamt geführt haben. Seine zwei Amtszeiten haben Kalifornien verändert, und sein Klimagesetz wirkt bis heute. Bei der Atomkraft in Kalifornien irrt er trotzdem. Die Antwort auf seine eigene Frage hat er 2006 selbst unterschrieben. Sie lag auf dem Dach.
QUELLEN
- Financial Times: Schwarzenegger urges nuclear power for California to „terminate pollution", 23. Oktober 2026.
- Nature World News: California Orders a State Study of New Nuclear Plants, but Its 1976 Reactor Ban Stays in Place, 8. Oktober 2026.
- pv magazine: Solar surpasses nuclear power globally for first time, 29. September 2026.
- Ember: Global Electricity Review 2026, 2025 in Review, 2026.
- Inside Climate News: Two Years After Completion, Plant Vogtle Still Looms Over the Nuclear Debate, 10. Mai 2026.
- pv magazine USA: U.S. solar LCOE on the rise, Lazard says, 13. Juli 2026.
- U.S. Energy Information Administration: Solar generation in CAISO surpassed natural gas in the first five months of 2026, 16. Juni 2026.
- USC Schwarzenegger Institute: California Has Reached its 1,000,000 Solar Roofs Goal, Dezember 2019.