Klimaangst: Das Gegengift heißt Selbstwirksamkeit

ECO-ANXIETY · 14. JUNI 2026

Was gegen die Klimaangst hilft, steht auf dem Dach

Eco-Anxiety, die Sorge vor der Klimakrise, ist real und relevant. Gegen die Lähmung, die daraus entstehen kann, gibt es ein wirksames Mittel. Die Psychologie und 220.000 Menschen in Energiegenossenschaften nennen es: gemeinsam handeln.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 6 Min. Lesezeit LESEN


Die Psychotherapeutin Katharina van Bronswijk fragt ihre Patientinnen und Patienten inzwischen routinemäßig, welche gesellschaftspolitischen Themen ihnen Sorgen bereiten. Der Klimawandel gehört oft dazu. Für diese Sorge gibt es seit Jahren einen Namen: Eco-Anxiety. Auf Deutsch: Klimaangst.

Fast jeder dritte Jugendliche in Deutschland hat große Angst vor dem Klimawandel, so die aktuelle BARMER-Jugendstudie. Die Furcht ist somit aus der Aktivismus-Ecke ins Zentrum der Gesellschaft gerückt.

Entscheidend ist, was aus dieser Angst wird. Sie kann lähmen und in Wut, Gleichgültigkeit oder Rückzug kippen. Sie kann aber auch zum Antrieb werden.

Eine Angst mit eigener Messskala

Klimaangst ist mehr als ein weiches Gefühlswort, wie der Forschungsstand zeigt. Die Gründungsstudie stammt aus dem Jahr 2021, veröffentlicht in der Fachzeitschrift Lancet Planetary Health. Befragt wurden 10.000 junge Menschen in zehn Ländern, 59 Prozent von ihnen gaben an, sich sehr oder extrem über den Klimawandel zu sorgen.

Mittlerweile gibt es ein validiertes Messinstrument, das auch ins Deutsche übertragen wurde: die sogenannte Hogg Eco-Anxiety Scale. Das Forschungsfeld Klimaangst verfügt somit über eigene Skalen und Kontrollgruppen. Die Hogg Eco-Anxiety Scale orientiert sich dabei an anderen Formen der Angst.

Nur, weil Klimaangst messbar ist, ist der Fachterminus nicht mit einer Krankheit gleichzusetzen. Van Bronswijk, die auch Sprecherin der Psychologists for Future ist, sieht in der Angst sogar eine gesunde Reaktion. Die Bedrohung durch die Klimakrise ist real, also ist es vernünftig, sich zu sorgen. Zu einer behandlungsbedürftigen Störung wird das bei den allermeisten Menschen nicht.

Die Angst bleibt, die Bühne verschwindet

Hinter den 31 Prozent aus der BARMER-Jugendstudie verbergen sich Millionen junger Menschen. Hinzu kommen all jene, deren Klimagefühle sich eher in Wut, Trauer oder Resignation zeigen. Die Sorge zieht sich quer durch die ganze Generation.

Der Wert ist über die Jahre sogar leicht gesunken, von 37 Prozent 2022 auf heute 31. Doch darin verbirgt sich kein Grund zur Entwarnung. Vielmehr ist nicht die Sorge kleiner geworden, sondern ihre Bühne.

Denn das Thema Klimakrise ist nach den Millionen-Demonstrationen von Fridays for Future von der politischen und medialen Bühne verdrängt worden. Im Bundestagswahlkampf 2025 kam die Klimakrise kaum vor, die öffentliche Aufmerksamkeit hat sich verschoben, und mit ihr der Eindruck, das Problem sei erledigt oder zumindest vertagt.

Diese Verdrängung ist selbst ein Treiber der Ohnmacht. So verschwindet das Gefühl, etwas tun zu können. Erschwerend kommt hinzu, dass auch der praktische Weg zum Mitmachen verstellt wird. Die Ökonomin Claudia Kemfert vom DIW warnt seit Monaten, dass ausgerechnet die Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger an der Energiewende durch Bürokratie ausgebremst wird, obwohl sie deren stärkster Treiber sein könnte.

Von dieser Resignation profitieren diejenigen, die am fossilen Status quo verdienen. Claudia Kemfert hat diese Logik beschrieben: Die Dystopie entbindet von der Pflicht zur Entscheidung. Die Lähmung ist deshalb kein bloßer Nebeneffekt der Klimakrise, sondern ein politisch verwertbarer Zustand.

Das Gegengift heißt Selbstwirksamkeit

Was Angst in Lähmung verwandelt, ist nicht die Angst selbst, sondern das Gefühl, nichts ausrichten zu können. Genau hier setzt die Psychologie an. Es geht darum, die Angst zu regulieren und aus dem Ohnmachtsgefühl herauszukommen, und vielen Menschen hilft dabei, gemeinsam mit anderen aktiv etwas zu tun und dabei Wirksamkeit zu erleben.

Van Bronswijk bringt das auf eine knappe Formel. „Selbstwirksamkeit ist das Gegengift gegen Klimaangst.” Das Gefühl, etwas bewirken zu können, ist die Waffe gegen die Katastrophenmeldungen, und weil der Einzelne meist wenig ausrichtet, liegt die Stärke im Zusammenschluss mit anderen.

Das hat eine unbequeme Konsequenz für die beliebte Fixierung auf den persönlichen CO₂-Fußabdruck. Der individuelle Spielraum ist strukturell gedeckelt, ein vollständig klimaneutrales Leben ist in Deutschland für niemanden möglich, solange die Strukturen fehlen. Entscheidend ist deshalb nicht die individuelle, sondern die politische und kollektive Selbstwirksamkeit.

Und genau die wird kaum gelernt. Es gibt kein Schulfach für demokratische Teilhabe, kaum jemand übt, wie man sich in einer Genossenschaft, einem Verein oder einer Bürgerinitiative organisiert. Wirksamkeit erlebt man nicht durch Information, sondern durch Erfahrung, und diese Erfahrung muss man irgendwo machen können.

Die Forschung stützt das. Wer die Sorge nach außen richtet und aktiv wird, kommt ins Engagement, wer sie für sich behält und vermeidet, zieht sich zurück. Die Emotion ist in beiden Fällen dieselbe, der Unterschied liegt allein im Finden von Handlungsmöglichkeiten.

International macht es der US-Klimaautor Bill McKibben vor, der trotz düsterer Nachrichten zum Feiern des weltweiten Solarbooms aufruft. Seine Lesart: Die Technologie, die der Angst eine Antwort gibt, ist gerade so billig und verfügbar wie nie zuvor. Der Pessimismus hat die Schlagzeilen für sich, die Zahlen sprechen eine andere Sprache.

Wo aus Angst Eigentum wird

Die konkreteste Form kollektiver Selbstwirksamkeit rund um die Energiewende ist die Bürgerenergie. Nach der Jahresumfrage des Deutschen Genossenschafts- und Raiffeisenverbands haben 998 Energiegenossenschaften mit ihren 220.000 Mitgliedern 3,6 Milliarden Euro in erneuerbare Energien investiert. 2025 erzeugten sie rund acht Terawattstunden sauberen Strom und vermieden damit etwa drei Millionen Tonnen CO₂.

So wird aus Angst Eigentum. Vier Fünftel dieser Genossenschaften betreiben Solaranlagen, ein Viertel auch Windparks, viele zusätzlich Wärmenetze, Speicher oder Ladeinfrastruktur. Die durchschnittliche Beteiligung liegt bei 3.600 Euro pro Mitglied, die Verantwortlichen arbeiten meist ehrenamtlich, und im Vordergrund steht nicht die Dividende, sondern die eigene Region.

Seit dem 1. Juni 2026 ist eine weitere Tür offen. Mit dem neuen Paragrafen 42c im Energiewirtschaftsgesetz sind die Verteilnetzbetreiber verpflichtet, das sogenannte Energy Sharing zu ermöglichen. Nachbarschaften, Quartiere und Genossenschaften dürfen selbst erzeugten Solarstrom erstmals über das öffentliche Netz miteinander teilen, und die Genossenschaft gilt dafür als empfohlene Rechtsform.

Wer mit einer Genossenschaft eine Solaranlage auf dem Vereinsdach mitfinanziert oder eine Energiegemeinschaft gründet, erlebt genau die Wirksamkeit, die der Angst den Boden entzieht. Diese Wirksamkeit ist dann nichts Abstraktes mehr.

Die Klimaangst lässt sich so nicht wegtherapieren, und das muss sie auch nicht. Ihren lähmenden Kern verliert sie in dem Moment, in dem aus Sorge ein Beitrag wird. Wer an einem Solardach, einem Windrad oder einer Genossenschaft mitbaut, gestaltet die Krise mit, statt ihr ohnmächtig gegenüberzustehen.

QUELLEN

  1. BARMER, SINUS-Jugendstudie 2025/26: Klimaangst
  2. Hickman, Marks et al.: Climate anxiety in children and young people, The Lancet Planetary Health (2021)
  3. Heinzel et al.: Deutsche Validierung der Hogg Eco-Anxiety Scale, Frontiers in Psychology (2023)
  4. Katharina van Bronswijk, Psychologists for Future (Podcast)
  5. DGRV: Jahresumfrage Energiegenossenschaften 2025
  6. Claudia Kemfert: Der Todeskampf der fossilen Wirtschaft, taz (2026)
  7. Bill McKibben: „Here Comes the Sun”, Democracy Now! (2025)

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