CO₂-Speicherung in der EU: EU verfehlt Ziel um 35 Prozent

KLIMAPOLITIK · 21. JUNI 2026

CO₂-Speicherung in der EU verfehlt 2030-Ziel um 35 Prozent

Eine Studie von Wood Mackenzie zeigt: Die EU wird das im Net Zero Industry Act verankerte Ziel von 50 Millionen Tonnen jährlicher CO₂-Speicherkapazität deutlich verfehlen. Die Lücke für CO₂-Speicherung in der EU beträgt mindestens 17,5 Millionen Tonnen pro Jahr.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 4 Min. Lesezeit LESEN


Selbst im günstigsten Szenario, in dem jedes Projekt in fortgeschrittener Entwicklung wie geplant realisiert wird, liegt die EU 35 Prozent unter dem gesetzlichen Ziel für CO₂-Speicherung in der EU. Weniger als sechs Prozent der anvisierten Speicherkapazität des Net Zero Industry Act (NZIA) sind derzeit in Betrieb oder im Bau. Um die 50-Millionen-Tonnen-Marke zu erreichen, müssten sich die Investitionsentscheidungen für CO₂-Speicher zwischen 2026 und 2028 verfünffachen.

Die Studie wurde von den Energiekonzernen ExxonMobil, OMV Petrom, Shell und TotalEnergies bei der Beratungsfirma Wood Mackenzie in Auftrag gegeben. Es ist bereits die zweite Untersuchung für die vier Unternehmen: Während der erste Bericht vom Oktober 2025 die Machbarkeit der Speicherung untersuchte, betrachtet die aktuelle Analyse erstmals Abscheidung, Transport und Speicherung als vernetztes System.

Fragmentierte Wertschöpfungskette bremst CO₂-Speicherung in der EU

Der NZIA hatte versucht, das klassische Henne-Ei-Problem zu lösen, indem er Speicherkapazitäten vor der Marktnachfrage gesetzlich vorschrieb. Abscheidung und Transport blieben jedoch sich selbst überlassen. „Die Politik hat einen Teil des Systems reguliert und den Rest sich selbst überlassen", fasste Lisa Gillespie, Beratungsdirektorin bei Wood Mackenzie, zusammen.

Die Folge: Speicherbetreiber stehen unter strikten gesetzlichen Verpflichtungen, verfügen aber weder über verbindliche Abnahmeverträge noch über Pipeline-Anbindungen. Bislang haben nur vier Millionen Tonnen jährlicher Abscheidungskapazität in der EU eine Investitionsentscheidung erreicht und sind vertraglich mit Speichern verknüpft.

Hinzu kommen systematische Projektverzögerungen von durchschnittlich 1,5 Jahren. Das niederländische Vorzeigeprojekt Porthos wird voraussichtlich erst in der zweiten Jahreshälfte 2027 in Betrieb gehen, rund drei Jahre hinter dem ursprünglichen Zeitplan. Das belgische Projekt Antwerp@C hat über 730 Millionen Euro an EU-Fördermitteln erhalten, ohne dass bislang eine Investitionsentscheidung gefallen wäre.

Von der geplanten EU-weiten Abscheidungskapazität von 36,5 Millionen Tonnen pro Jahr drohen rund elf Millionen Tonnen zu verwaisen, weil sie zu weit von geplanter CO₂-Infrastruktur entfernt liegen. Besonders betroffen sind laut Wood Mackenzie Standorte in Frankreich und Deutschland.

EU-Kommission sieht Fortschritte bei CO₂-Speicherung

Die Einschätzung von Wood Mackenzie steht in deutlichem Kontrast zur Position der EU-Kommission. Diese hatte Ende Mai 2026 ihren ersten Fortschrittsbericht zum NZIA-Injektionsziel veröffentlicht und erklärt, das 2030-Ziel sei erreichbar, wenn Projekte schnell genug umgesettt würden.

Drei Speicherstandorte hätten bereits eine Genehmigung: Porthos in den Niederlanden, Greensand in der dänischen Nordsee und Prinos in der griechischen Ägäis. Mindestens sieben weitere Standorte mit einer Gesamtkapazität von 19 Millionen Tonnen jährlich sollen folgen. Klimakommissar Wopke Hoekstra betonte, der europäischen Schwerindustrie würden in den nächsten Jahren mehr als 19 Millionen Tonnen jährlicher Injektionskapazität zur Verfügung stehen.

Studie im Auftrag der Öl- und Gasindustrie

Die Auftraggeber der Studie gehören zu den 44 Öl- und Gasunternehmen, die unter dem NZIA zur Bereitstellung von CO₂-Speicherkapazitäten verpflichtet sind. Sie haben ein kommerzielles Interesse daran, die Lücke zwischen politischem Anspruch und Realität zu betonen, um Fördermittel und regulatorische Erleichterungen einzufordern.

Die Studie zur CO₂-Speicherung in der EU zeigt dennoch ein reales Problem: Die CO₂-Preise im EU-Emissionshandel decken laut Wood Mackenzie nicht die Kosten der CCS-Projekte vor der Investitionsentscheidung. Die Analyse kritisiert zudem, dass die NZIA-Verpflichtungen an Öl- und Gasproduktionsmengen gekoppelt sind statt an industrielle Emissionen. Einige verpflichtete Länder hätten keine Speicherprojekte vor 2031 in der Entwicklung.

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