ENERGIEWENDE · 30. JUNI 2026
Foto: HAS Innova RigGeothermie Wärmeplanung: Zwei Drittel der Großstädte setzen auf Erdwärme
Zwei Drittel der deutschen Großstädte haben Erdwärme in ihre kommunale Wärmeplanung aufgenommen. Zwischen dem Wärmeplan und der ersten Bohrung liegt oft mehr als ein Jahrzehnt - das liegt an der Geologie, an der Finanzierung und an der kommunalen Entscheidungsgeschwindigkeit.
Zwei Drittel der deutschen Großstädte haben Erdwärme in ihre kommunale Wärmeplanung aufgenommen. Das meldet der Bundesverband Geothermie auf Basis der bis Ende Juni 2026 vorgelegten Wärmepläne. Von knapp 80 veröffentlichten Plänen der Städte über 100.000 Einwohner berücksichtigen gut 50 Geothermie mindestens als Option. Gregor Dilger, Geschäftsführer des Bundesverbands, sieht darin eine strategische Weichenstellung: „Geothermie ist lokal, planbar und unabhängig von Importen, genau das, was Kommunen jetzt brauchen."
Zum Bestand: Deutschlandweit sind rund 40 Tiefengeothermie-Anlagen in Betrieb, 16 befinden sich im Bau. Der Bundesverband zählt zusätzlich 188 Projekte als „in Planung" - eine Kategorie, die von der beschlossenen Bohrung bis zur ersten Machbarkeitsstudie reicht. Wie viele davon ans Netz gehen, hängt vor allem an der Geologie vor Ort und an der Finanzierung.
Was Geothermie Wärmeplanung in der Praxis heißt
Potsdam steht für den Fortschritt: Die Stadt hat sieben Standorte für tiefe Geothermie identifiziert, einer ist bereits im Regelbetrieb, drei weitere sind konkret geplant. Das Helmholtz-Zentrum GFZ Potsdam sitzt direkt vor Ort und liefert geologische Grundlagendaten, ein Standortvorteil, den die meisten deutschen Städte nicht haben.
In Mannheim zeigt das Projekt GeoHardt, wie Energieversorger kooperieren: EnBW und MVV Energie erschließen gemeinsam die Geothermie im Nordschwarzwald-Vorland. MVV arbeitet zusätzlich mit Vulcan Energie zusammen, für Wärmenutzung und gleichzeitig die Gewinnung von Lithium aus dem Thermalwasser. Das ist kein Nischenansatz: Vulcan hat dafür bereits eine Förderanlage in Betrieb.
Münster hat eine 3D-Seismik durchgeführt und dabei Potenzial identifiziert: bis zu 206 GWh pro Jahr aus tiefer Geothermie, weitere 84 GWh aus mitteltiefer und 385 GWh aus oberflächennaher Nutzung - zusammengenommen rund ein Viertel des städtischen Wärmebedarfs von 2.600 GWh jährlich. Eine Bohrung ist bisher nicht beschlossen.
Bohrrisiko und Vorlaufzeit sind real
Tiefengeothermie hat strukturelle Hürden. Eine Bohrung kostet als Faustregel rund eine Million Euro pro Kilometer Tiefe, ein komplettes Dublettenprojekt mit zwei Bohrungen und Anlage bewegt sich schnell im dreistelligen Millionenbereich. Die Erdwärme Grünwald bei München etwa kalkuliert für ihren Ausbau mit rund 153 Millionen Euro Gesamtinvestition. Das Fündigkeitsrisiko ist regional sehr unterschiedlich: Im Oberrheingraben und im bayerischen Molassebecken sind die geologischen Verhältnisse gut erforscht, in anderen Regionen fehlen belastbare Daten. Das erklärt, warum Mannheim und Potsdam weit sind und viele andere Städte erst am Anfang stehen.
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Geothermie ist außerdem eine von mehreren Optionen in der kommunalen Wärmeversorgung. Wärmepumpen an Flüssen und Seen, industrielle Abwärme, Biomasse-Heizkraftwerke und Großwärmepumpen konkurrieren je nach Stadtlage um Priorität und Fördergelder. Kommunen müssen diese Optionen gegeneinander abwägen, nicht alle umsetzen.
Heimische Wärme als Versorgungsoption
Wo die Geologie stimmt und der politische Wille vorhanden ist, ist Geothermie eine robuste Lösung: unabhängig vom Wetter, konstant verfügbar, ohne Brennstoffimporte. Das Fraunhofer-Institut für Energieinfrastruktur und Geothermie (IEG) schätzt das technische Potenzial der Tiefengeothermie in Deutschland auf mehrere Hundert Terawattstunden Wärme pro Jahr, ein Bruchteil davon wird heute genutzt.
Dass zwei Drittel der Großstädte die Option Geothermie Wärmeplanung inzwischen ernstnehmen, ist ein messbarer Schritt. Ob daraus Anlagen werden, hängt von der Finanzierung und der Geologie vor Ort ab. Beides klärt sich erst, wenn die Städte vom Plan zur Bohrung übergehen.
QUELLEN
- Bundesverband Geothermie e.V., Pressemitteilung zum WPG-Fristende, 30. Juni 2026
- Fraunhofer IEG Fraunhofer-Institut für Energieinfrastruktur und Geothermie
- Helmholtz-Zentrum Potsdam, Deutsches GeoForschungsZentrum GFZ GFZ Potsdam, Geothermie-Forschung
- Vulcan Energie Ressourcen GmbH Zero Carbon Lithium, Geothermie und Lithiumgewinnung
- Energie & Management Erdwärmebohrung kostet 153 Millionen Euro (Erdwärme Grünwald)
Schön, dass sämtliche Firmen und der Geothermieverband diesen Artikel geschrieben haben. Im Moment bei 30 Grad von Wärme zu sprechen, wo alle schwitzen, ist vielleicht nicht der richtige Zeitpunkt.
In Geretsried mit dem kanadischen Loop Projekt scheint es gerade nicht so gut zu laufen. Ein sehr teures Projekt durch die horizontalen Bohrungen. Auch Graben Neudorf war monatelang im Stillstand während der Bohrphase. Ich möchte mir nicht vorstellen was passiert, wenn es im dicht besiedelten Mannheim zu Beben kommt. Ohne Subventionen, die wieder der Steuerzahler zahlt, wäre die TG kaum attraktiv und ohne das Li schon gar nicht. Hier wird leider sehr optimistisch gedacht und keiner sagt letztendlich den Preis mit Anschluss, den der Verbraucher ja auch noch zahlen muss.
Hallo Marion,
ich kann Ihre Kritik schwer nachvollziehen.
Das Thema Wärme steht gerade oben auf der Agenda, weil heute die Großstädte ihre Kommunalen Wärmeplanung finalisiert haben sollen. Genau davon handelt dieser Text.
Dazu wäre es töricht, sich im Sommer NICHT mit der Wärmeversorgung in den kommenden Wintern zu beschäftigen. Genau das macht seriöse Politik / kommunale Planung aus.
Dass in Geretsried „gar nicht so gut laufen“ zu scheint, höre ich das erste Mal. Wenn Du dazu relevante Informationen hast, dann schicke sie gerne an recherche@cleanthinking.de, dann prüfen wir das. So ist es nicht mehr als ein Gerücht, das nicht nachzuvollziehen ist.
Zum Schluss: Das Thema Erdbeben durch Tiefenbohrungen ist eines, das aus der Vergangenheit stammt. Die Technologie hat sich massiv verbessert – das sollte man zur Kenntnis nehmen.
Viele Grüße,
Martin Jendrischik