SPEICHER · 02. JULI 2026
Form EnergyEisen-Luft-Batterie: Deutschlands Hoffnung ohne eine einzige Anlage
Die Welt feiert die Eisen-Luft-Batterie von Form Energy als deutsche Antwort auf die Dunkelflaute. Dieselbe Geschichte lief zeitgleich in Großbritannien, das Unternehmen steht im Lobbyregister des Bundestags, und eine Anlage in Deutschland gibt es bislang nicht.
Wer nach dem einen Speicher sucht, der Deutschland durch die Dunkelflaute trägt, denkt noch in Kraftwerksblöcken. Erst war es die Kohle, dann das Gas, jetzt soll es der eine Speicher sein, der rund um die Uhr liefert. Genau diese Suche treibt Daniel Wetzels Text „Eisen-Luft-Batterien: Deutschlands neue Batterie-Hoffnung im Kampf gegen Dunkelflauten", erschienen im Juni 2026 in der Welt.
Die Dramaturgie ist bekannt: Erst wird eine Flexibilität nach der anderen für gescheitert erklärt, dann folgt der neue Retter. Wasserstoff sei von „Energiewende-Protagonisten„ torpediert worden, Lithium-Ionen-Speicher taugten nur für zwei Stunden. Dann der Auftritt der Eisen-Luft-Batterie des US-Herstellers Form Energy, präsentiert als Antwort auf eine Frage, bei der Klimaschützer „argumentativ relativ blank“ gewesen seien.
Das ist der immer gleiche Denkfehler der fossilen Systemlogik: die eine zentrale technologische Lösung, die alles trägt. Ein Stromsystem mit hohem Anteil an Wind und Sonne funktioniert anders. Es trägt die Lücke zwischen Erzeugung und Verbrauch in Schichten ab, nicht mit einem Monolithen. Und genau diese Schichten lässt der Artikel weitgehend aus.
Dieselbe Geschichte, zwei Länder, eine Woche
Vier Tage vor Wetzels Artikel veröffentlichte die Sunday Times einen fast identischen Text für den britischen Markt. Autor Ben Spencer fragte unter dem Titel „Can the world's biggest batteries keep Britain's lights on?", ob Form Energys Großbatterien Großbritannien vor Blackouts retten können.
Die Überschneidungen rund um die Eisen-Luft-Batterie sind zu genau für einen Zufall. Beide Texte zitieren Form-Energy-Chef Mateo Jaramillo, beide nennen dieselben Kostenzahlen, rund 20 Dollar pro Kilowattstunde gegenüber 125 Dollar bei Lithium-Ionen-Systemen. Beide führen dasselbe Referenzprojekt an, eine 300-Megawatt-Anlage mit 100 Stunden Speicherdauer für ein Google-Rechenzentrum in Minnesota, die eine Stadt vier Tage lang versorgen könnte.
Beide nennen dieselbe Mitarbeiterzahl, 900, dieselbe Kapitalsumme, 1,2 Milliarden Dollar, und denselben Vergleichspunkt: Lithium-Ionen-Speicher reichen für sechs bis acht Stunden, nicht für Tage.
Beide Texte transportieren zudem dieselbe politische Forderung. Form Energy will an staatlichen Ausschreibungen für Langzeitspeicher teilnehmen, in Großbritannien an der LDES-Auktion und dem Cap-and-Floor-Fördermodell, in Deutschland an den geplanten Auktionen im Rahmen des Kraftwerkssicherheitsgesetzes.
Lesen Sie mehr über die Technologie von Form Energy: Form Energy entwickelt Eisen-Luft-Batterie für tagelange Speicherung
Der entscheidende Unterschied liegt im Umgang mit der eigenen Quelle. Die Sunday Times legt offen, dass es sich um eine Firmenankündigung handelt: Form Energy werde seine Technologie nach Großbritannien bringen, ein von Prinz William gelobtes Öko-Unternehmen. Wetzel präsentiert dieselbe Kampagne als unabhängige Enthüllung und nutzt sie, um deutschen Klimaschützern Naivität vorzuwerfen.
Der britische Kollege berichtet über eine PR-Aktion. Der deutsche reicht sie durch.
In Deutschland nur ein Lobbyeintrag
Die einzige sichtbare Aktivität von Form Energy in Deutschland ist ein Eintrag im Lobbyregister des Deutschen Bundestags, seit dem 6. Dezember 2024, Registernummer R007152. Verantwortlich ist Policy Manager Cillian Totterdell, die Interessenvertretung erfolgt „ausschließlich im eigenen Interesse". Der Eintrag ist regulär und transparent, so ist das Register gedacht.
Aufschlussreich ist das eingetragene Regelungsvorhaben. Form Energy setzt sich für die „Einführung von Auktionen für Langzeitspeicher im Rahmen des Kraftwerkssicherheitsgesetzes" ein, also für genau die Politikänderung, die der Welt-Artikel am Ende einfordert. Reiches Strom-Versorgungssicherheits- und Kapazitätengesetz will Fördergeld an einen Wirkungsgrad von 92 Prozent knüpfen. Eisen-Luft-Speicher erreichen 40 bis 50 Prozent und fielen damit heraus.
Der StromVKG-Entwurf schneidet die ersten Ausschreibungsrunden ohnehin so zu, dass vor allem Gaskraftwerke zum Zug kommen und Batteriespeicher weitgehend außen vor bleiben.
Die deutsche Anlage, die es noch nicht gibt
Wo steht die Anlage, die Wetzel zu „Deutschlands Hoffnung„ macht? Nirgends. Form Energys bislang einzige internationale Anlage entsteht in Irland, ein 10-Megawatt-Speicher mit 1.000 Megawattstunden Kapazität. Das Unternehmen selbst bezeichnete das Projekt im März 2026 als „erste angekündigte internationale Anlage, und die erste von weiteren“. Ans Netz gehen soll die Anlage frühestens 2029.
Und die Prämisse selbst wackelt. Eine Fraunhofer-IEE-Analyse beziffert den Sweet Spot bei 20 Gigawatt Speicherleistung mit vier Stunden Kapazität, also 80 Gigawattstunden. Diese Menge bringt in den meisten Wirkungsfeldern bereits den Großteil der möglichen Entlastung, allein bei den EEG-Förderkosten 2,1 Milliarden Euro im Betrachtungszeitraum. Nicht der 100-Stunden-Monolith trägt die Hauptlast, sondern vergleichsweise kurze Speicher in der richtigen Menge.
Die Eisen-Luft-Technik ist ein Baustein für die Tage, keine deutsche Anlage und schon gar nicht die eine Rettung.
Das Muster ist nicht neu. Frühere Faktenchecks zeigten, wie Studien und Zahlen zur gewünschten Erzählung zurechtgebogen wurden:
- der methodisch unzulässige Dunkelflaute-Vergleich einer Uniper-Studie mit DIW-Forschung,
- die kleingerechneten Solarboom-Zahlen,
- die angezweifelte Strompreisstudie und
- der Acht-Prozent-Irrtum bei der Nutzenergie.
- Der Eisen-Luft-Text reiht sich ein.
Was die Dunkelflaute tatsächlich abfängt
Die Energiewende braucht keinen einzelnen Retter, sondern ein System aus vielen Bausteinen, jeder auf seiner Zeitskala: Lithium-Ionen für die Stunden, Langzeitspeicher wie Eisen-Luft für die Tage, Wasserstoff für die Wochen.
Auch beim Wasserstoff trifft das pauschale Scheitern nicht zu. Tot sind die Gigaprojekte für den massiven Import von Wasserstoff und seinen Derivaten, tot sind auch der Wasserstoff im Heizungskeller und im Pkw. Für die saisonale Langzeitspeicherung über Power-to-Gas und für die Industrie ist er das Gegenteil davon.
Die Bundesnetzagentur genehmigte das Wasserstoff-Kernnetz am 22. Oktober 2024, rund 9.040 Kilometer bis 2032, Ende 2025 waren mehr als 500 Kilometer in Betrieb. Als saisonaler Speicher füllt Wasserstoff die Lücke, die Batterien nicht schließen, Wochen statt Stunden.
Daneben steht ein ganzer Baukasten. Rund 9.300 Biogasanlagen halten etwa 3.500 Megawatt flexibel zuschaltbare Reserve bereit, wenn Wind und Sonne ausfallen. Seit dem 1. Januar 2026 gelten rückspeisende E-Autos rechtlich wie stationäre Speicher, Volkswagen und Elli bringen das bidirektionale Laden im Herbst 2026 zu Privatkunden, Millionen Fahrzeuge werden zum verteilten Puffer.
Virtuelle Kraftwerke wie Next Kraftwerke bündeln längst über 10.000 Megawatt, mehr als der größte Braunkohleblock in Neurath. Wind wächst weiter, 2025 kamen an Land netto rund 4,6 Gigawatt hinzu, auf See nähert sich die Leistung 9,5 Gigawatt. Und die Industrie speichert selbst, etwa mit den Hochtemperatur-Wärmespeichern von Kraftblock.
Das eigentliche Nadelöhr sitzt in Berlin, nicht in West Virginia
Eisen-Luft-Batterien sind eine reale und vielversprechende Technologie, Form Energy ein solides, gut finanziertes Unternehmen mit einem funktionierenden Produkt. Internationale Expansions-PR gehört zum Geschäft jedes Speicherherstellers und ist legitim.
Es fehlt ein Journalismus, der eine synchronisierte internationale Firmenkampagne als nationale Enthüllung verkauft, und eine Politik, die mit einer 92-Prozent-Wirkungsgrad-Schwelle ausgerechnet jene Langzeitspeicher aus dem Kapazitätsmarkt ausschließt, die die Dunkelflaute-Lücke schließen könnten.
Rost ist mutmaßlich ein Baustein im System, aber keine Rettung, solange keine einzige Anlage im Land steht.
QUELLEN
- Die Welt: Eisen-Luft-Batterien: Deutschlands neue Batterie-Hoffnung im Kampf gegen Dunkelflauten, Juni 2026.
- Lobbyregister des Deutschen Bundestags: Registereintrag Form Energy (R007152), Stand 30.12.2025.
- Form Energy: Form Energy and FuturEnergy Ireland Announce Agreement, 17.03.2026.
- BloombergNEF: Lithium-ion battery pack prices fall to $108 per kilowatt-hour, 09.12.2025.