WÄRMEWENDE · 05. AUGUST 2026

Fernwärme oder Wärmepumpe? 377 Wärmepläne zeigen, wie Deutschland bald heizt
Ob Ihre Straße ans Wärmenetz kommt oder die Wärmepumpe übernimmt, entscheidet sich im Rathaus. Öko-Institut und Fraunhofer ISE haben ausgewertet, was 938 Kommunen dort festgeschrieben haben. Die Richtung ist eindeutig. Die Lücken sind es auch.
Erdgas deckt in deutschen Kommunen heute 61 Prozent des Wärmebedarfs, Heizöl weitere 15 Prozent. Im Jahr 2045 sollen beide bei null stehen. Was an ihre Stelle tritt, steht bereits schwarz auf weiß in den kommunalen Wärmeplänen: Wärmepumpen übernehmen 42 Prozent der Versorgung, Wärmenetze 37 Prozent. Zwei Technologien schultern damit rund vier Fünftel der deutschen Wärmeversorgung.
Das ist das Ergebnis der zweiten Ausgabe der Studie „Kommunale Wärmeplanung in Deutschland“, die das Öko-Institut gemeinsam mit dem Fraunhofer ISE am 5. August 2026 vorgelegt hat. Ausgewertet wurden 377 Wärmepläne für 938 Kommunen, mehr als dreimal so viele wie in der ersten Runde von Mai 2025. Die Trends der ersten Auswertung halten der breiteren Datenbasis stand, und das macht sie belastbar: Wer heute vor der Entscheidung Fernwärme oder Wärmepumpe steht, kann in den Plänen nachlesen, welche Antwort die eigene Kommune bereits gegeben hat.
Die Antwort hängt an der Adresse
Die Rollenverteilung folgt der Siedlungsdichte. In kleineren und mittleren Kommunen übernimmt die dezentrale Wärmepumpe die Hauptlast, in dicht bebauten Städten das Netz. Die Spannbreite zwischen den Kommunen ist gewaltig: Der Wärmepumpen-Anteil im Zielbild reicht von 4,2 bis 98 Prozent, der Netzanteil von null bis 83 Prozent. Einen Einheitspfad gibt es nicht, lokale Wärmequellen und bestehende Infrastruktur entscheiden.
| Energieträger | Ist-Zustand | 2045 |
|---|---|---|
| Erdgas | 61 % | ~0 % |
| Heizöl | 15 % | ~0 % |
| Wärmepumpen | 1,3 % | 42 % |
| Wärmenetze | 13 % | 37 % |
| Biogene Energieträger | 4 % | 9 % |
| Wasserstoff | 0 % | 6 % |
| Solarthermie | < 1 % | 1 % |
Quelle: Öko-Institut und Fraunhofer ISE, Auswertung von 377 kommunalen Wärmeplänen im Projekt KOMpare, Stand 07/2026. Anteile am Endenergiebedarf Wärme.
„Die deutlich breitere Datenbasis bestätigt: Wärmepumpen und Wärmenetze bilden das Rückgrat der kommunalen Wärmewende. Damit haben die Kommunen eine gute Grundlage für ihre Infrastrukturplanung – vom Ausbau der Strom- und Wärmenetze bis zum künftigen Umgang mit den Gasverteilnetzen“, sagt Marc Stobbe, Energieexperte am Öko-Institut. Der letzte Halbsatz hat es in sich: Wo der Wärmeplan das Erdgas auslaufen lässt, verliert das Gasverteilnetz seine Kunden, und mit jedem Aussteiger verteilen sich die Netzkosten auf weniger verbleibende Haushalte. Für die Kostenfalle Gasheizung liefern die Pläne damit die Landkarte.
Für Großstädte über 100.000 Einwohner endete die gesetzliche Frist am 30. Juni 2026, alle übrigen Kommunen müssen bis Mitte 2028 liefern. Wie die deutschen Großstädte geplant haben, dokumentiert Cleanthinking im Schwerpunkt kommunale Wärmeplanung mit zwölf Städteporträts.
Fast jede Kommune bekommt ein Wärmenetz, aber woher kommt die Wärme?
666 der untersuchten Kommunen, 71 Prozent, betreiben heute mindestens ein Wärmenetz. Bis 2030 sollen 184 dazukommen, dann liegt die Quote bei 91 Prozent, bis 2035 bei 95 Prozent. Der über Netze gedeckte Wärmeanteil in diesen Kommunen steigt von 15 auf 38 Prozent. Der Netzausbau ist also beschlossene Sache, quer durch alle Größenklassen.
Nur: Womit die Netze künftig beheizt werden, verschweigt mehr als die Hälfte der Pläne. „Immer mehr Kommunen setzen auf Wärmenetze, allerdings fehlen in mehr als der Hälfte der Wärmepläne Angaben dazu, wie die Wärmeerzeugung für die Wärmenetze zukünftig erfolgen soll“, sagt Jessica Thomsen, Projektleiterin am Fraunhofer ISE. Wo Angaben vorliegen, dominiert die Kombination aus Großwärmepumpe und biogenen Energieträgern, ergänzt um Abwärme und Geothermie.
Wie unterschiedlich diese Lücke vor Ort gefüllt wird, zeigen die Großstädte:
- Köln holt die Wärme mit einer Flusswasser-Wärmepumpe aus dem Rhein,
- Frankfurt zapft die Abwärme seiner Rechenzentren an,
- München bohrt nach Tiefengeothermie,
- Leipzig plant den Abschied vom Braunkohlekraftwerk Lippendorf.
Beim Holz wird gemogelt: 40 Prozent mehr Verbrauch als Potenzial
Der brisanteste Befund steckt in der Biomasse. 63 Prozent der Kommunen planen für 2045 mit mehr biogenen Energieträgern, als ihr eigenes Gemeindegebiet hergibt. Aufsummiert übersteigt der geplante Verbrauch das ausgewiesene Potenzial um fast 40 Prozent. Jede einzelne Kommune rechnet damit, Holz und Reststoffe von anderswo zu beziehen. Solange das eine tut, geht die Rechnung auf. Wenn es Hunderte gleichzeitig tun, konkurrieren sie um eine Ressource, die es in dieser Menge nicht gibt.
Verschärft wird das Problem durch Begriffswirrwarr: Welche Reststoffe, Flächen oder Holzsortimente ins Potenzial eingerechnet werden und welche Nachhaltigkeitsanforderungen gelten, definiert jeder Plan anders. Die Forschenden fordern deshalb einheitliche Kriterien und konkrete Vorgaben für die Biomassenutzung.
308 Kommunen tippen dieselbe Sanierungsrate ein
Die Pläne rechnen damit, dass der Wärmebedarf bis 2045 um rund 32 Prozent sinkt. Das setzt voraus, dass deutlich mehr saniert wird als bisher: 67 Prozent der Kommunen unterstellen Sanierungsraten über dem historischen Wert von etwa einem Prozent pro Jahr.
Ein Blick in die Verteilung weckt Zweifel, wie belastbar diese Annahmen sind. 308 Kommunen setzen exakt 2,0 Prozent an, 77 exakt 1,0 Prozent, 63 exakt 1,5 Prozent. Solche Rundwerte deuten darauf hin, dass viele Planer die Rate nicht aus dem örtlichen Gebäudebestand hergeleitet, sondern aus Bundes- oder Landeszielen abgeschrieben haben. Ein Plan ermittelt eine rechnerisch nötige Rate von 6,7 Prozent und setzt dann „realistische“ 3,5 Prozent an. Wird weniger saniert als angenommen, müssen Wärmenetze, Stromnetze und Erzeuger höhere Lasten tragen als geplant. Die Forschenden empfehlen deshalb, auch weniger ambitionierte Sanierungsverläufe durchzurechnen.
Wasserstoff heizt fast nirgends, Prozesswärme bleibt der blinde Fleck
639 der 938 Kommunen, 68 Prozent, sehen für 2045 gar keinen Wasserstoffeinsatz vor. Wo er auftaucht, dient er der Industrie und der Spitzenlast in Wärmenetzen. Als Heizung für einzelne Gebäude erscheint er nur in Einzelfällen, meist unter Vorbehalt. Die von Gaslobby und Teilen der Politik jahrelang befeuerte Debatte um wasserstofffähige Heizungen findet in den realen Planungen der Kommunen schlicht nicht statt.
Ausgerechnet dort, wo Wasserstoff tatsächlich gebraucht würde, sind die Pläne am dünnsten. Industrie sowie Gewerbe, Handel und Dienstleistungen stehen im Schnitt für knapp 27 Prozent des kommunalen Wärmebedarfs, in 56 Kommunen für mehr als die Hälfte. Trotzdem trennen fast alle Pläne nicht zwischen Raumwärme, Warmwasser und industrieller Prozesswärme. Ohne diese Trennung lässt sich weder das Temperaturniveau noch der künftige Wasserstoffbedarf der Industrie seriös abschätzen. „Transparente und belastbare Annahmen zur Prozesswärme und konkrete Vorgaben etwa zur Nutzung von Biomasse würden die Planungen noch deutlich verbessern“, sagt Stobbe.
Wer den Plan schreibt, prägt das Ergebnis
Eine neue Auswertung wirft eine unbequeme Frage auf: Kommunen mit nahezu identischer Ausgangslage kommen zu deutlich verschiedenen Zielbildern, je nachdem, welches Planungsbüro den Wärmeplan erstellt hat. Ein Dienstleister weist systematisch weniger Netz und mehr Wärmepumpen und Biomasse aus als alle anderen, ohne dass sich das aus den Kommunen selbst erklären ließe. Belastbar beurteilen lässt sich der Zusammenhang noch nicht, die dritte Auswertungsrunde 2027 soll ihn gezielt prüfen. Für Kommunen, die ihren Plan noch vergeben müssen, ist der Hinweis trotzdem Gold wert: Das Zielbild der eigenen Wärmewende sollte aus der Stadt kommen, nicht aus der Schublade des Büros.
2027 wollen die Institute zudem auf alle knapp 11.000 deutschen Kommunen hochrechnen. Dann zeigt sich, ob die von unten gewachsenen kommunalen Zielbilder zu den nationalen Energieszenarien passen, die bisher von oben herab gerechnet wurden.
QUELLEN
- Öko-Institut e.V. und Fraunhofer ISE: Kommunale Wärmeplanung in Deutschland. Auswertung abgeschlossener Wärmepläne im Projekt KOMpare (2. Ausgabe, Stand 07/2026), 3. August 2026.
- Gemeinsame Pressemitteilung von Öko-Institut und Fraunhofer ISE, Freiburg, 5. August 2026.
- Energy Charts: Hauptgrafiken zur Auswertung der kommunalen Wärmeplanung, Fraunhofer ISE.