KLIMAPOLITIK · 18. AUGUST 2026
Screenshot: YouTube/DER STANDARDLuisa Neubauer warnt vor dem Platz zwischen Elektrostaat und Petrostaat
Luisa Neubauer wünscht sich im Standard-Podcast, dass Deutschland schneller Richtung Elektrostaat geht. Sie warnt ausdrücklich vor der Rolle zwischen Elektro- und Petrostaat, aber hat Deutschland hierzu bereits eine Entscheidung getroffen?
„Jetzt sehen wir gerade weltweit eine Entwicklung, wo sich die Mehrheit der Staaten elektrifiziert. Das werden Elektrostaaten. Und es gibt einen kleinen Teil der Staaten, die werden zu Petrostaaten, wohin gerade Deutschland geht“, sagt Luisa Neubauer im Standard-Podcast „Thema des Tages“.
„Ich hoffe, wir kommen schneller auf die Elektrifizierungsschiene und bleiben nicht einer von den dazwischen Gebliebenen, die sich zu spät entschieden haben, bis sie von allen zurückgelassen wurden.“
In Neubauers Weltkarte können beide Lager mit sich leben. Die einen elektrifizieren ihre Wirtschaft und werden unabhängig von Öl und Gas, die anderen leben vom Verkauf genau dieser Rohstoffe. Gefährlich wird es für die Länder, die sich nicht entscheiden: Sie verlieren den Anschluss an die einen, ohne die Geschäftsgrundlage der anderen zu haben.
Hinter ihrer Hoffnung auf die Elektrifizierungsschiene steckt deshalb eine Frage, die im Podcast offen bleibt: Hat Deutschland sich eigentlich schon entschieden? Die Antwort hängt davon ab, ob man auf das Land schaut oder auf seine Regierung.
Was Kingsmill Bond misst, wenn er von Elektrostaaten spricht
Ein Land kann seinen Strom komplett aus Wind und Sonne erzeugen und trotzdem mit Gas heizen, mit Benzin fahren und mit Kohle Stahl kochen. Sauberer Strom ist deshalb nur die halbe Wegstrecke. Zum Elektrostaat wird ein Land erst, wenn dieser Strom auch Heizungen, Autos und Fabriken antreibt.
Auf diese Unterscheidung hat Kingsmill Bond die Debatte gebracht, Energiestratege beim Londoner Think Tank Ember, vorher bei Carbon Tracker und dem Rocky Mountain Institute. Ein Elektrostaat ist nach seiner Definition ein Land, das einen großen und wachsenden Teil seiner gesamten Endenergie als Strom bezieht, Heizung, Verkehr und Industrie eingerechnet. Bond misst also die Nutzung, nicht die Sauberkeit der Erzeugung.
Der Wirtschaftshistoriker Adam Tooze hat das Begriffspaar Elektrostaat und Petrostaat im Oktober 2025 mit seiner Vorlesung für die London Review of Books in die breite Debatte getragen. Er selbst schreibt, er habe damit nur zu einem bereits laufenden Genre beigetragen, und stützt seine Definition auf Embers Daten.
Beim ersten Schritt ist Europa laut Kingsmill Bond vorn, mit rund 70 Prozent sauberem Strom im Netz. Der zweite Schritt dagegen kommt kaum voran, denn nur 22 Prozent der europäischen Endenergie werden als Strom verbraucht, ein Wert, der seit 15 Jahren fast stillsteht. Indien erreicht bereits 20 Prozent und hat Europa damit in diesem Punkt eingeholt, Südostasien liegt laut Bond mit rund 23 Prozent sogar davor.
Wer investiert, hat sich entschieden
Beim Strom ist die Antwort seit der Halbjahresbilanz bekannt. Zwischen Januar und Juni kamen 61,8 Prozent der deutschen Nettostromerzeugung aus Erneuerbaren, so viel wie nie, wie Fraunhofer ISE Anfang Juli vorrechnete. Die Photovoltaik wuchs netto um 7,4 auf 126,9 Gigawatt.
Dazu kommen 9,1 Gigawatt neu genehmigte Windkraft an Land, ebenfalls Rekord, und ein Speicherzubau, der mit knapp 2,5 Gigawatt um ein Drittel über dem Vorjahreszeitraum liegt. Neu ist an diesen Zahlen nichts mehr. Für Luisa Neubauers Frage genügen sie trotzdem, denn gebaut wird erkennbar in eine Richtung.
| Kennzahl | 1. Halbjahr 2026 | Einordnung |
|---|---|---|
| Erneuerbaren-Anteil Verbrauch | 58,5 % | Rekordwert |
| PV-Zubau netto | 7,4 GW | +9 % |
| Windkraft-Genehmigungen an Land | 9,1 GW | +14 % |
| Großbatteriespeicher-Zubau | 2.482,7 MW | +33 % |
| Wärmepumpen-Absatz | 195.000 | +40 % |
| BEV-Neuzulassungen (Juli) | 29,3 % Marktanteil | +61,7 % Stück ggü. Vorjahr |
Quelle: Fraunhofer ISE / energy-charts, BSW-Solar / Marktstammdatenregister, Fachagentur Wind und Solar, Kraftfahrt-Bundesamt.
Wärmepumpen und Elektroautos ziehen ähnlich an. Rund 195.000 Wärmepumpen gingen im ersten Halbjahr in Betrieb, ein Plus von 40 Prozent. Bei den Neuzulassungen erreichten batterieelektrische Autos im Juli einen Marktanteil von 29,3 Prozent, im Juni waren sie erstmals die stärkste Antriebsart überhaupt.
Hinter jeder dieser Zahlen steht jemand, der sich längst festgelegt hat: vom Projektierer, der eine Windfläche beantragt, bis zum Haushalt, der sein erstes Elektroauto kauft. Das Land bewegt sich auf die Elektrifizierungsschiene, die Luisa Neubauer sich wünscht.
Warum Strom teurer bleibt als Gas
Warum aber hinkt die Elektrifizierung dem sauberen Strom so weit hinterher? Bond führt das auf die Steuer- und Abgabenlast zurück, denn in vielen europäischen Staaten wird Strom höher besteuert und mit Abgaben belegt als fossiles Gas. Wer eine Wärmepumpe betreibt oder ein E-Auto lädt, zahlt drauf, während Erdgas im Alltag relativ billig bleibt.
Dänemark hat die Stromsteuer deshalb abgeschafft, China gilt als Favorit auf den Titel des ersten echten Elektrostaats. Wie Europas Souveränitätskurs an genau dieser Stellschraube gelingen kann, hat CT im Februar aufgeschrieben. Die Dekarbonisierung wurde finanziert, indem man die Elektrifizierung abwürgte.
Deutschland liegt mitten in diesem Muster. Es baut Ökostrom in Rekordtempo, und trotzdem bleibt dieser Strom für Heizung und Verkehr teurer als die fossile Alternative. In dieser Schieflage entsteht der Platz, vor dem Neubauer warnt, auch wenn sie ihn im Podcast nicht als Steuer- und Abgabenfrage benennt.
Wohin die Regulierung wirklich zieht
Luisa Neubauer beschreibt im Podcast noch einen zweiten Punkt. Die erneuerbare Wirtschaft habe jahrelang investiert und erlebe jetzt, dass die EU die Emissionspreise wieder senkt. Diese Unternehmen müssten sich „auf gut Deutsch völlig verarscht vorkommen“, sagt sie.
Der Befund lässt sich belegen, und zwar genau dort, wo diese Unternehmen ihr Geld verdienen. Gemeint ist der Emissionshandel für Kraftwerke und Industrie, das ETS1, dessen Preis von rund 70 Euro je Tonne saubere Technologien überhaupt erst konkurrenzfähig macht. An diesem Instrument schraubt Brüssel seit dem Frühjahr.
Im April schlug die Kommission vor, den Löschmechanismus der Marktstabilitätsreserve zu stoppen, womit Milliarden überschüssiger Zertifikate im Markt bleiben könnten. Im Juli folgte der große Reformvorschlag, der den jährlichen Kürzungspfad der Emissionsobergrenze ab 2031 drosselt. Wie die Kommission damit ihr wichtigstes Klimainstrument entkernt und wie sich die Mitgliedstaaten darüber zerstreiten, hat Cleanthinking im Frühjahr und Sommer nachgezeichnet.
Dazu passt der Umgang mit dem CO2-Preis fürs Heizen und Tanken. Nachdem die EU den Start des Emissionshandels für Gebäude und Verkehr auf 2028 verschoben hatte, beschloss das Bundeskabinett am 12. August, den nationalen CO2-Preis 2027 im Korridor von 55 bis 65 Euro je Tonne einzufrieren, statt ihn auf 75 bis 85 Euro steigen zu lassen. Bundestag und Bundesrat müssen noch zustimmen, doch die Richtung ist gesetzt, und wer auf steigende CO2-Preise gebaut hatte, wird erneut enttäuscht.
Weitere Entscheidungen ziehen in dieselbe Richtung. Die Gasspeicherumlage ist zum 1. Januar 2026 entfallen. Die Pendlerpauschale gilt seit 2026 dauerhaft mit 38 Cent ab dem ersten Kilometer statt erst ab Kilometer 21, was Verbrennerfahrten relativ günstiger macht.
Und im September beginnt auf Basis des Strom-Versorgungssicherheits- und Kapazitätengesetzes die erste Ausschreibung neuer Gaskraftwerke über 4,5 Gigawatt, eine zweite Runde in gleicher Größe folgt im Dezember.
Fairerweise gehört die Gegenrechnung dazu. Der Bund dämpft mit 6,5 Milliarden Euro aus dem Klima- und Transformationsfonds die Netzentgelte um rund 1,5 Cent pro Kilowattstunde und senkt damit den Strompreis unmittelbar. Das schwächt Neubauers Befund ab, hebt ihn aber nicht auf, denn Netzentgelte sind eine andere Baustelle als CO2-Preise und Pendlerpauschale.
An einer Stelle allerdings braucht das Gespräch eine Korrektur. Im Podcast klingt an, das Verbrenner-Aus sei bereits gekippt, doch das trifft so nicht zu.
Seit Dezember 2025 liegt lediglich ein Vorschlag der EU-Kommission vor, das 100-Prozent-Ziel auf 90 Prozent CO2-Minderung abzusenken. Rat und Parlament haben ihm nicht zugestimmt, das Verbrenner-Aus bleibt geltendes Recht. Ein Kommissionsvorschlag ist kein Gesetz.
Die Entscheidung ist nicht getroffen
Neubauers Sorge um den Platz zwischen den Lagern ist berechtigt. Wer aber fragt, ob Deutschland sich schon entschieden hat, bekommt zwei verschiedene Antworten, je nachdem, wen man anschaut.
Die wichtigsten Protagonisten im Land haben sich entschieden. Diese Gestalter der sauberen Zukunft bauen Windparks, Solarkraftwerke und Speicher wie den Batteriespeicher Merseburg in Rekordtempo, sie tauschen Heizungen aus und steigen aufs Elektroauto um. Wer investiert, wettet auf den Elektrostaat.
Die Regierung hat sich nicht entschieden. Sie friert den CO2-Preis ein, kaum dass Europa den Emissionshandel für Gebäude und Verkehr verschoben hat, sie lässt die Gasspeicherumlage entfallen und weitet die Pendlerpauschale aus. Gleichzeitig dämpft sie die Netzentgelte mit Milliarden aus dem Klima- und Transformationsfonds.
Am gefährlichsten wird das für die, die vorangegangen sind. Wer in den vergangenen Jahren auf einen steigenden CO2-Preis gesetzt und investiert hat, trägt das Risiko einer Entscheidung, die politisch nie abgesichert wurde. Unserer Einordnung des Streits zwischen Neubauer und Philipp Schröder lässt sich das anfügen: Der Rückstand liegt nicht am Strom. Er liegt am Preis für den Strom.
QUELLEN
- DER STANDARD: Thema des Tages, Podcast mit Luisa Neubauer, 17.08.2026.
- Fraunhofer ISE / energy-charts: Nettostromerzeugung und Erneuerbaren-Anteil, 1. Halbjahr 2026 (PDF).
- BSW-Solar / Marktstammdatenregister: Photovoltaik-Ausbau im ersten Halbjahr 2026 bei 7,4 Gigawatt.
- Fachagentur Wind und Solar / BWE: Windenergieausbau an Land, 1. Halbjahr 2026.
- BVES / speicherbranche.de: Speicherzubau im ersten Halbjahr 2026 auf Rekordkurs.
- Bundesverband Wärmepumpe (BWP): Wärmepumpen-Absatz wächst im ersten Halbjahr auf 195.000 Anlagen, August 2026.
- Kraftfahrt-Bundesamt: Neuzulassungen nach alternativen Antrieben, 2026.
- Ember: Global Electricity Review 2026 (Primärquelle Elektrifizierungsquoten).
- Ember: The Electrotech Revolution (Definition Elektrostaat, Anteil Strom an der Endenergie).
- Adam Tooze: Chartbook 439: Electrostates v. petrostates, 02.04.2026.
- EU-Kommission: Reformvorschlag zum ETS1 (Marktstabilitätsreserve, 01.04.2026; Kürzungspfad, 17.07.2026).
- Rat der Europäischen Union: Beschluss zur Verschiebung des ETS2-Starts, November 2025 / März 2026.
- TEHG-Europarechtsanpassungsgesetz, März 2025.
- Bundesregierung: Entlastungen für Deutschland 2026 (Gasspeicherumlage, Pendlerpauschale, Netzentgelte-Zuschuss).
- EU-Kommission: Vorschlag zur Anpassung der CO2-Flottengrenzwerte, Dezember 2025, zusammengefasst bei energiezukunft.eu.