Palliative Industriepolitik: Trittins Abrechnung mit Merz und Reiche

KLIMAPOLITIK · 20. AUGUST 2026

Palliative Industriepolitik: Trittins Abrechnung mit Merz und Reiche

Jürgen Trittin wirft der Bundesregierung vor, die Energiewende zu verschleppen, während die deutsche Industrie längst gegen sich selbst kämpft. Zwischen Heidelberg Materials, Wacker Chemie und RWE auf der einen und Evonik auf der anderen Seite verläuft eine Front, die Berlin bislang ignoriert.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 7 MIN LESEN


„Wir erleben palliative Industriepolitik“, sagt Jürgen Trittin im Klima-Labor-Podcast von ntv über die Wirtschaftspolitik von Kanzler Friedrich Merz und Wirtschaftsministerin Katherina Reiche. Der Befund des früheren Bundesumweltministers trifft eine Industrie, die in zwei Lager zerfallen ist.

Palliative Industriepolitik, das heißt für den Grünen-Politiker: Der Staat hält sterbende fossile Geschäftsmodelle mit Umlagen und Subventionen am Leben, statt Entscheidungen für die Zukunftsbranchen zu treffen. Wie konkret diese Diagnose ist, zeigen drei Schauplätze: der Emissionshandel, der geplante Kapazitätsmarkt und der Offshore-Windausbau.

Der Kurssturz, der die Front sichtbar machte

Trittin nennt im Interview ein Beispiel aus einer Branche, die nicht im Ruf steht, grün zu sein: Heidelberg Materials, früher Heidelberg Cement. Das Unternehmen hat massiv in CO2-arme Zementproduktion investiert. Als Merz in einer Rede in Antwerpen den industriellen Emissionshandel infrage stellte, rauschte die Aktie des Konzerns ab, noch am selben Vormittag.

Die Episode ist keine Einzelbeobachtung Trittins. Cleanthinking hat den Vorgang bereits im April rekonstruiert: Auslöser war ein Vorstoß von Evonik-Chef Christian Kullmann, der den Emissionshandel im Oktober 2025 einen „volkswirtschaftlichen Irrsinn“ nannte und seine Abschaffung forderte. Was folgte: ein Kursverlust bei Heidelberg Materials und ein Anruf von RWE-Chef Markus Krebber beim CDU-Europaabgeordneten Peter Liese. Man müsse den Emissionshandel retten.

Zwei unabhängige Zeugen, ein und derselbe Befund: Wer heute den Emissionshandel angreift, trifft nicht nur Klimaschützer. Er trifft Unternehmen, die bereits Milliarden in den Umbau investiert haben und auf Planungssicherheit angewiesen sind.

Die Lobby bekämpft, was sie selbst forderte

Für Trittin wiederholt sich damit ein Muster zum dritten Mal. Schon beim Emissionshandel selbst lief es so: Als Klaus Töpfer als Umweltminister unter Helmut Kohl strenge Ordnungsrechts-Vorgaben gegen Emissionen machte, forderte die Industrie marktwirtschaftliche Instrumente statt starrer Regeln. Also kam der Emissionshandel, eingeführt 2005 unter Trittin selbst, nach einer EU-Richtlinie von 2003.

„Wie ernst kann man eine Lobby nehmen, die heute bekämpft, was sie früher gefordert hat?“, fragt Trittin im Interview. Die FDP, die den Emissionshandel als marktwirtschaftliches Instrument bis heute lobt, enthielt sich damals im Bundestag. Die CDU stimmte dagegen. Union und SPD-Wirtschaftsflügel um Wolfgang Clement standen dem Modell skeptisch gegenüber, durchgesetzt wurde es von Grünen und SPD gemeinsam.

Trittins eigene Rolle macht die Geschichte griffig: Als Umweltminister entschied er, dass Unternehmen ihre ersten CO2-Zertifikate kostenlos erhielten. Ökonomisch widersinnig für ein Instrument, das über den Preis wirken soll. Ihm sei wichtiger gewesen, das System überhaupt einzuführen. Die Bepreisung sollte folgen, sobald die Zertifikatsmenge verknappt wird. Zwanzig Jahre später hat Deutschland 40 Prozentpunkte Kohle aus dem Strommix gedrängt und verzeichnet die geringste Kohleverstromung seit dem Zweiten Weltkrieg.

Vom Fördergeld zur Sterbehilfe

Das aktuelle Kapitel spielt beim geplanten Kapazitätsmarkt. Cleanthinking hat den Referentenentwurf des Strom-Versorgungssicherheits- und Kapazitätengesetzes bereits eingeordnet: Reiches Ministerium will Kraftwerksleistung künftig über eine neue Umlage finanzieren, damit Gaskraftwerke als Reserve bereitstehen, wenn Wind und Sonne ausfallen.

Trittin sieht darin eine Umkehrung. Frühere Umlagen finanzierten den Aufbau erneuerbarer Energien. Die neue Umlage sichert fossile Kapazitäten, die sich am Markt nicht mehr rechnen. Verschärft wird das Problem, weil dieselbe Regulierung Batteriespeicher mit Netzentgelten für Ein- und Ausspeicherung belastet. Rechnet sich ein Speicher dadurch nicht mehr, fehlt die Flexibilität, die das Netz stabilisieren könnte, und die Notwendigkeit teurer Reservekraftwerke wächst zusätzlich.

Am Widerspruch wird deutlich, was Trittin meint, wenn er von palliativer Industriepolitik spricht: Sie verzögert eine Entscheidung, statt sie zu treffen, und macht die Verzögerung selbst zur teuersten Option. „Je länger die Transformation andauert, umso länger zahlen wir doppelt“, sagt er. Wer heute mehr Rechenzentren für künstliche Intelligenz bauen wolle, aber gleichzeitig verhindere, dass Batteriespeicher das Netz stabilisieren, arbeite gegen das eigene Ziel.

100.000 Jobs, über die niemand redet

Die schärfste Zahl des Interviews liegt anderthalb Jahrzehnte zurück. Als Deutschland Anfang der 2010er Jahre die Solarförderung drosselte, brach die heimische Photovoltaik-Fertigung zusammen. Nach Branchenschätzungen gingen in der Folge rund 100.000 Arbeitsplätze verloren, die Produktion wanderte fast vollständig nach China ab. Über diesen Verlust redet in der öffentlichen Debatte kaum jemand.

Trittin stellt dem eine aktuelle Debatte gegenüber: den Abbau von 10.000 Stellen bei Volkswagen. Die Aufregung darüber sei berechtigt, sagt er als Niedersachse und VW-Anteilseigner selbst. Nur zeige der Kontrast, wie ungleich Arbeitsplatzverluste wahrgenommen werden, je nachdem, in welcher Branche sie stattfinden.

„Wir müssen klarmachen, dass wir in den Bereichen, wo die Zukunft liegt, keine Arbeitsplätze gefährden dürfen“, sagt Trittin. Gemeint sind Windkraft mit ihren Zulieferketten und die Batterieproduktion, die Deutschland und Europa nach seiner Einschätzung diesmal nicht kampflos an Wettbewerber abgeben dürfen.

Die Offshore-Warnung

Beim Offshore-Windausbau sieht Trittin das Risiko der Wiederholung. Zwei Ausschreibungen sind leergelaufen, ein Konzern hat eine Lizenz zurückgegeben. An der Offshore-Infrastruktur an der Küste hängen nach seinen Angaben 50.000 Arbeitsplätze. Bleiben die nächsten Ausschreibungen erfolglos, drohe ein fünf- bis sechsjähriger Einbruch, der Werften und Zulieferer in die Insolvenz treibt.

Cleanthinking hat die Blockade bei Offshore-Windflächen bereits im Mai beschrieben: TotalEnergies und BP hatten sich 2023 Flächen in Nord- und Ostsee für fast 7,5 Milliarden Euro gesichert, entwickeln sie aber nicht wie geplant. Trittins Sorge geht einen Schritt weiter. Sollte die heimische Zulieferindustrie dadurch verschwinden, kämen die nächsten Anlagen von chinesischen Herstellern wie Goldwind. Deutschland mache sich dann unabhängig von Öl und Gas, aber abhängig von China, ein Widerspruch, den er als Kern der aktuellen Industriepolitik bezeichnet.

Wer profitiert, wenn Deutschland zögert

Dass ausgerechnet ein Grüner heute für Industriepolitik wirbt, während eine CDU-geführte Regierung zögert, ist die eigentliche Volte der Debatte. Trittin führt das auch auf die beruflichen Wurzeln der beiden zurück: Merz war zwischen 2016 und 2020 Aufsichtsratsvorsitzender von BlackRock Deutschland, seine juristische Laufbahn verbrachte er als Anwalt bei der Kanzlei Mayer Brown. Reiche wiederum leitete von 2015 bis 2019 den Verband kommunaler Unternehmen, ehe sie 2020 an die Spitze der Westenergie wechselte, einer Netzgesellschaft des E.on-Konzerns.

Beide Karrieren erklären für Trittin die Zurückhaltung der Regierung gegenüber etablierten Energieversorgern und Stadtwerken, deren Geschäftsmodelle durch eine schnelle Transformation unter Druck geraten. Große, alteingesessene Industrien hätten traditionell besseren Zugang zu politischen Entscheidern als junge Zukunftsbranchen, sagt er, und genau das treffe inzwischen selbst etablierte Unternehmen wie Wacker Chemie und Heidelberg Materials, die sich für den Emissionshandel starkmachen, aber überhört werden.

Was Trittin von Cleanthinking-Lesern verlangt

Am Ende des Gesprächs formuliert Trittin einen Auftrag, der über die Kritik an Merz und Reiche hinausgeht: Unternehmen, die durch die Verzögerung verlieren, müssten mobilisiert werden, statt das Feld denjenigen zu überlassen, die den Wandel zur Rettung ihres alten Geschäftsmodells bremsen wollen.

Das ist die Volkswirtschaft, in der sich Heidelberg Materials, Wacker Chemie und RWE inzwischen wiederfinden: nicht mehr Gegner der Energiewende, sondern ihre Verteidiger gegen eine Regierung, die zwischen den Interessen zaudert. Ob diese Verteidigung ausreicht, um die palliative Industriepolitik zu beenden, bleibt offen. Trittins Rechnung ist eindeutig: Je länger Deutschland zögert, desto teurer wird der Wandel, den es ohnehin vollziehen muss.

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