LOOP-Prinzip: Wie Ratisbona und Edeka den Supermarkt neu bauen

BAUWENDE · 26. AUGUST 2026

LOOP-Prinzip: Wie Ratisbona und Edeka den Supermarkt neu bauen

Das LOOP-Prinzip überträgt die Cradle-to-Cradle-Idee auf Handelsimmobilien: rückbaubar konstruiert, aus gesunden Materialien gebaut, mit mehr Artenvielfalt als vorgefunden. Der LOOP Markt Haimhausen von Ratisbona und Edeka Südbayern ist der erste Beweis, dass das funktioniert.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 6 MIN. LESEN


Menschen in Deutschland besuchen Lebensmittelmärkte nach Angaben von Ratisbona rund 15 Milliarden Mal im Jahr. Gebaut wird für diesen Alltag in aller Regel nach demselben Muster: viel Beton, viel versiegelte Fläche, eine Lebensdauer von zwei bis drei Jahrzehnten, danach Abriss und Sondermüll. Das Handelsimmobilien-Unternehmen Ratisbona will zeigen, dass dieses Muster kein Naturgesetz ist.

Mit dem LOOP-Prinzip überträgt Ratisbona das Cradle-to-Cradle-Prinzip auf Supermärkte und Fachmärkte. Der erste Standort steht in Haimhausen im Landkreis Dachau, entwickelt von Ratisbona, betrieben von Edeka Südbayern und der Backstube Wünsche. Was das für Bauherren, Handel und Kommunen bedeutet, lässt sich am LOOP Markt Haimhausen erstmals konkret nachvollziehen.

Was ist das LOOP-Prinzip von Ratisbona?

Das LOOP-Prinzip ist Ratisbonas Übertragung der Cradle-to-Cradle-Philosophie auf Handelsimmobilien. Statt Gebäude als Wegwerfprodukte zu behandeln, die nach dem Ende ihrer Nutzung Abfall erzeugen, sollen LOOP-Märkte drei Dinge gleichzeitig leisten: kreislauffähig konstruiert sein, gesund für die Menschen darin sein und mehr Artenvielfalt erzeugen, als auf der Fläche vorher vorhanden war.

Ratisbona nennt das Ergebnis „qualitative Ökonomie„: Ein Gebäude, das gesünder, kreislauffähiger und ökologisch wirksamer ist, soll dadurch mehr Wert erzeugen, nicht automatisch einen höheren Preis verursachen. Geschäftsführer Sebastian Schels bringt die Motivation so auf den Punkt: „Die eigentliche Frage ist doch längst nicht mehr, ob wir so bauen können, sondern warum wir es nicht überall tun.“

Wie wird ein LOOP-Markt rückbaubar konstruiert?

Rückbaubarkeit beginnt bei Ratisbona nicht am Ende der Nutzungsdauer, sondern am ersten Planungstag. Das Prinzip heißt Design for Disassembly: Bauteile werden mit lösbaren statt verklebten oder verschweißten Verbindungen zusammengefügt, sodass sich Baugruppen nach dem Rückbau wieder trennen lassen. Jedes Bauteil bleibt damit ein Baustoff für ein nächstes Gebäude, statt in der Verfüllung oder auf der Deponie zu landen.

Dokumentiert wird das über den Circularity Passport® Building, ein von der EPEA GmbH entwickeltes Werkzeug. Der Pass hält für jede Baugruppe Materialherkunft, Materialgesundheit und Kreislauffähigkeit fest und liefert damit eine verbindliche Datengrundlage für Planung, Betrieb und späteren Rückbau. EPEA-Bauingenieurin Andrea Heil beschreibt das Problem, das der Pass lösen soll: „Der Schutt abgerissener Häuser wird meist zur Verfüllung eingesetzt und damit zum Downcycling-Produkt."

Warum steht Materialgesundheit im Zentrum des LOOP-Prinzips?

Ein Gebäude entscheidet mit, was Menschen darin täglich einatmen und was seine Materialien nach dem Rückbau im Kreislauf hinterlassen. Für den LOOP Markt Haimhausen hat EPEA nach Angaben von Ratisbona über 250 Produkte auf Inhaltsstoffe geprüft, bis auf Substanzebene. Nur Materialien, die diese Prüfung bestehen, kommen zum Einsatz.

Sichtbar wird das im fertigen Markt an leimfreien Innenwänden und an Lehmputz statt konventioneller Beschichtung. Beides soll ein gesundes Raumklima für Kund*innen und Mitarbeitende erzeugen und gleichzeitig sicherstellen, dass die Materialien nach dem Rückbau ohne Schadstoffbelastung in einen neuen Kreislauf zurückgehen. Ähnliche Sorgfalt bei der Materialauswahl zeigt im Baustoffbereich auch der Recyclingbeton beim Berliner Neubau Maison Westend.

Materialgesundheit ist dabei kein Ratisbona-Alleingang. Chemieunternehmen wie traceless materials oder Aevoloop verfolgen dasselbe Grundprinzip auf Produktebene: Werkstoffe so entwerfen, dass sie am Lebensende wieder Rohstoff sind, nicht Sondermüll.

Wie setzt der LOOP Markt Haimhausen das Prinzip konkret um?

Am 19. Mai 2026 fand in Haimhausen, einer Gemeinde mit rund 5.600 Einwohner*innen im Landkreis Dachau, die Grundsteinlegung für den LOOP Markt statt. Die Eröffnung ist für Herbst 2026 geplant. Bauherr ist Ratisbona mit Sitz in Regensburg, Betreiber sind Edeka Südbayern und die Backstube Wünsche, beraten wird das Projekt von der EPEA GmbH, einem Tochterunternehmen von Drees & Sommer.

Besonders sichtbar wird das dritte LOOP-Kriterium, mehr Artenvielfalt als vorgefunden, auf den Außenflächen. Im Landkreis Dachau existieren nach Angaben von Ratisbona heute nur noch 0,05 Prozent der ursprünglichen Trockenlebensräume, also der Wiesen und Heiden, die durch intensive Landnutzung fast verschwunden sind. Der LOOP Markt reagiert darauf mit einer rund 1.300 Quadratmeter großen Extensivdachfläche und Außenanlagen, für die der Oberboden abgetragen und durch nährstoffarmes Substrat ersetzt wird, ergänzt um Sandinseln, eine Eidechsenburg und Totholzstrukturen.

Die Landschaftsarchitekten Ohnes & Schwahn kartieren die Arten vor Ort, das Unternehmen Hula Earth ergänzt das per KI-gestützter Biodiversitätsmessung, fachlich begleitet vom Landesbund für Vogelschutz, Kreisgruppe Dachau. Regenwasser wird über Erdmulden gesammelt, durch die belebte Oberbodenzone vorgereinigt und versickert, statt in die Kanalisation zu laufen, ein Beitrag zur sogenannten Schwammstadt. Für dieses Konzept erhielt Ratisbona nach eigenen Angaben 2025 den Bayerischen Klimaschutzpreis. Zur Eröffnung soll der Circularity Passport® Building as built veröffentlicht werden, der die tatsächlich verbaute Kreislauffähigkeit dokumentiert.

Was bedeutet das LOOP-Prinzip für die saubere Zukunft?

Handelsimmobilien sind ein unterschätzter Hebel der Bauwende. Jeder neue Supermarkt bindet für Jahrzehnte Baustoffe, Fläche und graue Energie, und Deutschland baut diese Läden nicht selten, sondern ständig neu oder um. Wenn ein einzelner Standort zeigen kann, dass Rückbaubarkeit, Materialgesundheit und Artenschutz sich nicht gegenseitig ausschließen, verschiebt das die Debatte von der Machbarkeitsfrage zur Skalierungsfrage.

Offen bleibt, was ein LOOP-Markt gegenüber konventioneller Bauweise tatsächlich kostet und ob sich das über die Lebensdauer amortisiert. Ratisbona selbst beziffert das bislang nicht öffentlich, der Circularity Passport as built dürfte hier zur Eröffnung erste belastbare Zahlen liefern. Für die Cleanthinking-Leserschaft bleibt der Standort trotzdem ein Testfall von hohem Gewicht: Skaliert das Konzept über Bayern hinaus, verändert das nicht die Energiewende direkt, aber die Art, wie die Handelslandschaft der Energiewende ihre eigenen Gebäude baut.

Häufige Fragen zum LOOP-Prinzip

Was ist das LOOP-Prinzip von Ratisbona?

Das LOOP-Prinzip überträgt das Cradle-to-Cradle-Konzept auf Handelsimmobilien: Supermärkte sollen rückbaubar konstruiert, aus gesundheitlich geprüften Materialien gebaut und auf mehr Artenvielfalt ausgelegt sein, als auf der Fläche zuvor vorhanden war.

Wo steht der erste LOOP Markt?

Der erste LOOP Markt entsteht in Haimhausen im Landkreis Dachau. Grundsteinlegung war am 19. Mai 2026, die Eröffnung ist für Herbst 2026 geplant, Betreiber sind Edeka Südbayern und die Backstube Wünsche.

Was ist der Circularity Passport® Building?

Der Circularity Passport® Building ist ein von EPEA entwickeltes Dokument, das für jede Baugruppe eines Gebäudes Materialherkunft, Materialgesundheit und Kreislauffähigkeit festhält und so Planung, Betrieb und Rückbau nachvollziehbar macht.

Wie viele Produkte wurden für den LOOP Markt Haimhausen geprüft?

Nach Angaben von Ratisbona hat EPEA über 250 Produkte für den LOOP Markt Haimhausen bis auf Substanzebene auf ihre Inhaltsstoffe geprüft, bevor sie in die Materialauswahl aufgenommen wurden.

QUELLEN

  1. Ratisbona Handelsimmobilien: LOOP Markt Haimhausen, 2026.
  2. Drees & Sommer: Vom Anfang bis zum Ende gedacht: Der zirkuläre LOOP Markt in Haimhausen, 19. Mai 2026.
  3. Immobilien Zeitung: Ratisbona baut ersten C2C-Supermarkt in Bayern, 20. Mai 2026.
  4. EPEA GmbH: Cradle to Cradle.

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