KLIMAANPASSUNG · 27. AUGUST 2026
Visualisierung Dubai Media OfficeOutdoor-Kühlung: Europa muss nicht nach Dubai schauen
Nach dem heißesten Sommer der europäischen Messgeschichte richtet sich der Blick auf die Golfstaaten und ihre gekühlten Gehwege. Doch während Doha erst 2026 einen offenen Kaltluft-Boulevard eröffnete, kühlt Sevilla sein Universitätsviertel schon seit 2022 mit einem unterirdischen Qanat und deutlich weniger Energie.
Im King Hamad bin Isa Al Khalifa Park nahe Abu Dhabi stehen zwei Antworten auf dieselbe Frage direkt nebeneinander. Die eine ist ein kleiner Wald aus Ghaf-Bäumen, jener Akazienart, die auf der Arabischen Halbinsel seit Jahrhunderten mit wenig Wasser auskommt. Die andere ist ein offener Gehweg, aus dessen Bodenventilen gekühlte Luft strömt. Als ein Reporter der Financial Times den Park im Juli besuchte, fand er ihn fast leer vor. Die Ventile kamen gegen die Sommerhitze nicht an.
Die Szene passt schlecht zu der Erzählung, die gerade Konjunktur hat. Nach dem heißesten europäischen Sommer seit Beginn der Aufzeichnungen, der laut Attributionsforschung ohne die Erderhitzung praktisch ausgeschlossen gewesen wäre, berichtete die Financial Times am 26. August, wie Hitzewellen in Europa das Interesse an Kühltechnik aus den Golfstaaten wecken. Der Subtext: Dort weiß man, wie Extremhitze geht. Nur zeigt der leere Park, dass man es dort auch nicht weiß.
Was am Golf tatsächlich gebaut wird
Dubai investiert seit einem Jahrzehnt in gekühlte Fußwege. Die Megamalls der Stadt dienen im Sommer als klimatisierte Laufstrecken: Der 2025 gestartete „Mallathon" lässt Läufer ab sechs Uhr morgens durch Shoppingcenter laufen, während draußen bereits Temperaturen nahe 40 Grad herrschen. Abu Dhabi eröffnete in diesem Jahr im Khalidiyah Park einen 660 Meter langen, klimatisierten und überdachten Gehweg.
Katar zog Anfang 2026 mit dem „Crystal Walk" in Doha nach, einem 450 Meter langen offenen Weg. Kaltluft strömt aus Bodenventilen, künstliche Metallbäume sollen sie einfangen und zugleich Schatten spenden. Das Land hatte schon bei der Fußball-WM 2022 diverse Kühltechnologien vorgeführt, unter anderem Klimaventile unter den Zuschauersitzen im Stadion Al Thumama, um zu zeigen, dass sein Klima mit Massentourismus vereinbar ist. Kritisiert wurde das Turnier trotzdem, obwohl es in den Spätherbst verlegt worden war.
Hinzu kommt District Cooling: Rohre mit gekühltem Wasser versorgen ganze Gebäudekomplexe, ähnlich den Fernwärmenetzen Osteuropas, nur umgekehrt. In den Vereinigten Arabischen Emiraten ist das Geschäft in den vergangenen 15 Jahren stark gewachsen, für Betreiber attraktiv wegen langer Konzessionen und planbarer Einnahmen. Die Financial Times weist selbst darauf hin, dass die Übertragbarkeit nach Europa fraglich ist: Die Zahl der Tage mit echtem Kühlbedarf dürfte zu gering sein, um die hohen Infrastrukturkosten zu rechtfertigen.
Wie weit die Logik trägt, zeigt sich an den Aufträgen, die dabei anfallen. Samiullah Khan, Nachhaltigkeitsvorstand beim emiratischen Infrastrukturkonzern National Development Consortium, beriet ein Projekt zur Kühlung von 6.000 Kühen, die aus Europa nach Sharjah verschifft worden waren. Davor arbeitete er an einer gekühlten Plattform, damit ein emiratischer Royal bequem in einem Weizenfeld sitzen konnte. Khan selbst formuliert den Maßstab, an dem das zu messen wäre: Technologien zu finden, die möglichst wenig Ressourcen verbrauchen und Risiken begrenzen, etwa die Verbreitung von Krankheiten durch stehendes Wasser aus den Kühlsystemen.
Ein Urteil, das die eigene Branche fällt
„Die Klimatisierung von Außenräumen ist grundsätzlich nicht nachhaltig", sagt Matthaios Santamouris, Professor an der University of New South Wales in Sydney, gegenüber der Financial Times. Der Energiebedarf sei für große urbane Projekte ungeeignet. Wer eine klimaneutrale Gesellschaft anstrebe, solle solche Lösungen meiden, so Santamouris weiter.
Auch Oscar Brousse, Dozent für Stadtklimatologie und Gesundheit am University College London, sieht in einzelnen Golf-Projekten Ansätze, die Europa beachten sollte, mahnt aber den enormen Wasser- und Energiebedarf solcher Anlagen an und warnt vor unbeabsichtigten Folgen für die Natur. Die Technik existiert, ihre Bilanz bleibt strittig, und selbst die Fachleute, die sie einordnen, bleiben vorsichtig.
Sevilla hatte die Antwort schon 2022
Während die Financial Times nach Dubai blickt, steht ein Vergleichsprojekt seit vier Jahren in Andalusien. Der Cartuja Qanat im Universitätsviertel von Sevilla ging 2022 in Betrieb, finanziert über das EU-Förderprogramm Urban Innovative Actions mit 5 Millionen Euro, davon 80 Prozent Fördermittel. Beteiligt waren die Stadt Sevilla, der Technologiepark PCT Cartuja, die Universidad de Sevilla und der Wasserversorger Emasesa.
Die Technik folgt einem altpersischen Prinzip: zwei unterirdische Qanate auf einer Fläche von zwei Fußballfeldern, solarbetriebene Pumpen fördern gekühltes Wasser zur Verdunstung an die Oberfläche. Erdreichkühlung, Verdunstung und Verschattung wirken zusammen. Ziel war eine Absenkung der Außentemperatur um 10 Grad. Messungen der Universidad de Sevilla im Sommer 2025 fanden in Innenräumen nahe der Anlage bis zu 12 Grad niedrigere Temperaturen als draußen, am Boden bis zu 10 Grad Unterschied. Eine Ausweitung ins Nachbarviertel La Macarena läuft, ein Fertigstellungstermin steht noch nicht fest.
Der Unterschied zu Doha liegt in der Physik, nicht im Ziel. Der Crystal Walk bläst Kaltluft in einen offenen Raum und produziert dabei Abwärme, die irgendwo hin muss. Der Qanat in Sevilla nutzt das kühle Erdreich und die Verdunstung von Wasser, angetrieben von Solarstrom. Beide wollen Menschen bei Extremhitze draußen einen kühlen Ort geben. Nur eines der beiden Systeme kühlt, ohne an anderer Stelle neue Wärme zu erzeugen. Und es stand vier Jahre vor dem Vorbild aus Katar.
Warum der Baum nicht immer reicht
Santamouris ordnet naturbasierte Lösungen realistisch ein: Europäische Städte hätten bislang meist auf Bäume und Grünflächen gesetzt, doch sobald die Temperaturen über etwa 35 Grad stiegen, reiche das nicht mehr aus. Eine Auswertung von 293 europäischen Städten in Nature Communications von 2021 stützt diesen Befund und differenziert ihn zugleich: Stadtbäume senken die Landoberflächentemperatur gegenüber versiegelter Fläche um 0 bis 4 Kelvin in Südeuropa, aber um 8 bis 12 Kelvin in Mitteleuropa. Baumlose Grünflächen wirken zwei- bis viermal schwächer.
Es ist eine Frage der Klimazone. In Berlin oder München trägt der Baum die Kühlung weitgehend allein. In Sevilla, wo im Sommer regelmäßig 45 Grad erreicht werden, reicht Schatten irgendwann nicht mehr, und genau deshalb baut die Stadt zusätzlich den Qanat. Wer die Berliner Baumschutz-Debatte kennt, sieht den Unterschied: Mitteleuropa braucht vor allem mehr Kronendach, Südeuropa zusätzlich Technik im Boden.
Barcelona schickt Menschen zur Kühle, Dubai bringt Kühle zu den Menschen
Der grundlegende Unterschied zwischen dem Golf-Ansatz und der europäischen Praxis liegt im Konzept: Dubai kühlt Wege, damit Menschen bei 40 Grad draußen bleiben können. Barcelona schickt sie stattdessen an kühle Orte. Das eine skaliert mit dem Energieverbrauch, das andere mit Erreichbarkeit.
Barcelonas Netz aus Klimarefugien zählte im Sommer 2026 über 500 aktive Standorte von Juni bis September, rund 100 mehr als im Vorjahr, drei Viertel davon in Innenräumen. 99,2 Prozent der Bevölkerung erreichen einen kühlen Ort in unter zehn Gehminuten, 76,8 Prozent in unter fünf. Neu hinzugekommen sind über 60 Mikrorefugien in Nachbarschaftsläden und Apotheken.
Paris betreibt rund 1.400 sogenannte Kühlinseln: Grünflächen, Friedhöfe, Schwimmbäder, besprühte Brunnen, klimatisierte öffentliche Gebäude. 15 Rathäuser sind klimatisiert, 10 weitere mobilisierbar, 14 Parks bleiben bis Mitternacht geöffnet. Neu 2026 kamen 48 Nebelduschen und 35 kombinierte Trinkwasser-Sprühnebel-Brunnen hinzu. Wien testet seit 2020 im Esterházypark einen Cooling Spot mit drei Nebeldüsen-Ringen und zwei rund drei Meter hohen „Klimabäumen" auf 30 Quadratmetern, gemessene Abkühlung bis zu 6 Grad, angepeilt waren bis zu 10.
Auch Europa betreibt Symbolpolitik
Wer Europa hier als Vorbild feiert, übersieht die eigenen Schwachstellen. Roman Neunteufel, Wasserexperte an der Boku Wien, hält wenig von Nebelduschen: Der Effekt sei kleinräumig, bei Wind werde der Nebel weggeblasen, eine ganze Stadt lasse sich so nicht kühlen. Bäume hätten den deutlich größeren Kühleffekt. Der ORF brachte die Einschätzung auf den Punkt: „Experte empfiehlt Bäume statt Nebelduschen."
Ein Pilotprojekt in Zürich zeigt, wie leicht auch technische Lösungen danebengehen. In der Roggenstrasse verglich die Stadt 2020 grauen Asphalt mit hellem, beigem und rötlichem Belag, in der Erwartung, dass helle Flächen weniger Sonnenwärme speichern. Das Ergebnis drehte sich um: Die graue Referenzfläche war im Mittel 2 Grad kühler, weil Bäume und ein Gebäude sie beschatteten. Rechnerisch wären die hellen Beläge bei gleicher Sonneneinstrahlung kühler gewesen. In der Praxis schlug der Schatten die Albedo.
Das ist zugleich ein Einwand gegen Santamouris' Hoffnung auf reflektierende Supercool-Materialien. Ohne mitgedachte Verschattung bleibt auch der hellste Belag eine Rechnung, die im Alltag nicht aufgeht. Ein Pilotprojekt des Schweizer Kompetenzzentrums NCCS in Bern und Sion kam immerhin auf bis zu 6 Grad niedrigere Oberflächentemperaturen. Es kommt auf die Umsetzung an, nicht auf das Material.
In Athen verschliss eine reflektierende CoolSeal-Beschichtung auf einer stark befahrenen Straße einem Bericht zufolge binnen eines Tages, ein Haltbarkeitsproblem, das technische Cool-Pavement-Lösungen grundsätzlich begleitet. Und selbst Barcelonas gelobtes Klimarefugien-Netz hat Lücken: Das Magazin Climática berichtete, viele der Standorte seien reine Schattenplätze ohne aktive Kühlung, schlössen mittags, abends und am Wochenende, und seien teils nicht wirklich kostenfrei zugänglich. Betroffen sind ausgerechnet jene, die auf die Angebote am dringendsten angewiesen wären.
Was vom Golf tatsächlich taugt
Für Europa bleibt von den drei Golf-Technologien wenig übrig. Außenraumklimatisierung nach Dubai-Vorbild scheidet nach Santamouris' eigenem Urteil aus, der Energieaufwand steht in keinem Verhältnis zum Nutzen. District Cooling rechnet sich nach Einschätzung der Financial Times selbst in den Emiraten nur durch die schiere Zahl heißer Tage, in Europa dürften die Investitionskosten die begrenzte Kühlsaison kaum rechtfertigen.
Am ehesten überträgbar sind Supercool Materials, Beschichtungen, die Sonnenenergie reflektieren und laut Santamouris die Oberflächentemperatur von Städten um bis zu 15 Grad senken können, getestet unter anderem auf Dächern in Riad. Cleanthinking hat über diese Technologie bereits 2021 berichtet, lange bevor sie nun als Zukunftshoffnung gehandelt wird. Der Zürich-Befund relativiert die Erwartung allerdings: Ohne Beschattung mitgedacht, verpufft ein Teil der Wirkung im Alltag.
Verdunstungskühlung, wie sie Sevilla nutzt, funktioniert laut Santamouris nur in sehr trockenen Regionen zuverlässig, was ihr Potenzial in feuchteren Teilen Europas begrenzt. In Andalusien, Südspanien und Teilen Griechenlands ist das kein Hindernis, in Norddeutschland oder den Beneluxstaaten schon.
Die Anbieter richten sich trotzdem längst auf Europa aus. Das US-Unternehmen AtmoCooling versprüht feine Wassertröpfchen, deren Verdunstung die Umgebungstemperatur um bis zu 9 Grad senken soll, üblicherweise um 3 bis 5 Grad. Getestet wird das in der Wüste von Abu Dhabi, um Feldfrüchte zu schützen. Firmenchef Paul Mahacek sagt der Financial Times, man habe in Europa bislang kein Marketing betrieben, doch das Interesse nach diesem Sommer sei überwältigend gewesen, für die Landwirtschaft und besonders für städtische Räume. Genau hier entscheidet sich, ob Europa die Golf-Logik importiert oder bei der eigenen bleibt.
Die Klimaanlage bleibt die letzte Option
Wo Außenraumkühlung an ihre Grenzen stößt, verschiebt sich die Debatte auf Innenräume. Dort bleibt die klassische Klimaanlage die letzte, energieintensive Option. Cleanthinking hat diese Debatte bereits eingeordnet: Wer beim Neubau passive Dachkühlung und Verschattung von Anfang an mitdenkt, braucht am Ende weniger aktive Technik, egal ob am Golf oder in Sevilla.
Auch Entsiegelung gehört in dieses Bild. Städte, die wie im Beispiel der autoärmeren Innenstädte in Paris und Frankfurt Asphalt durch Grünflächen ersetzen, verbessern die Kühlleistung ohne zusätzlichen Energieverbrauch, ein Effekt, den keine der Golf-Technologien vorweisen kann.
Was am Ende wirkt, ist unspektakulär: der Baum in Mitteleuropa, Erdreich und Verdunstung in Südeuropa, Wasser im Boden statt Kaltluft in der Luft. Nichts davon füllt eine Pressemitteilung, und genau das ist der Grund, warum der Blick nach Dubai geht. Gekühlte Boulevards lassen sich fotografieren, ein Qanat unter zwei Fußballfeldern nicht.
Für Städte, die jetzt entscheiden, folgt daraus eine unbequeme Reihenfolge. Erst Kronendach und Verschattung, dann Entsiegelung, dann Technik im Boden, wo das Klima sie erzwingt. Wer die Reihenfolge umdreht und mit der sichtbarsten Lösung beginnt, bekommt das, was im King Hamad bin Isa Al Khalifa Park zu besichtigen ist: eine Anlage, die läuft, und einen Park, in dem niemand steht.
QUELLEN
- Financial Times: Heatwaves spark interest in Gulf-style extreme cooling, 26.08.2026.
- Urban Innovative Actions: Cartuja Qanat, Sevilla, 2022.
- Nature Communications: Enhanced climate change mitigation potential from local temperature responses to urban greening, 2021.
- ORF/futurezone: Experte empfiehlt Bäume statt Nebelduschen, 2026.
- baublatt.ch: Pilotprojekt Roggenstrasse, Zürich, 2020.
- Climática: Bericht zu spanischen Klimarefugien, 2026.
- Ajuntament de Barcelona: Xarxa de Refugis Climàtics, Stand Sommer 2026.
- Ville de Paris: Îlots de fraîcheur, Stand Sommer 2026.
- Stadt Wien: Coolspot Esterházypark, Projekt Tröpferlbad 2.0, seit 2020.
- NCCS: Pilotprojekt kühle Straßenbeläge, Bern und Sion.