KLIMAWISSEN · 24. SEPTEMBER 2026
USDA Forest Service / Erika WilliamsCO2-Zertifikate: Wer sie ausgibt, wer sie prüft, wer sie braucht
Im EU-Emissionshandel brauchen Kraftwerke und Fabriken für jede Tonne CO2 ein Zertifikat. Auf dem freiwilligen Markt kaufen Unternehmen CO2-Zertifikate, um Emissionen auszugleichen. Regeln, Preise und Prüfverfahren unterscheiden sich dabei stark.
Hinter dem Wort CO2-Zertifikat stehen zwei verschiedene Dinge. Im Emissionshandel ist das Zertifikat eine Erlaubnis, eine Tonne CO2 auszustoßen, im Fachjargon eine Emissionsberechtigung. Auf dem freiwilligen Markt ist es eine Gutschrift. Ein Klimaschutzprojekt bescheinigt damit, dass es eine Tonne vermieden oder aus der Atmosphäre geholt hat.
Die Preise liegen weit auseinander. Im EU-Emissionshandel kostete eine Berechtigung im Frühjahr 2026 rund 70 Euro. Auf dem freiwilligen Markt zahlten Käufer 2024 im Schnitt gut sechs Dollar pro Tonne, wie der Marktbericht von Ecosystem Marketplace zeigt. Beiden Systemen liegt dieselbe Idee zugrunde: Eine Tonne CO2 wird messbar, zählbar und handelbar.
Wie die EU den CO2-Ausstoß über Zertifikate deckelt
Die EU hat den Emissionshandel, kurz EU-ETS, 2005 eingeführt. Teilnehmen müssen Betreiber von Kraftwerken und energieintensiven Industrieanlagen, Fluggesellschaften im Europaverkehr und seit 2024 auch Reedereien. Die EU legt fest, wie viele Berechtigungen es insgesamt gibt, und senkt diese Obergrenze Jahr für Jahr. Wer weniger ausstößt, verkauft überzählige Zertifikate an Betreiber, die mehr brauchen. Weil die Menge knapp ist, entsteht ein Preis.
Seit dem Start haben die erfassten Anlagen ihre Emissionen mehr als halbiert. Die EU-Kommission will ab 2031 auch Zertifikate für dauerhafte CO2-Entnahme im Emissionshandel zulassen. Nach ihrem Vorschlag vom Juli 2026 kommen dafür nur zwei Verfahren in Frage. Beide speichern das CO2 geologisch: die Abscheidung an Biomasseanlagen und die direkte Abscheidung aus der Luft. Pflanzenkohle bleibt draußen.
Für Heizöl, Erdgas, Benzin und Diesel gilt in Deutschland seit 2021 ein eigener CO2-Preis nach dem Brennstoffemissionshandelsgesetz. 2026 liegt er in einem Korridor von 55 bis 65 Euro pro Tonne. Die Bundesregierung will diesen Korridor auch 2027 beibehalten, weil die EU den Start ihres zweiten Emissionshandels für Gebäude und Verkehr, ETS2, auf 2028 verschoben hat.
Wie aus einem Klimaschutzprojekt ein CO2-Zertifikat wird
Am Anfang steht ein Projektentwickler, etwa mit einem Waldschutzgebiet in Brasilien, effizienten Kochöfen in Kenia oder einer Pflanzenkohle-Anlage in Europa. Eine Standardorganisation wie Verra oder die Gold-Standard-Stiftung legt fest, nach welcher Methode die Einsparung gerechnet wird. Vor dem Start prüft eine akkreditierte Prüfstelle den Projektplan, diesen Schritt nennt die Branche Validierung. Nach einem Betriebszeitraum kontrolliert sie die tatsächlich erreichten Tonnen, die Verifizierung.
Erst danach stellt ein Register die Zertifikate aus, eine Tonne pro Stück. Das Unternehmen, das sich eine Tonne anrechnen will, legt das Zertifikat still. Damit verschwindet es aus dem Handel und lässt sich kein zweites Mal verkaufen. 2024 legten Käufer bei den zehn größten Standards rund 182 Millionen Tonnen still. Der Handelswert sank laut Ecosystem Marketplace im selben Jahr um 29 Prozent auf 535 Millionen Dollar.
Die meisten Gutschriften bescheinigen vermiedene Emissionen. Sie vergleichen das Projekt mit einem Referenzszenario, also mit dem, was ohne das Projekt passiert wäre: ein abgeholzter Wald, ein Kohlekraftwerk, ein offenes Feuer. Dieses Szenario lässt sich nicht beobachten, nur schätzen. Entnahme-Zertifikate belegen dagegen Tonnen, die tatsächlich aus der Atmosphäre geholt und gespeichert wurden. Käufer zahlten 2024 für solche Entnahme-Gutschriften im Schnitt fast das Fünffache.
Bei der dauerhaften Entnahme liefert bisher vor allem Pflanzenkohle, ein industriell eingesetztes Verfahren. Rund 80 Prozent der seit 2022 ausgelieferten Tonnen stammen laut der Plattform CDR.fyi aus Pyrolyse-Anlagen, Stand Dezember 2025. Die direkte Abscheidung aus der Luft steckt im Aufbau, ihre gelieferten Mengen liegen im Tausend-Tonnen-Bereich. Die Nachfrage verbreitert sich trotzdem: Im zweiten Quartal 2026 sagten Käufer außer Microsoft so viele Tonnen zu wie nie zuvor.
| Pflichtmarkt (EU-ETS) | Freiwilliger Markt | |
|---|---|---|
| Was das Zertifikat belegt | Erlaubnis für eine ausgestoßene Tonne | Gutschrift für eine vermiedene oder entnommene Tonne |
| Wer kauft | Kraftwerke, Industrie, Fluggesellschaften, Reedereien (Pflicht) | Unternehmen und Privatleute (freiwillig), Staaten über Artikel 6 |
| Menge | Obergrenze der EU, sinkt jährlich | Keine Obergrenze, abhängig von Projekten |
| Preis pro Tonne | rund 70 Euro (Frühjahr 2026) | gut 6 Dollar (Durchschnitt 2024) |
| Wer prüft | Akkreditierte Verifizierer, in Deutschland überwacht von der DEHSt | Prüfstellen im Auftrag der Projektentwickler |
| Register | Unionsregister der EU | Register der Standards, etwa Verra oder Gold Standard |
Quelle: Europäische Kommission, Ecosystem Marketplace, eigene Zusammenstellung.
Warum Prüfstellen die Schwachstelle des Systems sind
Eine Prüfstelle braucht eine Akkreditierung, ihren Auftrag bekommt sie aber vom Projektentwickler. Er wählt sie aus und bezahlt sie. Findet sie weniger Tonnen als erwartet, sinkt der Erlös ihres Kunden.
Wie groß die Lücke werden kann, zeigte im Januar 2023 eine Recherche von Guardian, Zeit und SourceMaterial. Mehr als 90 Prozent der untersuchten Regenwald-Gutschriften von Verra seien wahrscheinlich Phantom-Zertifikate ohne echte Einsparung. Verra wies die Schlussfolgerungen zurück. Nach den Studien hinter der Recherche hatten die Projekte die drohende Abholzung in ihren Referenzszenarien zu hoch angesetzt.
In Deutschland traf es die Kraftstoffquote. Mineralölkonzerne durften sich Emissionsminderungen an Ölfeldern im Ausland anrechnen lassen, sogenannte Upstream-Emissionsminderungen. Das Umweltbundesamt genehmigte 66 Projekte mit einem geschätzten Marktwert von über 1,5 Milliarden Euro, viele davon in China. Reporter fanden an den angegebenen Orten teils keine funktionierenden Anlagen. Ein Prüfer hatte zugleich für eine Beratungsfirma gearbeitet, die solche Projekte entwickelte (mehr dazu: Klimazertifikate aus China: Betrug im System).
Die EU baut deshalb eigene Regeln auf. Mit der Verordnung 2024/3012 hat sie einen Rahmen für die Zertifizierung von CO2-Entnahmen geschaffen. Im Februar 2026 legte die Kommission die ersten Methoden für dauerhafte Entnahme fest. Die Prüfstellen müssen dafür vorgegebene Audit-Regeln einhalten. Parallel kaufen sich große Prüfkonzerne in das Geschäft ein, zuletzt TÜV SÜD mit der Luxemburger Prüfstelle SustainCERT.
Was Unternehmen mit Zertifikaten nicht mehr bewerben dürfen
Das Dritte Gesetz zur Änderung des Gesetzes gegen den unlauteren Wettbewerb verbietet ab dem 27. September 2026 Werbung, die ein Produkt wegen gekaufter Zertifikate als klimaneutral, CO2-neutral oder klimapositiv ausweist. Deutschland setzt damit die EU-Richtlinie 2024/825 um, eine Übergangsfrist gibt es nicht. Zertifikate kaufen dürfen Unternehmen weiterhin. Sie dürfen auch über ihr Engagement berichten, solange nicht der Eindruck entsteht, das Produkt selbst sei klimaneutral, wie die Kanzlei TWW zusammenfasst.
Auf staatlicher Ebene wächst die Nachfrage dagegen. Die EU hat sich im November 2025 auf ein Klimaziel von minus 90 Prozent bis 2040 geeinigt. Bis zu fünf Prozentpunkte davon darf sie über internationale Gutschriften erreichen. Welche Prüfstellen diese Gutschriften kontrollieren sollen, hatte die EU-Kommission bis Mai 2026 nicht festgelegt.
Die Grundlage dafür liefert Artikel 6 des Pariser Abkommens. Er erlaubt Staaten, Emissionsminderungen untereinander zu handeln. Damit eine Tonne nicht doppelt zählt, muss das Verkäuferland sie aus seiner eigenen Klimabilanz herausrechnen. Diese Gegenbuchung heißt im Vertragsdeutsch entsprechende Anpassung.
Die Standardsetzer reagieren mit Gütesiegeln. Das Gremium ICVCM vergibt seit 2023 das Label „Core Carbon Principles” an Methoden, die seine Qualitätskriterien erfüllen. Laut eigenem Bericht trugen nur rund vier Prozent der 2024 ausgestellten Gutschriften dieses Label, sie erzielten im Schnitt etwa ein Viertel höhere Preise.
Wo sich CO2-Zertifikate sinnvoll einsetzen lassen
Im Pflichtmarkt zählt der Preis. Jeder Euro pro Tonne verteuert Kohle-, Gas- und Ölverbrennung und verbessert die Rechnung für Wärmepumpe, Elektroauto und Stahl aus Wasserstoff-Direktreduktion. Die Einnahmen aus beiden CO2-Preisen fließen in Deutschland in den Klima- und Transformationsfonds, der Förderprogramme wie die Heizungsförderung finanziert.
Auf dem freiwilligen Markt liegt der Wert woanders. Einige Emissionen lassen sich mit heutiger Technik nicht vollständig vermeiden, etwa die Prozessemissionen aus dem Zementofen oder Methan aus der Tierhaltung. Für diese Restmengen braucht die Welt dauerhafte Entnahme, und wer Entnahme-Zertifikate kauft, finanziert den Aufbau der Anlagen dafür.
Daraus ergibt sich eine Reihenfolge. Zuerst senken Unternehmen ihre eigenen Emissionen, meist durch Elektrifizierung von Wärme, Verkehr und Prozessen. Was danach übrig bleibt, gleichen sie mit Zertifikaten aus, die eine Entnahme belegen, von einer unabhängigen Stelle geprüft und in einem Register stillgelegt. Eine vermiedene Abholzung in einem fernen Land ersetzt keine Wärmepumpe im eigenen Werk.
QUELLEN
- Ecosystem Marketplace: SOVCM 2025 Finds the Voluntary Carbon Market in Transition, 2025.
- The Guardian: Revealed: more than 90% of rainforest carbon offsets by biggest certifier are worthless, analysis shows, 18.01.2023.
- ICVCM: CCP Impact Report 2025, 2025.
- Deutscher Naturschutzring: EU beschließt abgeschwächtes Klimaziel für 2040, 05.11.2025.
- TWW: Klimaneutral durch Kompensation: Das Aus für den beliebtesten Green Claim, 17.09.2026.
- Taylor Wessing: EU specifies certification of permanent CO₂ removals, 11.02.2026.