KLIMAWISSEN · 27. SEPTEMBER 2026

Wie der Jetstream Europas Wetter steuert
Ein schmales Band aus Westwind in acht bis elf Kilometern Höhe schiebt Hochs und Tiefs über Europa. Gerät es ins Stocken, bleiben Hitze, Trockenheit oder Regen wochenlang liegen. Ob die Erwärmung das häufiger macht, ist in der Forschung umstritten.
Wer im Hochsommer drei Wochen ohne Regen erlebt, sucht die Ursache meist am Boden: beim Hoch, bei der Sonne, bei ausgedörrten Feldern. Die eigentliche Ursache sitzt weiter oben, in der Höhe, in der Verkehrsflugzeuge reisen. Ende Juni 2026 blieb eine solche Lage über Mitteleuropa stehen. Der Deutsche Wetterdienst zählte an einem einzigen Tag 46 Stationen mit 40 Grad oder mehr.
Das Band dort oben heißt Jetstream. Der Jetstream trennt kalte Polarluft von warmer Luft aus dem Süden, lenkt Tiefdruckgebiete über den Atlantik und verkürzt Flüge nach Osten. Legt sich der Jetstream in große Bögen und kommt kaum voran, entstehen Omega-Lagen und Blockierungen. Aus ein paar Sonnentagen wird dann eine Hitzewelle, aus einem Regengebiet eine Flut.
Wie stark die Erderwärmung dieses Verhalten verändert, gehört zu den offenen Fragen der Klimaforschung. Wer Hitzeschutz, Wasserwirtschaft oder ein Stromsystem mit viel Wind und Sonne plant, sollte beide Seiten kennen.
Inhalt
Wie entsteht der Jetstream
Der Deutsche Wetterdienst beschreibt den Jetstream in seinem Wetterlexikon als schmales, bandartiges Starkwindfeld in der Troposphäre oder Stratosphäre. Als Untergrenze gelten 30 Meter pro Sekunde, also rund 108 Kilometer pro Stunde. Die Achse mit den höchsten Geschwindigkeiten ist meist nur 50 bis 100 Kilometer breit und ein bis zwei Kilometer dick.
Den Antrieb liefert ein Temperaturgegensatz. Wo kalte polare und warme subtropische Luft aufeinandertreffen, strömt die Luft vom höheren zum tieferen Druck. Die Corioliskraft, also die scheinbare Ablenkung durch die Erdrotation, lenkt sie auf der Nordhalbkugel nach rechts und damit nach Osten. Weil in der Höhe kaum Reibung bremst, erreicht der Jetstream laut DWD 200 bis 400 Kilometer pro Stunde, in Einzelfällen bis 500.
Der Polarfrontjet trennt polare von subtropischer Luft und prägt das Wetter in Mitteleuropa. Der Subtropenjet grenzt subtropische von tropischer Luft ab und verläuft weiter südlich. Der britische Met Office verortet den Jetstream in fünf bis sieben Meilen Höhe, also etwa acht bis elf Kilometern. Im Winter weht der Jetstream kräftiger, weil der Temperaturunterschied zwischen Pol und Äquator dann am größten ist.
Wie aus Rossby-Wellen eine Blockierung wird
Der Jetstream verläuft selten gerade. Nach der DWD-Beschreibung mäandriert er wie ein Flusslauf, spaltet sich in Äste auf und ändert ständig Lage, Form und Stärke. Die großen Nord-Süd-Schwingungen heißen Rossby-Wellen oder planetare Wellen. In ihren Tälern liegen Tiefs, auf ihren Rücken Hochs, und normalerweise wandern beide mit der Welle ostwärts.
Heikel wird es, wenn die Wellen weit ausschlagen und kaum vorankommen. Der Met Office beschreibt, wie ein mäandrierender Jetstream Wettersysteme verlangsamt und lange nasse oder trockene Phasen auslöst. Die bekannteste Form ist die Omega-Lage: Ein kräftiges Hoch liegt eingekeilt zwischen zwei Tiefs, die Höhenströmung zeichnet den griechischen Buchstaben Ω nach. Laut DWD bleibt ein solches Muster oft über längere Zeit nahezu ortsfest.
Unter dem Hoch sinkt Luft ab, Wolken lösen sich auf, die Sonne heizt Tag für Tag nach. Der Boden trocknet aus und verstärkt die Erwärmung (mehr dazu: Warum Europas Sommer schneller austrocknen, als das Klima allein erklärt). Aus wenigen Wochen ohne Regen kann so eine Blitzdürre werden.
An den Flanken der blockierten Jetstream-Welle sitzen dagegen Tiefs fest. Warme Luft trägt mehr Wasserdampf, wie das Clausius-Clapeyron-Gesetz beschreibt. Bleibt ein solches Tief tagelang an einem Ort, fällt dort Dauer- oder Starkregen.
Worin sich Jetstream und Polarwirbel unterscheiden
Im Winter tauchen beide Begriffe oft gemeinsam auf, dabei liegen sie in verschiedenen Stockwerken der Atmosphäre. Der Polarwirbel ist nach Angaben der US-Wetter- und Ozeanbehörde NOAA ein Ring starker Westwinde in der Stratosphäre, rund 16 bis 48 Kilometer über dem Nordpol. Der polare Jetstream weht darunter in der Troposphäre, laut NOAA zwischen etwa acht und 14 Kilometern Höhe.
Beide Systeme hängen zusammen. Schwächelt der Polarwirbel oder spaltet er sich, wird der Jetstream darunter laut NOAA häufig stark wellig. Dann stößt Polarluft weit nach Süden vor, während milde Luft in die Arktis strömt. Ob Deutschland im Winter 2026/27 Kältewellen erlebt, hängt auch an diesem Zusammenspiel (mehr dazu: El Niño Polarwirbel: Wie der Winter 2026/27 in Deutschland entschieden wird).
Worüber Klimaforscher beim Jetstream streiten
Im März 2012 stellten die US-Klimaforscherin Jennifer Francis und ihr Kollege Stephen Vavrus eine Hypothese vor, die seither die Debatte prägt. Die Arktis erwärmt sich schneller als der Rest der Nordhalbkugel (mehr dazu: Hitze in der Arktis). Dadurch schrumpft der Temperaturgegensatz, der den Jetstream antreibt. Nach ihrer Auswertung in den Geophysical Research Letters werden die Höhenwinde schwächer und die Wellen höher. Beides bremst die Rossby-Wellen des Jetstreams, Wetterlagen bleiben länger stehen.
Die Hypothese ist umstritten. Russell Blackport und James Screen zeigten im Februar 2020 in Science Advances: Der Trend zu einem welligeren Jetstream hat sich zuletzt umgekehrt. Die Arktis erwärmte sich in derselben Zeit weiter überdurchschnittlich. In Modellexperimenten mit künstlich verringertem Temperaturgefälle fanden die beiden keine höheren Wellen. Ihr Schluss: Der beobachtete Gleichlauf ist sehr wahrscheinlich keine erzwungene Folge der Arktis-Erwärmung.
Eine zweite Forschungslinie am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung untersucht Wellenresonanz. Dabei geraten bestimmte Rossby-Wellen im Sommer in eine Art Gleichtakt, wachsen stark an und bleiben stehen. Ein Team um Michael Mann, Stefan Rahmstorf, Kai Kornhuber und Dim Coumou veröffentlichte dazu im Oktober 2018 eine Modellstudie. Bei ungebremsten Emissionen dürften solche Ereignisse in diesem Jahrhundert um rund 50 Prozent zunehmen. Die Modelle streuten stark, von fast einer Verdreifachung bis zu einem Rückgang.
Das Team fand einen zweiten Hebel: Aerosole aus Luftverschmutzung kühlen die mittleren Breiten leicht und verringern ebenfalls den Gegensatz zur Arktis. Rahmstorf folgerte daraus, dass ein schneller Kohleausstieg doppelt hilft, gegen Treibhausgase und gegen Schmutzpartikel. Im Juni 2025 legte ein Team um Michael Mann in PNAS Beobachtungsdaten vor. Die Forschenden fanden eine Verdreifachung der Resonanzereignisse über das vergangene halbe Jahrhundert und vermuten, dass heutige Klimamodelle den Anstieg unterschätzen.
Warum ein doppelter Jetstream Westeuropa aufheizt
Für Westeuropa lieferte ein Team um Efi Rousi, Kai Kornhuber und Dim Coumou im Juli 2022 einen eigenen Befund. Die Gruppe identifizierte Europa in Nature Communications als Hitzewellen-Hotspot. Die Hitzetrends stiegen in den 42 Jahren bis 2020 drei- bis viermal schneller als im Rest der nördlichen mittleren Breiten. Als Treiber nennen die Forschenden häufigere und länger anhaltende Doppel-Jets über Eurasien.
Bei einem Doppel-Jet teilt sich der Jetstream über Eurasien in zwei getrennte Äste. Zwischen beiden Windmaxima weht es schwach, dort setzen sich Hochdruckgebiete leicht fest. Solche Lagen erklären laut Studie bis zu 35 Prozent der Temperaturschwankungen bei westeuropäischen Hitzewellen. Die längere Dauer der Doppel-Jets erklärt fast den gesamten beschleunigten Hitzetrend in Westeuropa und rund 30 Prozent im erweiterten europäischen Raum.
Die Autoren vermuten, dass die rasche Erwärmung der Landflächen im hohen Norden Doppel-Jets begünstigt. Diesen Mechanismus wollen sie ausdrücklich erst mit Klimamodell-Experimenten prüfen. Rousi und Kollegen folgern, dass neben der reinen Erwärmung auch Änderungen der Luftströmung die Zahl europäischer Hitzewellen erhöht haben.
| Studie | Jahr | Kernbefund |
|---|---|---|
| Francis und Vavrus, Geophysical Research Letters | 2012 | Schwächere Höhenwinde und höhere Wellen seit Beginn der starken Arktis-Erwärmung |
| Mann, Rahmstorf, Kornhuber u. a., Science Advances | 2018 | Rund 50 Prozent mehr Resonanzereignisse in diesem Jahrhundert bei ungebremsten Emissionen, große Modellstreuung |
| Blackport und Screen, Science Advances | 2020 | Trend zu welligerer Strömung hat sich umgekehrt, Modelle zeigen keine höheren Wellen |
| Rousi, Kornhuber, Coumou u. a., Nature Communications | 2022 | Hitzetrend in Westeuropa drei- bis viermal schneller, Doppel-Jets als Haupttreiber |
| Li, Mann u. a., PNAS | 2025 | Verdreifachung der Resonanzereignisse in rund 50 Jahren Beobachtung |
Zusammenstellung aus den Originalstudien: Mann et al. 2018, Blackport und Screen 2020, Rousi et al. 2022, Li et al. 2025; Francis und Vavrus 2012 nach Abstract (DOI 10.1029/2012GL051000).
Wie der Jetstream 2026 Europas Wetter festhielt
Mehrere Wetterlagen des Jahres 2026 gehen direkt auf den Jetstream zurück. Anfang Februar verlief er nach einer Analyse des Met Office kräftig und ungewöhnlich weit südlich über Europa. Ein blockierendes Hoch über Nordosteuropa hielt ihn in dieser Position. Für Teile Spaniens und Portugals rechneten die Briten mit 500 bis 600 Millimetern Regen binnen zwei Tagen.
Anfang März 2026 folgte eine Omega-Lage. Laut DWD lag ein kräftiges Hoch über Mitteleuropa, eingekeilt zwischen einem Höhentief über dem Nordatlantik und einem über Westrussland. Es brachte ungewöhnlich warmes, trockenes Märzwetter. DWD-Meteorologe Christian Herold notierte, dass sich solche Omegalagen im Frühling in den vergangenen Jahren gehäuft haben.
Gegen Ende Juni 2026 stellte sich erneut eine Omega-Wetterlage über Mitteleuropa ein. Nach der Monatsbilanz des DWD begünstigte sie eine außergewöhnlich intensive und anhaltende Hitzewelle. Mit 19,5 Grad im Mittel belegt der Juni 2026 Platz zwei, nur 2019 war wärmer. Deutschland stellte dabei einen neuen Temperaturrekord auf (mehr dazu: 41,8 Grad: DWD erklärt Hitzewelle zur Zäsur).
Für Westeuropa meldete der Copernicus-Klimawandeldienst im Juli 2026 den wärmsten Juni seiner Datenreihe, 3,06 Grad über dem Mittel von 1991 bis 2020. Ob die Erwärmung die Omega-Lage selbst wahrscheinlicher gemacht hat, klären weder DWD noch Copernicus in ihren Bilanzen.
Warum Netzbetreiber, Städte und Airlines den Jetstream beobachten
Für ein Stromsystem mit viel Wind und Sonne zählen dieselben Blockadelagen des Jetstreams. Fabian Mockert und Kollegen untersuchten in einer 2023 in Meteorological Applications erschienenen Studie Dunkelflauten in Deutschland, also Phasen mit wenig Wind- und Solarstrom. Die meisten treten im Winter auf, wenn ein Hoch über Deutschland liegt, verbunden mit dem Wetterregime „Europäische Blockierung“. Bei einer Blockierung über Grönland kommt Kälte hinzu, die den Strombedarf erhöht, sobald mehr Häuser elektrisch heizen.
Dunkelflauten entstehen laut der Studie vor allem dann, wenn ein Wetterregime fest etabliert ist und länger als üblich anhält. Genau diese Beharrlichkeit kennzeichnet blockierte Jetstream-Lagen. Wer ein Stromsystem mit hohem Wind- und Solaranteil baut, braucht deshalb Speicher, europäischen Stromaustausch und flexible Nachfrage für mehrtägige Flauten.
Für die Anpassung an Hitze zählt vor allem die Dauer. Eine Hitzewelle, die zwei Wochen stehen bleibt, belastet Kliniken, Wälder und Flusspegel anders als drei heiße Einzeltage. Hitzeaktionspläne sollten deshalb nicht auf einzelne Rekordtage zielen, sondern auf wochenlange Blockadelagen.
Die Luftfahrt spürt den Jetstream unmittelbar. Flüge mit Rückenwind aus dem Jetstream sparen laut Met Office Zeit und Treibstoff, Flüge gegen ihn dauern länger. An den Rändern des Bandes erzeugt die Windscherung unsichtbare Klarluftturbulenzen. Forschende der University of Reading fanden 2023, dass schwere Klarluftturbulenz über dem Nordatlantik zwischen 1979 und 2020 um 55 Prozent zugenommen hat.
Das Team hält den Anstieg für vereinbar mit den Folgen des Klimawandels: Wärmere Luft verstärkt die Windscherung in den Jetstreams. „Wir haben jetzt Belege, dass der Anstieg bereits begonnen hat“, sagte Mitautor Paul Williams. Er fordert bessere Systeme, um Turbulenzen vorherzusagen und zu erkennen.
QUELLEN
- Deutscher Wetterdienst: Wetterlexikon: Jetstream, abgerufen 27.09.2026.
- Deutscher Wetterdienst: Der Polarfrontjetstream, ein Starkwindband in der Höhe gibt den Takt vor, 06.03.2016.
- Deutscher Wetterdienst: Die Omegawetterlage, 06.03.2026.
- Deutscher Wetterdienst: Deutschlandwetter im Juni 2026, 29.06.2026.
- Met Office: What is the jet stream and how does it affect our weather?, 2025.
- Met Office: Deep dive: why the jet stream is delivering exceptional rain across Europe, 04.02.2026.
- NOAA Climate.gov: Understanding the Arctic polar vortex, abgerufen 27.09.2026.
- Geophysical Research Letters: Francis, J. A., Vavrus, S. J.: Evidence linking Arctic amplification to extreme weather in mid-latitudes, 17.03.2012 (DOI 10.1029/2012GL051000).
- Science Advances: Insignificant effect of Arctic amplification on the amplitude of midlatitude atmospheric waves, 19.02.2020.
- Science Advances: Projected changes in persistent extreme summer weather events: The role of quasi-resonant amplification, 31.10.2018.
- Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung: Extreme weather will likely become more frequent due to stalling of giant waves in the atmosphere, 01.11.2018.
- PNAS: Increased frequency of planetary wave resonance events over the past half-century, 16.06.2025.
- Nature Communications: Accelerated western European heatwave trends linked to more-persistent double jets over Eurasia, 04.07.2022.
- Copernicus Climate Change Service: Record heatwave brings hottest June for western Europe during second-warmest June globally, 09.07.2026.
- arXiv (Preprint, veröffentlicht in Meteorological Applications 2023): Meteorological conditions during Dunkelflauten in Germany, 09.12.2022.
- University of Reading: Aviation turbulence strengthened as the world warmed, 08.06.2023.