Netzentgelte und Iran-Krieg · 17. Oktober 2026

Kosten für Strom und Gas steigen 2027 deutlich
Gasversorger dürften ihre Preise zum Jahreswechsel je nach Tarif um zehn bis 20 Prozent anheben. Das zeigen Verivox-Berechnungen, die BILD vorliegen. Beim Strom steigen die Netzentgelte im Schnitt um 1,9 Prozent.
Für einen Drei-Personen-Haushalt mit 4.000 Kilowattstunden Jahresverbrauch bedeuten die höheren Stromnetzentgelte rechnerisch rund acht Euro mehr im Jahr. Den deutlich größeren Aufschlag bei den Energiekosten 2027 erwartet Verivox für Haushalte mit Gasheizung. Darüber berichtet BILD. Hinter den steigenden Kosten für Strom und Gas stehen zwei verschiedene Ursachen. Beim Strom spart der Bund an den Netzen, beim Gas schlagen die Folgen des Iran-Kriegs auf die Rechnung durch.
Der Bund kürzt seinen Zuschuss für die Übertragungsnetze
Die vier Übertragungsnetzbetreiber haben Anfang Oktober die vorläufigen bundeseinheitlichen Entgelte für 2027 veröffentlicht. Danach steigt das Übertragungsnetzentgelt von 2,86 auf 3,54 Cent je Kilowattstunde netto, ein Plus von knapp 24 Prozent. Übertragungsnetze sind die Höchstspannungsleitungen, die Strom über weite Strecken transportieren.
Hinter dem Sprung steht der Bund. Er senkt seinen Zuschuss zu den Kosten der Übertragungsnetze von 6,5 auf 5,525 Milliarden Euro, wie Verivox vorrechnet. Was der Bund nicht mehr zahlt, legen die Netzbetreiber auf die Netzentgelte um, die Gebühren für Transport und Verteilung des Stroms.
Bei den Haushalten kommt der Sprung abgeschwächt an, denn das Übertragungsnetz macht nur einen Teil der Netzkosten aus. Wie stark die Rechnung steigt, hänge auch vom jeweiligen Verteilnetzgebiet und von weiteren Bestandteilen des Strompreises ab, erklärt Verivox-Energieexperte Thorsten Storck. In den alten Bundesländern zahlen Haushalte 2027 im Schnitt rund zehn Euro mehr für die Stromnetze, in den neuen Bundesländern rund drei Euro weniger. Am stärksten steigen die Stromnetzentgelte in Hamburg.
Eine Entlastung hat Kanzler Friedrich Merz längst in Aussicht gestellt: Er will die Stromsteuer-Senkung für alle nachholen. Angekündigt hatten CDU und SPD sie für Haushalte schon im Koalitionsvertrag. Verivox hat durchgerechnet, was eine Senkung von 2,05 auf das EU-Minimum von 0,1 Cent je Kilowattstunde bringen würde. Der Durchschnittspreis sänke inklusive Mehrwertsteuer von 34,36 auf 32,04 Cent je Kilowattstunde.
Ein Haushalt mit 4.000 Kilowattstunden würde nach diesen Berechnungen rund 93 Euro im Jahr sparen, mehr als das Zehnfache des Netzentgelt-Aufschlags. Alle Privathaushalte zusammen kämen auf rund drei Milliarden Euro oder sieben Prozent ihrer Stromkosten. Voraussetzung ist, dass die Versorger die Senkung vollständig weitergeben.
Seit der Ankündigung gibt es allerdings keinen Termin. Der Haushaltsentwurf 2027 sieht für Privathaushalte keine Senkung vor, Finanzminister Lars Klingbeil zweifelt an der Finanzierbarkeit. „Entscheidend ist jetzt, dass aus der politischen Forderung auch eine konkrete Umsetzung wird”, sagt Storck.
Strom trägt in Deutschland schon heute weit mehr Steuern und Abgaben als Gas. Haushalte zahlen je Kilowattstunde Strom rund 12,6 Cent Steuern, Abgaben und Umlagen, auf Gas 3,6 Cent, so die Denkfabrik Ember. Ein Gutachten der Stiftung Klimaneutralität kommt zu dem Schluss, dass dieses Verhältnis den Umstieg auf Wärmepumpe und Elektroauto bremst.
Gasversorger geben die Folgen des Iran-Kriegs weiter
Auch die Gasnetzentgelte steigen 2027, im Schnitt um rund drei Prozent. Ein Einfamilienhaus mit 20.000 Kilowattstunden Verbrauch zahlt dafür rechnerisch rund 19 Euro mehr im Jahr. Am stärksten steigen die Gasnetzentgelte laut den Verivox-Berechnungen in Berlin, Hamburg, Rheinland-Pfalz und Brandenburg.
Für die Heizkosten haben die Netzgebühren nach Einschätzung von Storck „im Vergleich zu den explodierten Großhandelspreisen geringen Einfluss”. Verivox erwarte zum Jahreswechsel flächendeckende Preiserhöhungen, mit denen die Gasversorger ihre höheren Beschaffungskosten an die Kunden weitergeben, sagte er gegenüber BILD. Je nach Tarif rechne er mit zehn bis 20 Prozent.
Die Großhandelspreise für Gas sind deutlich gestiegen, seit Donald Trump Ende Februar den Angriff auf den Iran befahl. Die Krise um die Straße von Hormus trifft Europa als Importeur von Öl und Gas direkt. Seit Kriegsbeginn hat die EU nach Angaben von EU-Energiekommissar Dan Jørgensen mehr als 100 Milliarden Euro zusätzlich für fossile Importe ausgegeben. Diese Marke nannte er Ende September beim Treffen der EU-Energieminister.
Für Haushalte mit Gasheizung ist das bitter. Ihre Heizkosten hängen an Weltmarktpreisen, die mit einem Krieg am Persischen Golf ausschlagen, weit weg von der eigenen Haustür und ohne jeden eigenen Einfluss. Wer mit Gas heizt, sitzt unfreiwillig im fossilen Casino. Und ganz Europa zahlt für eine Entscheidung, die in Washington gefallen ist.
Haushalte können sich mit Wärmepumpe und Solarstrom unabhängiger machen
Kurzfristig hilft es, die Heizung möglichst spät in der Saison anzustellen. Verivox hat das für ein freistehendes Einfamilienhaus mit 180 Quadratmetern, Effizienzklasse D und 20.000 Kilowattstunden Gasverbrauch durchgerechnet. Wer dort einen Tag nicht heizt, spart mit Gasheizung fünf bis sieben Euro und mit Ölheizung sechs bis neun Euro. Mit Wärmepumpe sind es drei bis vier Euro. Für den ganzen Oktober kommen mit Gas rund 177 Euro zusammen, mit Wärmepumpe rund 113 Euro.
Die Ersparnis entspricht den Heizkosten eines Tages. In der Musterrechnung heizt die Wärmepumpe also gut ein Drittel günstiger als die Gasheizung. „Trotzdem sollte niemand frieren müssen”, sagt Storck, gerade ältere Menschen und Kinder reagierten empfindlich auf niedrige Raumtemperaturen. Dauerhaft unter 15 bis 16 Grad sollte es in der Wohnung auch wegen Schimmelgefahr nicht werden.
Wer kann, sollte über einen Heizungstausch nachdenken. Er ist der wirksamste Weg, die eigenen Heizkosten von den Ausschlägen am Gasmarkt zu lösen. Was eine Wärmepumpe kostet, wie sie sich im Altbau schlägt und warum die Heizkörper meist bleiben können, lässt sich vorab gut klären. Wie weit die Systeme bei den laufenden Kosten auseinanderliegen, zeigt unser Heizkosten-Vergleich für den Winter 2026/27.
Beim Strom können auch Mieter*innen etwas tun. Ein Balkonkraftwerk, auf Wunsch mit Speicher, deckt einen Teil des eigenen Verbrauchs mit Solarstrom. Wer ein eigenes Dach hat, kann mit einer Photovoltaikanlage deutlich mehr selbst erzeugen. Und wer noch in der Grundversorgung steckt, kann in einen regulären Ökostromtarif wechseln, der in der Regel günstiger ist.
Die fossile Krise zieht auch den Strompreis nach oben, und das liegt an der Preisbildung an der Strombörse. Dort bestimmt das teuerste Kraftwerk, das gerade noch gebraucht wird, den Preis für alle. In vielen Stunden ist das ein Gaskraftwerk, teures Gas hebt deshalb auch die Börsenstrompreise. Je mehr Strom aus Wind und Sonne kommt und je mehr Heizungen, Autos und Fabriken elektrisch laufen, desto weniger Gas muss Europa importieren. Und desto seltener setzt Gas den Preis an der Strombörse.