Wie der Elektrifizierungs-Durchbruch bei COP31 gelingen soll

KLIMAKONFERENZ IN ANTALYA AB MONTAG · 7. NOVEMBER 2026

Wie der Elektrifizierungs-Durchbruch bei COP31 gelingen soll

Die Türkei will auf der Klimakonferenz COP31 eine Staatenkoalition schmieden: 35 Prozent bis 2035, so viel Strom soll dann den weltweiten Endenergieverbrauch decken. Die Internationale Energieagentur rechnet vor, dass Importländer damit rund 400 Milliarden Dollar im Jahr sparen würden.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 6 Min. LESEN


Die Klimakonferenz beginnt am Montag in Antalya und dauert bis zum 20. November. Gastgeber Türkei und Australien, das die Verhandlungen leitet, haben die Elektrifizierung zu ihrem wichtigsten Anliegen erklärt. Ihr Ziel heißt „35 Prozent bis 2035“: Strom soll dann gut ein Drittel des weltweiten Endenergieverbrauchs decken, also der Energie, die Haushalte, Verkehr und Industrie einkaufen. Staaten schließen sich freiwillig an, eine Einigung aller knapp 200 Teilnehmer braucht es nicht (mehr dazu: wie die COP31-Präsidentschaft das Ziel im Juni in Bonn vorgeschlagen hat).

Die Grundlage liefert ein Sonderbericht der IEA zur Elektrifizierung, den die Agentur im Auftrag der beiden Gastgeber verfasst hat. Heute deckt Strom demnach 23 Prozent des Endenergieverbrauchs. Mit der heutigen Politik steigt der Anteil bis 2035 auf knapp 30 Prozent. Würden Haushalte und Unternehmen alles umstellen, was sich schon zu heutigen Preisen rechnet, läge er bei 33 Prozent. Die IEA hält das Ziel der Konferenz deshalb für erreichbar.

Balkendiagramm: Strom deckt weltweit 23 Prozent des Endenergieverbrauchs, mit heutiger Politik 2035 knapp 30 Prozent, wirtschaftlich möglich sind 33 Prozent, das Elektrifizierungsziel der COP31 liegt bei 35 Prozent
Stromanteil am weltweiten Endenergieverbrauch heute, 2035 und im Ziel der COP31. QUELLE: IEA, SPECIAL REPORT ON ELECTRIFICATION (2026), CC BY 4.0, DARSTELLUNG CLEANTHINKING

China spart rund 40 Prozent seiner Rechnung für Brennstoffimporte

Rund 80 Prozent der Weltbevölkerung leben nach Angaben der Financial Times in Ländern, die unterm Strich fossile Brennstoffe einführen. Was diese Länder dafür bezahlen, hat der Iran-Krieg in diesem Jahr nach oben getrieben. Im Szenario der IEA mit 35 Prozent Strom sinkt ihre Importrechnung bis 2035 gegenüber 2025 um rund ein Viertel.

Zu Preisen von 2025 entspricht das rund 400 Milliarden Dollar im Jahr, umgerechnet etwa 360 Milliarden Euro. Gemessen an den höheren Preisen von 2026 wären es mehr als 500 Milliarden Dollar. Industrieländer und China sparen zusammen rund 300 Milliarden Dollar, die übrigen Schwellen- und Entwicklungsländer mehr als 100 Milliarden. China drückt seine Importrechnung damit um rund 40 Prozent, die Industrieländer um rund 20 Prozent.

Den größten Teil der Ölimporte verdrängen Elektroautos, Busse und Lkw. Bis 2035 entfallen so 15 Millionen Barrel Öl am Tag. Beim Erdgas sind es 120 Milliarden Kubikmeter im Jahr, knapp die Hälfte davon spart der Umstieg auf Wärmepumpen.

Säulendiagramm: Importländer sparen im IEA-Szenario mit 35 Prozent Strom 2035 rund 400 Milliarden Dollar im Jahr, China rund 40 Prozent seiner Importrechnung
Ersparnis bei Brennstoffimporten 2035 gegenüber 2025, Szenario hoher Elektrifizierung. QUELLE: IEA, SPECIAL REPORT ON ELECTRIFICATION (2026), ABB. 4.3, CC BY 4.0, DARSTELLUNG CLEANTHINKING

Haushalte zahlen im selben Szenario 2035 im Schnitt rund 15 Prozent weniger für Energie als heute. Vorher müssen sie investieren. Haushalte, Unternehmen und Behörden geben laut IEA 2035 rund eine Billion Dollar für Wärmepumpen, Elektroautos und elektrische Industrieanlagen aus, dreimal so viel wie heute. Die Agentur empfiehlt deshalb Förderung und günstige Kredite, vor allem für Haushalte mit wenig Geld. Strom kostet pro Kilowattstunde meist mehr als Gas, die Geräte machen aber zwei- bis fünfmal mehr daraus.

Zwei Drittel der Primärenergie gehen als Abwärme verloren

Gegen das Ziel steht ein bekanntes Argument. Fossile Brennstoffe stellen laut IEA knapp 80 Prozent der Primärenergie, nach Angaben der FT waren es 1990 rund 85 Prozent. Der Energieanalyst Daniel Yergin schrieb deshalb im vergangenen Jahr in Foreign Affairs, die Welt baue erneuerbare Energien eher zusätzlich auf, als die fossilen zu ersetzen. FT-Kolumnistin Pilita Clark hält dieses Bild für schief, weil es an der falschen Stelle misst.

Primärenergie erfasst den Energiegehalt von Kohle, Öl und Gas, bevor Kraftwerke, Motoren und Kessel ihn umwandeln. Ein Kohle- oder Gaskraftwerk verliert dabei laut IEA 50 bis 65 Prozent als Abwärme. Ein Verbrenner setzt 25 bis 35 Prozent des Benzins in Bewegung um, ein Elektroauto 85 bis 90 Prozent des Stroms. Rund zwei Drittel der Primärenergie gehen nach der Rechnung der FT verloren, bevor sie Wärme, Licht oder Bewegung liefern.

„Wir müssen keine Verschwendung ersetzen“, sagt Jan Rosenow, Professor für Energie- und Klimapolitik an der Universität Oxford, der FT. Eine Studie unter seiner Leitung, die noch nicht erschienen ist, modelliert eine weitgehend elektrifizierte Weltwirtschaft, die mit erneuerbarem Strom läuft. Sie kommt mit etwa der Hälfte der heutigen Primärenergie auf dieselbe Nutzenergie.

Der kanadische Chemieingenieur Paul Martin nennt den Denkfehler den Primärenergie-Trugschluss. BNEF-Gründer Michael Liebreich vergleicht die Messung in Primärenergie mit dem Versuch, die Ernährung einer Bevölkerung an ihrer Ackerfläche abzulesen. Die IEA rechnet im Sonderbericht selbst nach: Strom deckt 23 Prozent der Endenergie, aber fast 40 Prozent der Nutzenergie. Mit 35 Prozent Strom im Jahr 2035 läge dieser Anteil bei mehr als der Hälfte.

Säulendiagramm: Strom deckt 23 Prozent der Endenergie, aber knapp 40 Prozent der Nutzenergie; mit 35 Prozent Strom 2035 wären es über 50 Prozent der Nutzenergie
Stromanteil an End- und Nutzenergie sowie am Bestand von Heizungen und Pkw, weltweit. QUELLE: IEA, SPECIAL REPORT ON ELECTRIFICATION (2026), BOX 2.1, CC BY 4.0, DARSTELLUNG CLEANTHINKING

Deutschland liegt beim Stromanteil unter dem Weltschnitt

Deutschland deckte 2024 laut AG Energiebilanzen erst 20,5 Prozent seines Endenergieverbrauchs mit Strom. Den größten Spielraum aller Regionen sieht die IEA in Europa und Indien. Dort ließen sich schon zu heutigen Preisen knapp 15 Prozentpunkte zusätzlich rentabel auf Strom umstellen. Den Rückstand in Europa erklärt die Agentur vor allem mit den vielen Gasheizungen.

Die Bundesregierung begrüßte das Ziel der COP31 schon im Juni. Umwelt-Staatssekretär Jochen Flasbarth nannte die Elektrifizierung von Verkehr, Gebäuden und Industrie laut der Deutschen Presse-Agentur das Rückgrat einer gelingenden Energiewende. Inzwischen ist Deutschland der EU-Initiative „Electrify Now“ beigetreten, die das globale Ziel mit erneuerbarem und anderem sauberem Strom erreichen will.

Woher der Strom kommt, schreibt das Ziel der Konferenz nicht vor. Die Stiftung Wissenschaft und Politik weist darauf hin, dass damit auch Strom aus Kohle und Gas zählen würde. Die IEA rechnet trotzdem in allen untersuchten Fällen mit sinkenden CO₂-Emissionen.

Im Szenario mit 35 Prozent Strom fallen die Emissionen der Endverbraucher bis 2035 um 40 Prozent. Die des gesamten Energiesektors sinken um mehr als die Hälfte, sofern die Länder zugleich ihre Stromerzeugung schneller auf emissionsarme Kraftwerke umstellen. Dort kommt der Umbau voran: 2025 lieferten Erneuerbare weltweit erstmals seit rund 100 Jahren mehr Strom als Kohlekraftwerke.

QUELLEN

  1. IEA: Electrification takes centre stage as Hormuz shock spurs countries to seek to enhance energy security, Pressemitteilung, 22.09.2026.
  2. AG Energiebilanzen: Auswertungstabellen zur Energiebilanz Deutschland, 2025.
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