KLIMAWISSEN · 28. SEPTEMBER 2026

Wie La Niña den Pazifik kühlt und Regen um die halbe Welt verschiebt
Kräftigere Ostwinde treiben warmes Wasser nach Asien, vor Südamerika quillt kaltes aus der Tiefe. Ostafrika vertrocknet, Australien steht unter Wasser, im Atlantik wachsen Hurrikane leichter. Für Europas Winter bleibt das Signal schwach.
Der tropische Pazifik pendelt zwischen zwei Extremen, und das warme hat den bekannteren Namen. La Niña bildet das kalte Ende dieser Schwankung. Wo El Niño Dürre bringt, fällt dann oft zu viel Regen, und umgekehrt. Die kalte Phase hält sich dabei häufig länger als die warme.
Von 2020 bis Anfang 2023 lag der Pazifik fast drei Jahre am Stück im La-Niña-Zustand. Ostafrika erlebte in dieser Zeit fünf ausgefallene Regenzeiten in Folge. Trotzdem waren 2021 und 2022 laut der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) wärmer als jedes Jahr vor 2015.
Wie El Niño entsteht und wie Forschende seine Stärke messen, erklärt der Überblick zu El Niño und ENSO. Für La Niña gelten dieselben Messgrößen mit umgekehrtem Vorzeichen. Ihre Folgen sind aber kein exaktes Spiegelbild.
Inhalt
Was im Pazifik während einer La Niña passiert
Über dem tropischen Pazifik wehen die Passatwinde normalerweise von Ost nach West. Sie schieben warmes Oberflächenwasser Richtung Indonesien und Australien, während vor Peru kaltes Wasser aus der Tiefe aufsteigt. Dieser Auftrieb hält den Ostpazifik kühl und nährstoffreich. Über dem warmen Westpazifik steigt feuchte Luft auf, regnet ab und strömt in großer Höhe zurück nach Osten, wo sie absinkt. Meteorologen nennen diese Umwälzung Walker-Zirkulation.
Bei La Niña läuft dieser Kreislauf schneller. Nach der Beschreibung des australischen Bureau of Meteorology (BoM) legen die Passatwinde zu, und warmes Wasser sammelt sich nördlich von Australien. Der zentrale und östliche Pazifik kühlt ab, weil mehr kaltes Tiefenwasser an die Oberfläche gelangt. Der wachsende Temperaturunterschied zwischen West und Ost treibt die Winde weiter an.
Ozean und Atmosphäre schaukeln sich so gegenseitig hoch. Die NOAA-Plattform Climate.gov beschreibt La Niña als Zustand mit ungewöhnlich starken Oberflächenwinden über dem gesamten tropischen Pazifik und kühlerem Wasser als im Mittel. Über Indonesien fällt dann mehr Regen, über dem zentralen Pazifik weniger. Diese Verschiebung der großen Regengebiete setzt die Fernwirkungen in Gang, die Meteorologen Telekonnektionen nennen.
Wie NOAA und BoM eine La Niña festlegen
Die US-Wetterbehörde NOAA misst ENSO im Gebiet Niño 3.4, einem Streifen am Äquator zwischen 120 und 170 Grad westlicher Länge. Seit Februar 2026 nutzt ihr Climate Prediction Center (CPC) dafür den Relative Oceanic Niño Index (RONI) als Hauptmaß. Er vergleicht die Temperaturabweichung in Niño 3.4 mit dem Mittel der Tropen zwischen 20 Grad Nord und 20 Grad Süd. So fällt der allgemeine Erwärmungstrend heraus, der den älteren Oceanic Niño Index mit seiner festen 30-Jahres-Basis verzerrt hat.
Eine La Niña liegt nach der Definition des CPC vor, wenn der gleitende Dreimonatsmittelwert unter minus 0,5 Grad Celsius fällt. Als Episode zählt sie erst, wenn die Schwelle in mindestens fünf aufeinanderfolgenden, überlappenden Dreimonatswerten hält. Das BoM arbeitet seit September 2025 ebenfalls mit einem relativen Index. In seinem ENSO-Monitoring gelten aber erst Monatswerte dauerhaft unter minus 0,8 Grad als typisch für La Niña.
Laut Climate.gov wechselt ENSO im Schnitt alle drei bis sieben Jahre die Phase, eine Episode dauert typischerweise neun bis zwölf Monate. La Niña hält sich oft zwei Jahre oder länger. Die längste gemessene Kaltphase dauerte 33 Monate, das längste El Niño nur 18 Monate. Das BoM zählt, dass die Hälfte aller La-Niña-Ereignisse zwei oder drei Jahre anhielt.
Die RONI-Tabelle des CPC weist seit 1950 insgesamt 22 kalte Episoden aus, Stand September 2026. Die folgende Auswahl zeigt die kältesten und die längsten sowie die jüngste.
| Episode | Dreimonatswerte unter −0,5 °C | Tiefster Wert in °C |
|---|---|---|
| 1973 bis 1974 | 14 | −1,9 |
| 1988 bis 1989 | 14 | −1,9 |
| 1998 bis 2000 | 25 | −1,6 |
| 2007 bis 2008 | 12 | −1,7 |
| 2010 bis 2011 | 13 | −1,6 |
| 2020 bis 2023 | 35 | −1,5 |
| 2025 bis 2026 | 7 | −1,0 |
Quelle: NOAA CPC, RONI-Tabelle (ERSSTv6, Basis 1991 bis 2020), abgerufen im September 2026. Pro Monat gibt es einen überlappenden Dreimonatswert, 35 Werte entsprechen also knapp drei Jahren. Eigene Auswahl und Auszählung.
Die Episode von 2020 bis 2023 ist in dieser Zählung die längste seit 1950. Die WMO sprach im November 2022 von der ersten dreifachen La Niña dieses Jahrhunderts, im Englischen „Triple Dip“.
Welche Regionen La Niña am stärksten trifft
In Ostafrika fällt die kurze Regenzeit von Oktober bis Dezember in La-Niña-Jahren oft schwach aus. Zwischen Ende 2020 und 2022 blieben dort fünf Regenzeiten in Folge unter dem Durchschnitt. Die Forschungsgruppe World Weather Attribution fand im April 2023 einen engen Zusammenhang zwischen schwachen kurzen Regenzeiten und La Niña. Bei den langen Regenzeiten im Frühjahr zeigte sich dagegen keiner.
Die Dürre selbst wurde nach ihrer Analyse durch den Klimawandel rund 100-mal wahrscheinlicher, weil höhere Temperaturen mehr Wasser verdunsten lassen. Mehr als 20 Millionen Menschen in Kenia, Somalia und Äthiopien waren laut WMO Ende 2022 von Ernährungsunsicherheit bedroht.
Ähnlich lief es in Argentinien und Uruguay. World Weather Attribution führte das Regendefizit von Oktober bis Dezember 2022 im Februar 2023 teilweise auf La Niña zurück. Einen Einfluss des Klimawandels auf die Regenmenge konnten die Forschenden nicht nachweisen, wohl aber auf die Hitze, die das verfügbare Wasser zusätzlich verringerte. In Uruguay hatten mehr als 75.000 Menschen keinen gesicherten Zugang zu Trinkwasser.
Auf der anderen Seite des Pazifiks bringt La Niña Regen. Nach einer Auswertung des BoM aus dem Jahr 2016 fielen alle sechs nassesten Winter-Frühjahr-Perioden im Osten Australiens in La-Niña-Jahre. Von 18 La-Niña-Ereignissen seit 1900 brachten zwölf Überschwemmungen in Teilen des Landes. Im Schnitt erreichten dabei doppelt so viele tropische Wirbelstürme die Küste wie in El-Niño-Jahren.
Im Atlantik schwächt La Niña die Windscherung, also Höhenwinde, die junge Wirbelstürme sonst auseinanderreißen. Das verbessert die Bedingungen für Hurrikane, wie NOAA-Forscher Gerry Bell auf Climate.gov erklärt. Die Rekordsaison 2020 mit 30 benannten Stürmen und 14 Hurrikanen führte die NOAA ausdrücklich auch auf La Niña zurück.
Wie stark La Niña den Winter in Europa beeinflusst
Für Mitteleuropa bleibt der Zusammenhang schwach. Der Pazifik liegt weit entfernt, und über dem Nordatlantik mischen sich viele Einflüsse. Dazu gehören der Polarwirbel und die Nordatlantische Oszillation, der Luftdruckgegensatz zwischen Azorenhoch und Islandtief. Wie diese Faktoren den kommenden Winter prägen könnten, beschreibt der Artikel zu El Niño, Polarwirbel und dem Winter 2026/27.
Ein spanisches Team um Pablo Fernández-Castillo zeigte im Juli 2025 in npj Climate and Atmospheric Science, dass sich die ENSO-Fernwirkung auf Europa über Jahrzehnte verschiebt. Zwischen 1976 und 1996 zeigte sie sich vor allem im Nordosten Europas, zwischen 1997 und 2022 eher im Südwesten. Das europäische Vorhersagemodell SEAS5 bildet diesen Wandel laut den Autoren nicht genau ab.
Einen praktischen Nutzen hat ENSO trotzdem. Ein Team um Laura Baker vom britischen National Centre for Atmospheric Science wertete 2024 dreißig Jahre Winterprognosen aus sieben Vorhersagesystemen aus. Die Systeme lagen für Dezember bis Februar häufiger richtig, wenn ein starkes El Niño oder eine starke La Niña lief. In neutralen Jahren fiel die Vorhersage schwerer. Eine La Niña legt also weder einen kalten noch einen milden Winter in Deutschland fest, sie macht Saisonprognosen nur etwas verlässlicher.
Warum La-Niña-Jahre trotzdem nahe am Wärmerekord liegen
Ein kühler Ostpazifik gibt weniger Wärme an die Atmosphäre ab. Im ENSO-Blog von Climate.gov bezifferten die Klimaforscher Richard Allan, Michael McPhaden und Shang-Ping Xie den Effekt im Oktober 2022. Pro Grad Abkühlung im Pazifik sinkt die globale Oberflächentemperatur um etwa 0,07 Grad. Eine einzelne Kaltphase drückt die Weltmitteltemperatur damit um ungefähr ein Zehntel Grad.
Gegen die menschengemachte Erwärmung reicht das längst nicht mehr. Das La-Niña-Jahr 2020 lag laut demselben Beitrag gleichauf mit dem Rekordjahr 2016, das mit einem starken El Niño begonnen hatte. WMO-Generalsekretär Petteri Taalas bescheinigte der dreijährigen Kaltphase im November 2022 „nur eine begrenzte und vorübergehende kühlende Wirkung auf die globalen Temperaturen“.
Die Daten für 2025 zeigen dasselbe Muster. Laut dem Copernicus-Klimawandeldienst C3S lag die globale Lufttemperatur 2025 um 1,47 Grad über vorindustriellem Niveau. Der Pazifik war in diesem Jahr neutral oder schwach im La-Niña-Zustand. Trotzdem wurde 2025 das drittwärmste Jahr seit Messbeginn, nur 0,01 Grad kühler als 2023. Wie weit der laufende El Niño die Kurve nun treiben könnte, beschreibt die Einschätzung eines zurückhaltenden Klimaforschers zum El-Niño-Rekord.
Folgt auf den El Niño 2026/27 eine La Niña
Stand September 2026 beschäftigen sich die Behörden nur mit dem warmen Extrem. Das CPC gab am 10. September 2026 eine El-Niño-Warnung aus. Der Niño-3.4-Index erreichte im August 2026 plus 1,8 Grad.
Für Oktober bis Dezember 2026 nennt die ENSO-Diagnosediskussion eine Wahrscheinlichkeit von 75 Prozent für ein historisches Ereignis über 2,5 Grad. Einen Wechsel zu La Niña prognostiziert das CPC nicht, die nächste Diskussion erscheint am 8. Oktober 2026.
Die WMO nannte am 3. September 2026 eine Wahrscheinlichkeit von nahezu 100 Prozent, dass El Niño bis Februar 2027 anhält. Den Höhepunkt erwartet sie gegen Jahresende 2026. Das BoM rechnet in seinem Climate Driver Update vom August 2026 damit, dass das Ereignis bis in den australischen Herbst 2027 reicht. Der dauert dort von März bis Mai.
Zu einer anschließenden La Niña äußert sich keine der drei Stellen. Die Details zur WMO-Einschätzung stehen im Bericht über das WMO-Update zum El Niño 2026/27. Wie die Modellläufe auseinanderliegen, zeigt die Übersicht zu 13 von 14 Klimamodellen auf Rekordkurs.
Die Statistik liefert einen Anhaltspunkt, keine Prognose. In der RONI-Tabelle erreichten seit 1950 neun El-Niño-Ereignisse Werte von mindestens 1,5 Grad. Auf sechs davon folgte innerhalb weniger Monate eine La Niña, zuletzt 2016 nach dem starken El Niño von 2015/16. Nach 1957/58, 1965/66 und 1991/92 blieb der Pazifik dagegen zunächst neutral.
Was La Niña für Anpassung und Erneuerbare bedeutet
Für die Klimaanpassung hat die kalte Phase einen Vorteil: Sie kündigt sich Monate im Voraus an, und ihre typischen Folgen sind regional gut beschrieben. Frühwarnsysteme in Ostafrika, Hochwasserschutz in Australien und Ernteplanung in Südamerika können diese Vorlaufzeit nutzen. Wie viel Vorsorge gegenüber späterer Schadensbeseitigung spart, zeigt die Rechnung von Klimaökonomen zu den Kosten von El Niño.
Auch Stromsysteme spüren den Wechsel der Phasen. Jia Yi Ng, Sean Turner und Stefano Galelli simulierten 2017 in Environmental Research Letters 1.593 Wasserkraftwerke. Zusammen decken sie mehr als die Hälfte der weltweit installierten Leistung ab. Bei mehr als einem Drittel fanden sie in El-Niño- oder La-Niña-Jahren statistisch signifikante Abweichungen der Jahreserzeugung. Am stärksten betroffen waren Südamerika, Mittelamerika, Südostasien, der Nordwesten Nordamerikas, die Iberische Halbinsel und der Südosten Australiens.
Weltweit glichen sich Plus und Minus laut der Studie weitgehend aus. Stauseen dämpfen die Schwankungen, weil sie Wasser für trockene Phasen zurückhalten. Für Länder mit hohem Wasserkraftanteil spricht das Ergebnis für breite Portfolios. Wer Wasser, Wind, Sonne und Speicher kombiniert, hängt weniger an einer einzigen Regenzeit.
QUELLEN
- NOAA Climate Prediction Center: ENSO Diagnostic Discussion, 10. September 2026.
- NOAA Climate Prediction Center: Relative Oceanic Niño Index (RONI): Historical El Niño / La Niña episodes (1950 to present), abgerufen 27. September 2026.
- NOAA Climate Prediction Center: CPC adopts Relative Oceanic Niño Index (RONI) for reliable, responsive monitoring and tracking of ENSO, Februar 2026.
- NOAA Climate.gov: El Niño and La Niña: Frequently asked questions, abgerufen 27. September 2026.
- NOAA Climate.gov: Where does global warming go during La Niña?, 31. Oktober 2022.
- NOAA Climate.gov: Impacts of El Niño and La Niña on the hurricane season, 30. Mai 2014.
- NOAA: Record-breaking Atlantic hurricane season draws to an end, November 2020.
- Bureau of Meteorology: El Niño and La Niña, abgerufen 27. September 2026.
- Bureau of Meteorology: Climate Driver Update, August 2026.
- Bureau of Meteorology: What is La Niña and how does it impact Australia?, August 2016.
- WMO: El Niño set to become very strong, raising risks of extreme weather into 2027, 3. September 2026.
- WMO: Triple-Dip La Niña persists, prolonging drought and flooding, 30. November 2022.
- World Weather Attribution: Human-induced climate change increased drought severity in Horn of Africa, 27. April 2023.
- World Weather Attribution: Vulnerability and high temperatures exacerbate impacts of ongoing drought in Central South America, 16. Februar 2023.
- Copernicus Climate Change Service: Copernicus: 2025 was the third hottest year on record, 14. Januar 2026.
- npj Climate and Atmospheric Science: Multidecadal variability of the ENSO early-winter teleconnection to Europe and implications for seasonal forecasting, 19. Juli 2025.
- National Centre for Atmospheric Science: How El Niño and La Niña improve European winter weather forecasts, 31. Juli 2024.
- Environmental Research Letters (via Oak Ridge National Laboratory): Influence of El Niño Southern Oscillation on global hydropower production, 2. März 2017.