Der Blackout-Bluff von Vahrenholt und Apollo

FAKTENCHECK · 30. JULI 2026

Wie Vahrenholt und Apollo Ängste vor Blackouts schüren

Ein angeblicher „Strommangel-Geheimplan” macht die Runde. Was die Bundesnetzagentur unter Klaus Müller tatsächlich für die Versorgungssicherheit beim Strom aufbaut, und wie Fritz Vahrenholt und Apollo News daraus Ängste vor Blackouts schüren. Ist die Sicherheitsplattform Strom mehr als ein Rauchmelder?


VON MARTIN JENDRISCHIK · 5 Min. Lesezeit LESEN


Das rechte Onlineportal Apollo News meldete am Mittwoch „exklusiv”, die Bundesnetzagentur bereite sich „im Geheimen” auf einen Strommangel von „mehreren Tagen bis Wochen” vor. Autor Daniel Gräber legte im Kommentar nach: Die Energiewende sei gescheitert, Deutschland auf dem „direkten Weg in den wirtschaftlichen Niedergang”. Im begleitenden Video liefert Fritz Vahrenholt die passende Prophezeiung gleich mit: Stromausfälle in den nächsten fünf Jahren.

Die Erzählung verfing: Rechte Portale wie die Weltwoche stiegen ein, Angst-Kanäle wie Outdoor Chiemgau und Vermietertagebuch lieferten prompt die passenden Videos - beide sind auf Cleanthinking mit zerlegten Panik-Thesen aktenkundig. Selbst das prorussische Pravda-Netzwerk spiegelte den Apollo-Text, und auch Business Insider und die WELT berichten inzwischen. Dabei steckt hinter der Aufregung ein Verwaltungsvorgang, den der Industrieverband BDI längst öffentlich beschrieben hat.

Sicherheitsplattform Strom: Was die Bundesnetzagentur wirklich plant

Die Behörde von Klaus Müller lässt seit 2024 vom Übertragungsnetzbetreiber Amprion die „Sicherheitsplattform Strom” aufbauen. Rechtsgrundlage ist das Energiesicherungsgesetz, dessen Wurzeln in die Ölkrise der 1970er Jahre zurückreichen. Großverbraucher ab acht Gigawattstunden Jahresverbrauch sollen sich registrieren, damit der Staat in einer echten Krise koordiniert handeln kann.

Der Ablauf: Zeichnet sich eine tage- oder wochenlange Mangellage ab, melden die Unternehmen Verbrauchsprognosen und Einsparpotenziale. Mit 24 Stunden bis drei Tagen Vorlauf kann die Bundesnetzagentur als Bundeslastverteiler dann Verbrauchsreduzierungen anweisen. Das soll Schäden durch unkontrollierte, kurzfristige Abschaltungen vermeiden.

Genau diese Logik ist im Gasmarkt seit Oktober 2022 etabliert: Auf der Sicherheitsplattform Gas sind rund 2.700 Großverbraucher registriert, zum Einsatz kam sie nie. Der Anlass war damals eine von außen hereinbrechende fossile Krise, Putins Gas-Lieferstopp. Jetzt überträgt die Behörde das erprobte Werkzeug auf den Strombereich, als Vorsorge für Kriegsfolgen, Sabotage oder neue Gaskrisen.

Von einem Geheimnis kann keine Rede sein: Der Industrieverband BDI beschrieb Aufbau und Zeitplan („Start Anfang 2026”) in einer eigenen Meldung, die Behörde schulte Anfang Juni die Verteilnetzbetreiber. „Es besteht keine Mangellage. Die deutsche Stromversorgung ist sehr sicher”, teilt die Bundesnetzagentur auf Apollo-Anfrage mit.

Auch der WELT bestätigte die Behörde den Vorgang: Die Plattform werde vorsorglich seit 2024 aufgebaut, „damit im Ernstfall effizient gehandelt werden kann”. Wirtschaftsredakteur Daniel Wetzel macht die Geheimniskrämer-Erzählung dennoch mit und will im Internet „keinerlei Hinweise” auf die Pläne gefunden haben - die BDI-Meldung samt Zeitplan liegt eine Suchmaschinen-Abfrage entfernt, auch wenn sie beim Verband selbst inzwischen nicht mehr abrufbar ist.

Auf Cleanthinking füllt Wetzel ohnehin ein eigenes Korrektur-Archiv, von seinen unfreiwillig gelieferten Argumenten für den fossilen Ausstieg bis zum übersehenen Kipppunkt der Erneuerbaren.

Vier Behauptungen, die Ängste vor Blackouts schüren sollen

„Wir haben eine Situation der nächsten fünf Jahre, in denen es zu Stromausfällen kommen kann”, sagt Vahrenholt im Apollo-Interview, weil neue Gaskraftwerke erst 2031 ans Netz gehen. Das Versorgungssicherheitsmonitoring derselben Bundesnetzagentur kommt zum gegenteiligen Befund: Die Stromversorgung bleibt bis 2035 gewährleistet, wenn bis dahin 22 bis 35 Gigawatt steuerbare Leistung hinzukommen. Der Zeithorizont ist 2035, und die ersten Ausschreibungen über zwölf Gigawatt starten bereits im September 2026.

Zweite Behauptung: Der Kohleausstieg reiße parallel Lücken ins System. Tatsächlich darf kein Kraftwerk endgültig vom Netz, bevor Übertragungsnetzbetreiber und Bundesnetzagentur seine Systemrelevanz geprüft haben. Als systemrelevant eingestufte Blöcke wandern in die Netzreserve und bleiben abrufbar, wie es beim Kohleausstieg seit Jahren Praxis ist.

Dritte Behauptung: Deutschland sei beim Strom „auf dem Level von Südafrika”. Dort saßen die Menschen 2023 an mehr als 300 Tagen planmäßig im Dunkeln. Deutsche Stromkunden waren 2024 im Schnitt 11,7 Minuten unterbrochen, ein Rekordtief in einem der zuverlässigsten Netze Europas.

Vierte Behauptung: Der Wind sei nur „an 25 Prozent der Zeit des Jahres da”. Die Zahl beschreibt den Kapazitätsfaktor, also das Verhältnis der tatsächlichen Erzeugung zur theoretischen Volllast. Windräder speisen an der großen Mehrheit aller Stunden ein, nur selten mit maximaler Leistung. Wie selten echte Dunkelflauten wirklich sind, rechnete ein DIW-Forscher ausgerechnet WELT-Redakteur Wetzel bereits vor.

Worauf sich Unternehmen jetzt einstellen müssen

Konkret kommt auf Industriebetriebe ab acht Gigawattstunden Jahresverbrauch zunächst Bürokratie zu: Registrierung, Stammdaten, Meldeprozesse. Eine erste einsatzfähige Version der Plattform soll Ende 2026 stehen. Einen Anlass für ihren Einsatz gibt es nach übereinstimmender Aussage aller Beteiligten nicht.

Einen wunden Punkt trifft die Berichterstattung dennoch: Das Energiesicherungsgesetz sieht für angeordnete Drosselungen grundsätzlich keine Entschädigung vor. Diese Härte gilt seit Jahrzehnten und genauso im Gasbereich, einen Aufschrei gab es 2022 dazu nie. Wer sie ändern will, muss beim Gesetzgeber ansetzen.

Die Sicherheitsplattform Strom funktioniert wie ein Rauchmelder: Man installiert ihn, bevor es brennt, und hofft, ihn nie zu hören. Wer Versorgungssicherheit ernst nimmt, treibt parallel Speicher, flexible Lasten und steuerbare Leistung voran. Geschürte Angst trägt dazu nichts bei.

QUELLEN

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  1. Apollo News: Geheimplan Energiekrise: Bundesnetzagentur bereitet sich auf Strommangel über „mehrere Tage bis Wochen” vor, 29. Juli 2026.
  2. Apollo News: Der Strommangel-Geheimplan der Bundesnetzagentur offenbart das Desaster der Energiewende, 29. Juli 2026.
  3. Apollo News auf YouTube: Interview mit Fritz Vahrenholt zur Sicherheitsplattform Strom, 29. Juli 2026.
  4. WELT: Geheime Planungen - Bundesnetzagentur bereitet Deutschland auf lang anhaltende Stromausfälle vor, 30. Juli 2026.
  5. BDI: Bundesnetzagentur errichtet Sicherheitsplattform Strom - Start Anfang 2026, Meldung beim BDI derzeit nicht mehr abrufbar, via Suchmaschinen-Index dokumentiert (Stand 30. Juli 2026).
  6. Bundesnetzagentur: Veröffentlichung des Versorgungssicherheitsmonitorings, 3. September 2025.
  7. Bundesnetzagentur: Versorgungsunterbrechungen Strom in 2024 gegenüber Vorjahr gesunken, 9. Oktober 2025.
  8. Bundesnetzagentur: Sicherheitsplattform Gas ist heute gestartet, 29. September 2022.
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