Der Stromrebell und der teure Staatswald

ENERGIEWENDE · 02. AUGUST 2026

Windkraft Baden-Württemberg: Ein Stromrebell gegen den Staatswald

Alexander Sladek sitzt im Vorstand der Genossenschaft, die 1997 das Schönauer Stromnetz kaufte. Heute bremsen ihn Pachtforderungen der öffentlichen Hand und vorsichtige Behörden. Er fordert deshalb eine Reform, die seine eigene Region teuer zu stehen käme.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 11 Min. Lesezeit LESEN


An diesem Montag geht bei Rottweil ein Solarpark ans Netz, der rechnerisch rund 2.900 Haushalte versorgt. Betreiber ist die EWS Schönau, nach eigenen Angaben die größte Energiegenossenschaft Baden-Württembergs. Ihr einziger Windpark dreht sich seit Juli 2017.

So sieht es im ganzen Südwesten aus. Beim Solarausbau gehört das Land zur Spitzengruppe, bei der Windkraft Baden-Württemberg steht es dort, wo auch Bayern steht: weit hinten. Der Abstand wächst seit Jahren, obwohl gerade die süddeutsche Industrie den Strom braucht.

Woran das liegt, hat Alexander Sladek, Vorstand der EWS Schönau, im Podcast „Das Klima-Labor von ntv“ auseinandergenommen. Seine Antwort zeigt kaum auf die üblichen Verdächtigen. Naturschutzauflagen, Bürgerproteste und selbst die Topografie stehen bei ihm weit hinten.

Vorn steht der Preis, den die öffentliche Hand für ihren eigenen Wald verlangt.

Wie aus einem Landarzt eine Bewegung wurde

Schönau im Schwarzwald liegt am südlichsten Zipfel des Landes, kurz vor der Schweizer Grenze. Nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl gründeten der Landarzt Michael Sladek und seine Frau Ursula dort mit anderen Eltern eine Bürgerinitiative gegen den Atomstrom. Aus der Initiative wurde ein Übernahmeversuch.

Zwei Bürgerentscheide, der zweite 1996 mit knapp 85 Prozent Wahlbeteiligung und 52,5 Prozent Zustimmung, ebneten den Weg. Um den Kaufpreis für das Netz aufzubringen, warben die Schönauer bundesweit mit der Kampagne „Ich bin ein Störfall“ um Spenden, entworfen von einer Frankfurter Werbeagentur. Am 1. Juli 1997 übernahmen sie das Stromnetz ihrer Gemeinde.

Ursula Sladek erhielt dafür 2011 den Goldman Environmental Prize, die wichtigste Auszeichnung der internationalen Umweltbewegung. Michael Sladek starb im September 2024. Heute ist die EWS eine Genossenschaft mit mehr als 15.000 Mitgliedern und bundesweiter Kundschaft, im vierköpfigen Vorstand sitzen zwei Söhne der Gründer.

Wie stark das Gefühl trägt, die eigene Energieversorgung selbst in die Hand zu nehmen, hat Cleanthinking im Beitrag über Klimaangst und Bürgerenergie beschrieben. In Schönau lässt sich besichtigen, was daraus über Jahrzehnte wird. Der Gegner allerdings hat gewechselt.

Der eine Windpark der Genossenschaft steht am Rohrenkopf im Landkreis Lörrach, fünf Anlagen mit je drei Megawatt Leistung, in Betrieb seit Juli 2017 und nach Angaben des Betreibers der höchstgelegene Windpark Deutschlands. Windräder findet Sladek schön, besonders wenn sie sich drehen. Dass Anlagen auf einem Bergrücken auffallen und Menschen sich am Geräusch stören, bestreitet er nicht, er hält die Abwägung nur für entschieden.

Ein Detail aus der eigenen Bilanz erklärt, warum ihm der Wind trotzdem so wichtig ist. Die EWS hat rund doppelt so viel Photovoltaikleistung installiert wie Windleistung, im Strommix stehen beide bei etwa der Hälfte. Windräder laufen schlicht mehr Stunden im Jahr, jedes verhinderte Windrad kostet also deutlich mehr Kilowattstunden, als seine Leistung vermuten lässt.

Warum verlangt der Staatswald so hohe Pachten?

Die guten Windstandorte im Schwarzwald liegen auf den Höhenrücken, und die Höhenrücken gehören überwiegend dem Staat. Verwaltet werden sie von ForstBW, einer Anstalt des öffentlichen Rechts, die seit 2020 den baden-württembergischen Staatswald bewirtschaftet und dem Landwirtschaftsministerium untersteht. Wer dort ein Windrad bauen will, muss sich in einem Angebotsverfahren durchsetzen.

Sladek beschreibt es als Auktion, bei der am Ende die Pachthöhe entscheidet und Projekte gewinnen, die später an genau dieser Pacht scheitern. Wer bietet, wie das Projekt umgesetzt werden soll und ob Bürger*innen beteiligt werden, spiele dabei keine Rolle.

ForstBW stellt das Verfahren anders dar. Nach den eigenen Vergaberegeln werden Pachtangebot und Projektplanung im Verhältnis 60 zu 40 bewertet, aus beidem entsteht ein Punkte-Ranking, der Erstplatzierte bekommt den Vertrag. Die Pacht dominiert damit, entscheidet aber nicht allein.

Der Abstand zwischen beiden Darstellungen ist kleiner, als er klingt. Bei einem Gewicht von 60 Prozent kann ein aggressives Pachtgebot eine schwächere Projektplanung überkompensieren, und Bürgerbeteiligung taucht in den veröffentlichten Kriterien tatsächlich nicht als eigener Punkt auf. Dazu kommt die haushaltsrechtliche Pflicht der öffentlichen Hand, ihre Flächen wirtschaftlich zu verwerten, billiger verpachten geht also nicht ohne Weiteres.

Ein Land, das den Windausbau politisch will, lässt eine seiner eigenen Anstalten damit nach einer Logik arbeiten, die den Ausbau verteuert. Sladek sagt, die Landesregierung könnte ForstBW vorgeben, Pachten so zu berechnen, dass Projekte in die Umsetzung kommen. Sie tut es bislang nicht.

Schritt im ForstBW-Verfahren Wert bzw. Dauer
Gewichtung Pachtangebot zu Projektplanung60 : 40
Frist für Bewerbungen6 bis 8 Wochen
Von der Ausschreibung bis zum Gestattungsvertrag3 bis 5 Monate
Vom Vertrag bis zum ersten drehenden Rotor3 bis 5 Jahre
Laufzeit des Pachtvertrags25 Jahre

Quelle: ForstBW, FAQ zur Flächenbereitstellung für Windkraft, abgerufen am 2. August 2026.

Politische Ausbauziele und reale Rotorenzahlen liegen deshalb so weit auseinander. Zwischen der Veröffentlichung einer Fläche und der ersten eingespeisten Kilowattstunde vergehen nach den Angaben von ForstBW selbst gut drei bis fünf Jahre. Wer heute ausschreibt, liefert Strom in der nächsten Legislaturperiode, und die politischen Mehrheiten von heute entscheiden damit über Anlagen, die niemand mehr ihnen zurechnen wird.

Wenn die Pacht zum Verhinderungsinstrument wird

Bei privaten Flächeneigentümern erlebt Sladek das Gegenteil. Wer nur ein einziges geeignetes Grundstück besitzt, hat ein Interesse daran, dass dort tatsächlich gebaut wird, und ruft entsprechend realistische Preise auf. Ohne Windrad fließt keine Pacht, das rechnet sich jeder Eigentümer selbst aus.

„Die steuern mithilfe von Pachtforderungen die Windkraftverhinderung“, sagt Sladek über die Kommunen. Offen blockieren dürfen sie den Ausbau nicht, über den Preis können sie es sehr wohl. Er räumt allerdings ein, dass ihnen andere Instrumente kaum bleiben.

Verschärft wird das durch die Geografie. Gemarkungsgrenzen verlaufen im Mittelgebirge klassischerweise auf den Bergrücken, also genau dort, wo die Windräder hingehören. Eine Gemeinde stellt ihre Anlagen an den äußersten Rand, sichtbar werden sie vor allem für die Nachbargemeinde.

Das Erneuerbare-Energien-Gesetz kennt für diesen Fall eine Ausgleichszahlung. Betreiber dürfen den Gemeinden im Umkreis von 2.500 Metern um den Turm bis zu 0,2 Cent je eingespeister Kilowattstunde anbieten. Die Regelung ist allerdings freiwillig, und gemessen an den Pachtsummen fällt sie klein aus.

Zu den hausgemachten Bremsen kommen die administrativen. Sladek nimmt die Behörden ausdrücklich in Schutz: Das regulatorische Umfeld habe sich zu oft geändert, die Mitarbeitenden wollten keine Fehler machen, also arbeiteten sie langsam und übervorsichtig.

Statt Schuldzuweisungen fordert er einen systematischen Austausch mit Genehmigungsbehörden in Ländern, die längst mehr Erfahrung haben. Deren Praxis zeige, dass die Vorsicht unnötig sei.

Ein weiterer Kostentreiber sitzt beim Netz, denn zuständig ist immer der Betreiber, in dessen Gebiet die Anlage steht. Sladek schildert Fälle, in denen ein Anschluss in fünfzehn Kilometern Entfernung zugewiesen wird, während sieben Kilometer weiter ein fremdes Netz verläuft. Die Trasse muss der Projektierer bezahlen, planen und genehmigen lassen, was die Verzögerung noch einmal verlängert.

Wie stark der Süden zurückfällt, zeigt der Zubau. Bundesweit gingen 2025 nach Erhebung des Bundesverbands WindEnergie 958 Anlagen mit 5.232 Megawatt Leistung neu ans Netz, angeführt von Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Schleswig-Holstein.

Bei den Genehmigungen fällt die Bilanz der Windkraft in Baden-Württemberg daneben mager aus. Auf die südlichen Bundesländer zusammen entfielen in den ersten drei Quartalen 2025 nur 13 Prozent aller Genehmigungen, auf Baden-Württemberg allein weniger als 400 Megawatt genehmigte Leistung. Bayern kam auf unter 1.000 Megawatt.

Dass der Ausbau auch anderswo klemmt, zeigt der Warnruf von Vattenfall zu 26 gefährdeten Windprojekten. Die Kehrseite der Süd-Lücke ist dabei seit Jahren dieselbe: Bayern ist deutscher Abregelungs-Meister, weil im Norden erzeugter Strom nicht dorthin kommt, wo er gebraucht wird.

Warum Sladek gegen die Interessen seiner Region argumentiert

Politisch unbequem wird das Gespräch bei der Konsequenz. Aus der Süd-Lücke leitet Sladek eine Forderung nach einem anderen Preissystem ab, mehr Netzausbau steht bei ihm hinten an.

Deutschland und Luxemburg bilden bisher eine gemeinsame Gebotszone. Ob eine Kilowattstunde in Freiburg oder auf Rügen erzeugt wird, spielt für den Börsenpreis keine Rolle. Die europäischen Übertragungsnetzbetreiber haben Modelle für eine Aufteilung vorgelegt, und die Grünen haben das Tabu inzwischen selbst gebrochen.

Für Süddeutschland wäre eine Teilung teuer. Wo wenig erzeugt und viel verbraucht wird, steigen die Preise, und genau deshalb wehren sich Landesregierungen und Industrieverbände im Süden bislang geschlossen.

„Diese Suppe haben sie sich selbst eingebrockt“, sagt Sladek über die süddeutschen Länder, die sich lange auf ihren fossilen und atomaren Kraftwerken ausgeruht hätten. Es seien zugleich die wirtschaftlich stärkeren Länder. Man könne sich das leisten.

Regionale Preise, so seine Logik, würden die Steuerungswirkung entfalten, um die man sich derzeit mit Regulierung herummüht. Windräder im Süden sind volkswirtschaftlich günstiger, weil sie weniger Netzausbau erzwingen. Sie machen die Versorgung zugleich robuster, weil die Fläche größer wird, auf der Wind geerntet werden kann.

Ähnlich kritisch sieht Sladek den Kurs von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche, den Ausbau am Netzausbau auszurichten und Anlagen dort zu bauen, wo Strom am billigsten entsteht. Er nennt das eine unsaubere Analyse, weil die Kosten des Transports in der Rechnung fehlen. Dasselbe Muster prägt die Debatte um das Netzpaket.

Geäußert wird dieser Widerspruch in einem Land, das seit 2011 von einem grünen Ministerpräsidenten regiert wird, seit Mai 2026 von Cem Özdemir. Die grün-schwarze Koalition bekennt sich im Koalitionsvertrag ausdrücklich zur Windenergie im Staatswald. Sladek bestätigt, dass sich etwas bewegt hat, hält den Rückstand gegenüber den anderen Ländern aber für nur marginal verkürzt.

Zwischen diesem Bekenntnis und der Vergabepraxis der landeseigenen Forstanstalt liegt genau der Widerspruch, den ein Betreiber aus dem Südschwarzwald jeden Tag ausbaden muss. Die politische Absicht steht im Koalitionsvertrag, die Preislogik in der Ausschreibung.

Der Hebel dagegen wäre klein. Eine Vorgabe des Landwirtschaftsministeriums an ForstBW, Pachten so zu bemessen, dass Projekte realisierbar bleiben, kostet keinen Cent Subvention und braucht keine Gesetzesänderung. Sie verlangt die Bereitschaft, auf Einnahmen zu verzichten, die ohnehin erst fließen, wenn ein Windrad steht.

Was das praktisch heißt, führt die EWS gerade selbst vor. Der nächste Windpark der Genossenschaft, Zeller Blauen, ist mit einem Partner in Vorbereitung, bis sich dort etwas dreht, werden mehrere weitere Solarparks am Netz sein. Über diese Reihenfolge entscheidet die Dauer der Verfahren, und die schreibt in Baden-Württemberg das Land selbst.

Häufige Fragen zur Windkraft in Baden-Württemberg

Warum baut Baden-Württemberg so wenig Windkraft?

Nach Darstellung von EWS-Vorstand Alexander Sladek wirken mehrere Bremsen zusammen: hohe Pachtforderungen der öffentlichen Hand für Waldflächen, vorsichtige Genehmigungsbehörden, weit entfernte Netzanschlusspunkte und die anspruchsvolle Erschließung in Höhenlagen. Auf den gesamten Süden entfielen 2025 nur 13 Prozent aller Windkraft-Genehmigungen.

Wie lange dauert es von der Ausschreibung bis zum ersten Strom?

Nach Angaben von ForstBW vergehen drei bis fünf Monate von der Veröffentlichung einer Fläche bis zum Gestattungsvertrag. Vom Vertragsabschluss bis zum ersten drehenden Rotor kommen weitere drei bis fünf Jahre hinzu, in denen Voruntersuchungen, Planung und die immissionsschutzrechtliche Genehmigung liegen.

Wie viel Geld bekommen Gemeinden für ein Windrad in der Nachbarschaft?

Betreiber dürfen Gemeinden im Umkreis von 2.500 Metern um den Anlagenturm bis zu 0,2 Cent je eingespeister Kilowattstunde anbieten. Die Kommunalabgabe nach Paragraf 6 des Erneuerbare-Energien-Gesetzes ist freiwillig und fällt gegenüber den Pachtzahlungen an Flächeneigentümer gering aus.

Wo steht der höchstgelegene Windpark Deutschlands?

Am Rohrenkopf im Landkreis Lörrach betreibt die EWS Schönau fünf Anlagen mit je drei Megawatt Leistung. Der Windpark ging im Juli 2017 in Betrieb und gilt nach Angaben des Betreibers als höchstgelegener Windpark Deutschlands.

QUELLEN

9ae3d1e566f0404990b1161d9380f0c9
  1. ntv Klima-Labor: „Kommunen steuern Windkraftverhinderung mit ihren Pachtforderungen“, Interview mit Alexander Sladek, 01.08.2026.
  2. ForstBW: FAQ Windkraft und Flächenbereitstellung, abgerufen 02.08.2026.
  3. EWS Schönau: Die Geschichte der EWS, abgerufen 02.08.2026.
  4. EWS Schönau: Windpark Rohrenkopf, abgerufen 02.08.2026.
  5. Bundesverband WindEnergie: Status des Windenergieausbaus an Land, Jahr 2025, 15.01.2026.
  6. Bundesministerium der Justiz: Paragraf 6 Erneuerbare-Energien-Gesetz, finanzielle Beteiligung der Kommunen, abgerufen 02.08.2026.
  7. Goldman Environmental Prize: Ursula Sladek, Germany, 2011.
0 0 Bewertungen
Beitragsbewertung
Abonnieren
Benachrichtigen bei
0 Kommentare
Neueste
Älteste Meistbewertet
Nach oben scrollen
0
Ihre Meinung würde uns sehr interessieren. Bitte kommentiere.x