Priwatt, Soluxtec und Co.: Warum jetzt Balkonkraftwerk-Anbieter kippen

PHOTOVOLTAIK · 09. AUGUST 2026

Balkonkraftwerk-Insolvenz: Der Markt räumt auf

Mit priwatt und Soluxtec meldeten im Frühjahr 2026 zwei bekannte Namen der Steckersolar-Branche Insolvenz an. Wer den Boom der vergangenen vier Jahre kennt, wundert sich nicht: Ein Markt voller junger Anbieter mit fast identischem Geschäftsmodell konnte nicht ewig so weiterwachsen. Für Käufer heißt das vor allem eines: genauer hinschauen, wessen Namen auf der Rechnung steht.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 6 MIN LESEN


Balkonkraftwerke, kleine Solaranlagen für Balkon, Terrasse oder Garage mit bis zu 800 Watt Einspeiseleistung, haben in wenigen Jahren einen eigenen Massenmarkt geschaffen. 2022 kamen bundesweit rund 48 Megawatt neu hinzu, 2025 waren es bereits rund 540 Megawatt. Über 1,33 Millionen Anlagen sind bei der Bundesnetzagentur registriert, real dürften es laut Verivox-Umfragedaten eher rund vier Millionen sein, weil viele Käufer die Meldepflicht schlicht ignorieren.

Diesen Boom haben in erster Linie Onlineshops bedient, nicht Hersteller. Eine Marktstudie der HTW Berlin zeigte schon 2022, wie jung und kleinteilig die Branche ist: 72 Prozent der Anbieter waren Kleinstunternehmen, 62 Prozent hatten erst 2019 oder später mit dem Verkauf von Steckersolar begonnen. Fast alle kaufen Wechselrichter und Module in China oder bei europäischen Großhändlern zu, verpacken sie zum Set und verkaufen über den eigenen Onlineshop.

Woher der Preisdruck kommt

Rund 88 Prozent aller 2025 nach Deutschland importierten Photovoltaik-Module stammten laut Statistischem Bundesamt aus China. Auf diese Module gibt es keinen EU-Antidumpingzoll, die Preise fallen entsprechend seit Jahren. Zusätzlich drängten ab 2024 auch Discounter wie Aldi und Lidl mit eigenen Aktionswochen in den Markt und drückten die Endkundenpreise weiter.

Wer als Set-Anbieter nur Hardware zukauft und über Marketing verkauft, hat kaum eine Möglichkeit, sich gegen sinkende Margen zu wehren. Genau das begann bereits 2024 sichtbar zu werden.

Bosswerk, Betreiber des Shops GreenAkku und seit 2010 im Markt, meldete im Juli 2024 beim Amtsgericht Krefeld Insolvenz an. Solarnative aus Frankfurt, ein Jahr zuvor noch mit einer Unternehmensanleihe zu 12 Prozent Zinsen am Kapitalmarkt aktiv, folgte im Sommer 2024. Solovoltaik, der Balkonkraftwerk-Onlineshop hinter dem Essener Großhändler Monolith International, geriet nach einem Sicherheitsrückruf fehlerhafter Wechselrichter ebenfalls 2024 in die Insolvenz. EPP Solar aus Hamburg, einst mit über 30.000 verkauften Sets einer der bekanntesten Namen der Branche, stellte im Mai 2025 den Insolvenzantrag.

2026: Die Welle erreicht die bekannten Namen

Im Frühjahr 2026 traf die Konsolidierung zwei Firmen, die in der Szene deutlich bekannter waren. Priwatt aus Leipzig meldete am 7. April 2026 vorläufige Insolvenz an, Aktenzeichen 402 IN 528/26 beim Amtsgericht Leipzig. Ausgelöst wurde das Verfahren durch den Antrag einer Krankenkasse, nicht durch die Geschäftsführung selbst. Zum vorläufigen Insolvenzverwalter bestellte das Gericht Reinhard Klose von der Kanzlei Flöther & Wissing.

Wichtig für Kunden: Der Onlineshop priwatt.de läuft seit dem 1. April 2026 über die separate, nicht insolvente Priwatt Energiesysteme GmbH weiter. Ob dort bestellte Ware tatsächlich geliefert wird und welche Rechte Käufer gegenüber dieser Gesellschaft haben, ist rechtlich bislang ungeklärt. Bis zur Klärung bleibt bei Neubestellungen ein Restrisiko.

Fast zeitgleich stellte Soluxtec, einer der letzten deutschen Solarmodulhersteller mit Standorten in Bitburg und Trier-Föhren, Ende April 2026 einen Insolvenzantrag. 70 Arbeitsplätze waren betroffen. Anders als bei reinen Set-Shops zeigt der Fall Soluxtec, dass auch die deutsche Modulfertigung selbst unter dem chinesischen Preisdruck leidet. Mit Ronma Deutschland GmbH fand sich inzwischen ein strategischer Investor, der die Produktion in Trier-Föhren zum 1. Juli 2026 in neuer Struktur fortführen soll.

Noch deutlicher zeigt sich der Druck bei Meyer Burger, lange das Aushängeschild für „Made in Germany"-Module auch im Balkonkraftwerk-Segment. Die deutschen Meyer-Burger-Gesellschaften meldeten bereits im Juni 2025 Insolvenz an, im September 2025 wurde der Betrieb an den deutschen Standorten eingestellt. Aktionäre gingen bei der Abwicklung leer aus, im Januar 2026 wurde die Aktie von der Börse genommen. Erst im März 2026 übernahm das US-Unternehmen Swift Solar Teile der ehemaligen Zellfertigung.

Kein Scheitern der Technologie

Die Insolvenzen sagen nichts über die Nachfrage nach Balkonkraftwerken aus, die weiter wächst: 2026 kommen im Marktstammdatenregister rund 850 Neuanmeldungen pro Tag hinzu. Was ausfällt, sind Geschäftsmodelle, die auf reinem Handel ohne eigene Wertschöpfung beruhten und den Preisverfall nicht mehr abfedern konnten.

Das ist die normale Reifephase eines jungen Massenmarkts, nicht der Anfang vom Ende. Nach jedem Boom mit zu vielen Anbietern folgt eine Marktbereinigung, bei Elektroautos, bei Wärmepumpen, bei Photovoltaik-Großanlagen lief es ähnlich. Wer übrig bleibt, sind Anbieter mit Substanz: Marken mit Servicequalität und finanziellem Rückgrat - oder Komponentenhersteller mit technischer Alleinstellung.

Was das für Käufer bedeutet

Für die Kaufentscheidung zählt künftig weniger der Name des Set-Anbieters als der Name der verbauten Komponenten. Die Garantie auf ein komplettes Set hängt am Fortbestand der Firma, die es verkauft hat. Meldet der Anbieter Insolvenz an, ist diese Garantie in der Regel wertlos, wie die Fälle EPP Solar und priwatt zeigen.

Herstellergarantien auf einzelne Komponenten wie Wechselrichter oder Module sind davon unabhängig, solange der jeweilige Hersteller selbst am Markt bleibt. Wer beim Kauf gezielt auf Wechselrichter etablierter Anbieter achtet, etwa auf die bei Hoymiles verbreitete Technik, sichert sich unabhängig vom Schicksal des Set-Verkäufers ab. Bei Speichern gilt dasselbe Prinzip, wie sich am Beispiel eines Anbieters mit eigener Nulleinspeisungstechnik zeigt. Ob sich ein Speicher überhaupt rechnet, klärt unsere Beispielrechnung zum Balkonkraftwerk mit Speicher.

Discounter-Aktionen von Aldi oder Lidl haben den Preisdruck verstärkt, sind aber nur ein Faktor unter mehreren. Woran Sie ein hochwertiges Set unabhängig vom Vertriebskanal erkennen, zeigt die Kaufberatung im großen Balkonkraftwerk-Ratgeber.

Häufige Fragen zur Balkonkraftwerk-Insolvenzwelle

Welche Balkonkraftwerk-Anbieter waren 2026 von Insolvenz betroffen?

Im April 2026 meldeten priwatt (Leipzig) und Soluxtec (Bitburg/Trier-Föhren) Insolvenz an. Bereits 2024 und 2025 hatte es mit Bosswerk, Solarnative, Solovoltaik und EPP Solar mehrere Vorläuferfälle gegeben, zusätzlich stellte der Modulhersteller Meyer Burger 2025 seinen deutschen Betrieb ein.

Kann ich bei priwatt noch bestellen?

Der Onlineshop priwatt.de wird seit April 2026 von der separaten, nicht insolventen Priwatt Energiesysteme GmbH betrieben, während die ursprüngliche Priwatt GmbH im Insolvenzverfahren steckt. Ob Bestellungen zuverlässig geliefert werden und welche Rechte Kunden gegenüber der neuen Gesellschaft haben, ist rechtlich noch nicht abschließend geklärt.

Was passiert mit der Garantie, wenn mein Balkonkraftwerk-Anbieter insolvent geht?

Die Garantie auf das komplette Set erlischt in der Praxis meist mit der Insolvenz des Verkäufers. Garantien der Komponentenhersteller auf Wechselrichter oder Module bleiben davon unabhängig bestehen, solange der jeweilige Hersteller weiter am Markt ist.

Wie viele Balkonkraftwerke sind in Deutschland registriert?

Die Bundesnetzagentur führte im Marktstammdatenregister im Mai 2026 rund 1,33 Millionen Balkonkraftwerke. Umfragedaten von Verivox deuten auf eine deutlich höhere reale Zahl von rund vier Millionen installierten Anlagen hin, weil nicht alle Käufer ihre Anlage anmelden.

0 0 Bewertungen
Beitragsbewertung
Abonnieren
Benachrichtigen bei
0 Kommentare
Neueste
Älteste Meistbewertet
Nach oben scrollen
0
Ihre Meinung würde uns sehr interessieren. Bitte kommentiere.x