KLIMAWANDEL · 15. AUGUST 2026
YouTube/Ronzheimer (BILD)Wie entstehen Waldbrände? Kachelmann trennt Hitze und Dürre
Jörg Kachelmann nimmt im Podcast „Ronzheimer“ den Hitzesommer 2026 auseinander und trennt dabei Hitze und Dürre so konsequent, wie es in der Berichterstattung selten passiert. Hinter seinen Zuspitzungen steckt immer derselbe Befund: Wir behandeln ein physikalisches Problem als Gefühlsfrage. Dabei folgt aus der Physik jedes Mal eine konkrete Handlungsanweisung.
„Es hat nicht zu wenig Wasser, weil es warm ist, sondern es gibt kein Wasser, weil es nicht geregnet hat.“ Der Satz stammt von Jörg Kachelmann, aus rund 50 Minuten Gespräch mit Paul Ronzheimer über den Hitzesommer 2026.
Warum bleibt die Dürre, wenn es abkühlt? Wie entstehen Waldbrände? In der öffentlichen Wahrnehmung folgt beides demselben Denkfehler: Ein Bild ersetzt eine Ursache. Das trockene Flussbett gilt als Beweis der Hitzewelle, der brennende Wald als Werk der Temperatur, die Klimaanlage als Klimasünde.
Jedes dieser Bilder führt in die Irre und versperrt den Blick auf das, was hilft. Die Lösung benennt Kachelmann selbst, auch wenn er sie für politisch unerreichbar hält: Solarstrom, der genau dann fließt, wenn gekühlt werden muss.
Die Dürre bleibt, auch wenn es abkühlt
„Medienhäuser zeigen uns immer irgendwie diese trockenen Flussbetten und behaupten dann, das sei die Hitzewelle“, sagt Kachelmann. Hitze und Dürre sind aber zwei verschiedene Phänomene: Hitze ist eine Frage der Lufttemperatur, Dürre eine Frage des ausgebliebenen Regens.
Der Sommer 2026 führt beide gleichzeitig vor. In Baden-Württemberg blieb die Höchsttemperatur nach Kachelmanns Angaben vielerorts seit dem 1. August an keinem Tag unter 30 Grad, für die Südwesthälfte Deutschlands hält er die Lage für beispiellos seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Zugleich fehlt seit Wochen der Regen.
Warum beides im Klimawandel oft zusammen auftritt und trotzdem getrennt gehört, beschreibt das Clausius-Clapeyron-Gesetz: Wärmere Luft nimmt mehr Wasserdampf auf und trocknet Böden schneller aus. Eine Dürre beendet trotzdem nur Regen.
Kachelmann rechnet vor, dass selbst ein Temperatursturz um 15 Grad die Flussbetten nicht füllt: „Solange es nicht regnet, ist alles genauso trocken, brennt der Wald genauso gerne.“
„Wir heizen halt die Atmosphäre auf, das wissen wir“, sagt Kachelmann zur Ursache der häufigeren Hitzewellen. Das sei physikalisch belegt und für ihn keine Diskussion wert.
Wie entstehen Waldbrände? Erst bei 250 Grad
Mit dem Halbsatz vom brennenden Wald ist Kachelmann beim zweiten Missverständnis. Für einen Waldbrand braucht es zwei Dinge: Trockenheit und eine Zündquelle mit 250 bis 300 Grad. Die zweite Bedingung geht in der Berichterstattung regelmäßig verloren, wenn Waldbrände wie Naturereignisse gemeldet werden, die „ausbrechen“.
„Die Lufttemperatur ist dem Waldbrand schnurzegal, wenn es ums Entzünden geht“, sagt Kachelmann. Selbst im Backofen passiere mit trockenen Ästchen nichts, Ober- und Unterhitze eingeschlossen.
Als Zündquelle bleiben Blitzschlag, in Mitteleuropa selten, und der Mensch. Dessen Anteil beziffert Kachelmann auf „sozusagen 99 Prozent“ der Fälle. So pauschal lässt sich das für Deutschland nicht belegen, die amtliche Statistik ist aufschlussreich: Die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung zählte für 2025 insgesamt 1.175 Waldbrände, mehr als doppelt so viele wie im Vorjahr. Bei rund 46 Prozent blieb die Ursache unbekannt, rund 27 Prozent gingen auf Fahrlässigkeit zurück, 19 Prozent gelten als vermutlich vorsätzlich gelegt.
Der Rest von rund acht Prozentpunkten umfasst neben Blitzschlag auch sonstige Ursachen wie Bahnbetrieb, technische Defekte und militärische Übungen, ebenfalls Menschenwerk. Für natürliche Ursachen bleibt damit höchstens ein einstelliger Anteil.
„Unbekannte Ursache“ heißt dabei ungeklärt: Bei diesen Bränden ließ sich nachträglich nicht mehr feststellen, was gezündet hat. Von selbst gezündet hat auch dort nichts, Holz braucht seine 250 Grad. Wo die Ursache geklärt wurde, war in mindestens 85 Prozent der Fälle ein Mensch verantwortlich. Kachelmanns Zahl ist zu rund, seine Richtung stimmt.
Die eigentliche Frage ist damit nicht, ob ein Mensch gezündet hat, sondern ob er es wollte. Kachelmann zieht diese Trennlinie selbst: Auch wer versehentlich zündet, begehe Brandstiftung, „das nennt sich fahrlässige Brandstiftung“.
Wie wenig Absicht es braucht, zeigt der Brand von Saumos westlich von Bordeaux, dessen Vorgeschichte Cleanthinking in der Analyse zum Feuer, das sein eigenes Gewitter macht, recherchiert hat. In Frankreich gehen nach Zahlen des Observatoire des forêts françaises neun von zehn Waldbrandausbrüchen auf den Menschen zurück.
Mutmaßlicher Auslöser in Saumos war eine Freischneidemaschine, eingesetzt von einem Subunternehmen im Auftrag des Netzbetreibers Enedis, bei einer genehmigten Vegetationsräumung an einer Stromleitung. Das Département stand an dem Tag in roter Warnstufe, ein Erlass erlaubte Motorarbeiten bis 13 Uhr, das Feuer brach innerhalb dieses Fensters aus.
Die Ermittler favorisieren die Unfallhypothese, abgeschlossen ist das Verfahren nicht. Bestätigt sie sich, brauchte es nicht einmal Fahrlässigkeit im engen Sinn: Dann hätte eine ordnungsgemäß genehmigte Brandschutzmaßnahme genügt, um einen Großbrand auszulösen.
Wer die fahrlässigen Brände verursacht, hält die Statistik ebenfalls fest: Fast die Hälfte davon ging unter anderem auf Camper, Waldbesucher und Kinder zurück. Daraus folgt für Wochen wie diese etwas sehr Banales: nichts in den Wald oder auf sturztrockene Wiesen mitnehmen, das ein Feuer auslösen kann. Kein Grill, keine Zigarette, kein heißer Auspuff über dürrem Gras, keine Flex und kein Freischneider am Waldrand.
In den USA wirbt die Forstbehörde seit Jahrzehnten mit der Figur Smokey Bear dafür, dass nur Menschen Waldbrände verhindern können. Eine deutsche Kampagne, die vermittelt, dass praktisch alle Waldbrände menschengemacht sind, „wäre eine sehr, sehr wichtige Kampagne“, sagt Kachelmann.
Der Klimawandel wirkt an anderer Stelle: bei der Ausbreitung. Wind und hohe Temperaturen machen ein Feuer aggressiver, extreme Feuerwetterlagen lassen Brände wachsen, bis sie ihr eigenes Gewitter erzeugen.
Wie sauber Kachelmann Zündung und Ausbreitung trennt, zeigt sein äußerstes Beispiel: Waldbrände gebe es „genauso gut und gerne im Winter bei minus 5 Grad“, solange es trocken ist. Im Winter seien nur weniger Leute im Wald unterwegs, die ein Feuerchen machen. Auch in die eigene Richtung relativiert er: Nicht jeder Waldbrand auf Korfu oder Kreta lasse sich dem Klimawandel zuordnen, dort sei seit 1.000 Jahren jeder Sommer komplett trocken.
Lüften, sobald es draußen kühler ist
Die nächste Formel, die Kachelmann angreift, heißt „Hitze aussperren“: Fenster zu und den ganzen Tag geschlossen halten. Dieses Aussperren sei „das, was tödlich ist“, weil der verkürzte Rat Menschen in aufgeheizten Wohnungen ausharren lässt.
Als Gegenbild erinnert er an Zugfahrten ohne Klimatechnik: offene Fenster, Windstärke 10 im Abteil, flatternde Vorhänge. Bewegte Luft machte die Hitze erträglich.
An diesem Punkt lässt sich Kachelmanns Kritik zur Regel schärfen. Belastbar ist das Temperaturgefälle: lüften, sobald es draußen kühler ist als drinnen, also nachts und am frühen Morgen. Tagsüber helfen geschlossene Fenster und Verschattung.
Den Ventilator empfiehlt Kachelmann ausdrücklich, groß und nachts einen halben bis ganzen Meter vor dem Gesicht. Der Luftstrom kühlt, solange der Körper schwitzt und die bewegte Luft die Feuchtigkeit von der Haut abtransportiert.
Eine Grenze sollte kennen, wer Angehörige pflegt: Liegt die Lufttemperatur über der Hauttemperatur von etwa 35 Grad und lässt die Schweißbildung nach, wie bei vielen älteren Menschen, bläst der Ventilator warme Luft auf die Haut und heizt den Körper auf, statt ihn zu kühlen. Die WHO empfiehlt dann kühle Umschläge, das Kühlen von Unterarmen und Beinen mit Wasser und den Aufenthalt in einem gekühlten Raum.
Was jenseits von Fenster und Ventilator wirkt, von Verschattung bis Splitgerät, steht im Cleanthinking-Überblick zum Hitzeschutz mit Klimaanlagen.
Der Strom für die Kühlung ist schon da
„In Köln wird jetzt wieder eine Schule ohne Kühlung geplant“, sagt Kachelmann. Seine Frage dazu ist die unbequemste des Gesprächs: „Warum habt ihr keinen Plan für diese Situation?“
Gekühlt werden müssten zuerst Krankenhäuser, Pflegeheime, Schulen und Kitas, dort sitzt der verletzlichste Teil der Bevölkerung. Wie ein Sofortprogramm für Klimaanlagen und Solar in Schulen und Kitas aussehen kann, hat Cleanthinking bereits beschrieben.
Die Antwort auf die Kostenfrage liefert Kachelmann gleich mit. Solarmodule auf Balkonen und Dächern seien auch deshalb sinnvoll, „weil wir dann genau den Strom haben, dort und wenn wir ihn brauchen“: bei hohen Temperaturen und viel Sonnenschein.
Viele Wärmepumpen können im Sommer auch kühlen, was in der deutschen Debatte kaum vorkommt. Wie Photovoltaik die Klimaanlage an Hitzetagen praktisch kostenlos betreibt, hat Cleanthinking vorgerechnet.
„Wir tun so, als ob der Verbrauch von Strom an sich etwas Böses ist“, sagt Kachelmann, dabei rette genau dieser Verbrauch Menschenleben. Solarstrom ist zur Mittagszeit im Überfluss vorhanden, die Kühllast fällt weitgehend zeitgleich an; was der späte Nachmittag zusätzlich braucht, überbrücken Vorkühlen am Mittag oder ein Speicher. Unter diesen Bedingungen ist die Klimaanlage kein Klimaproblem mehr.
Auch beim Wasser denkt Kachelmann in Umsetzung. Deutschland werde übers Jahr kaum weniger Niederschlag bekommen, nur zur falschen Zeit. Er würde als Landrat nach Griechenland, Spanien und Portugal reisen und fragen, wie man dort Winterwasser über drei regenlose Monate bringt: Zisternen und Speicherbecken, ein Thema, das er in deutschen Rathäusern nirgends diskutiert sieht.
Ganz so leer ist die deutsche Debatte nicht, Schwammstadt-Konzepte und Regenwasserbewirtschaftung gibt es. Sie kommen nur selten dort an, wo es akut wird. Welche Rezepte die Verbände in dieser Dürre stattdessen vorschlagen, hat Cleanthinking in der Analyse zur Krisenhilfe per Dieselpumpe auseinandergenommen.
„Ich habe null Hoffnung, dass irgendwas passiert auf der langfristigen Ebene“, sagt Kachelmann am Ende und zitiert Dantes Höllentor: Lasst alle Hoffnung fahren.
Diese Hoffnungslosigkeit ist eine politische Einschätzung. Die Werkzeuge, die Kachelmann selbst benennt, existieren und arbeiten bereits: Sensoren von Dryad Networks melden Schwelbrände, bevor sie sich ausbreiten, OroraTech überwacht Waldgebiete mit Nano-Satelliten, Solartechnik und Wärmepumpen sind Massenware.
Was Kachelmann für politisch unmöglich hält, ist damit vor allem eine Frage von Prioritäten und Tempo. Übrig bleibt die Arbeit, die er selbst skizziert: Kühlung in Schulen, Kliniken und Pflegeheime bringen und sie mit Solarstrom vom eigenen Dach betreiben. Anfangen ließe sich in Köln, bei der Schule, die gerade ohne Kühlung geplant wird.
Häufige Fragen zu Hitze, Dürre und Waldbränden
Wie entstehen Waldbrände?
Holz braucht 250 bis 300 Grad, um zu zünden. Lufttemperaturen reichen dafür nie aus, auch nicht bei 40 Grad Hitze. Als Zündquelle kommen Blitzschlag, in Mitteleuropa selten, oder der Mensch infrage, absichtlich oder fahrlässig.
Wie viele Waldbrände verursachen Menschen?
Die Waldbrandstatistik der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung zählt für 2025 in Deutschland 1.175 Waldbrände: rund 27 Prozent Fahrlässigkeit, 19 Prozent vermutlich Vorsatz, rund 46 Prozent ungeklärte Ursache. Der Rest umfasst neben Blitzschlag auch technische Ursachen wie Bahnbetrieb, für natürliche Ursachen bleibt höchstens ein einstelliger Anteil. In mindestens 85 Prozent der geklärten Fälle war ein Mensch die Zündquelle.
Wann sollte man bei Hitze lüften?
Sobald die Außenluft kühler ist als die Raumluft, meist nachts und am frühen Morgen. Tagsüber Fenster schließen und verschatten. Die pauschale Regel, Fenster ganztags geschlossen zu halten, ist falsch und kann in aufgeheizten Wohnungen gefährlich werden.
Hilft ein Ventilator gegen Hitze?
Ja, bewegte Luft verstärkt die Verdunstungskühlung der Haut und verbessert den Schlaf. Liegt die Lufttemperatur über der Hauttemperatur von etwa 35 Grad und lässt die Schweißbildung nach, etwa bei älteren Menschen, bläst der Ventilator warme Luft auf die Haut und heizt den Körper zusätzlich auf. Dann empfiehlt die WHO kühle Umschläge, das Kühlen von Unterarmen und Beinen sowie den Aufenthalt in einem gekühlten Raum.
QUELLEN
- Podcast „Ronzheimer” (BILD): Wetter-Experte enthüllt Klima-Irrtümer. Mit Jörg Kachelmann, 14. August 2026.
- Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung: 2025: Doppelt so viele Waldbrände wie im Vorjahr, Waldbrandstatistik 2025, 30. Juni 2026.
- Observatoire des forêts françaises: L'historique des feux de forêt en France métropolitaine, Waldbrandursachen in Frankreich.
- Europe 1/AFP: Incendie en Gironde: un débroussaillage pour le compte d'Enedis possible déclencheur, Juli 2026.
- WHO: Fact Sheet „Heat and Health“, laufend aktualisiert.