KLIMAPOLITIK · 27. SEPTEMBER 2026

Ökologische Vermögensteuer: Superreiche sollen für das CO2 ihrer Firmen zahlen
Das reichste Prozent der Welt verursacht den größten Teil seiner Emissionen über Unternehmensbeteiligungen. Greenpeace schlägt deshalb eine ökologische Vermögensteuer vor: zwei Prozent ab 100 Millionen Euro, dazu ein Aufschlag für Vermögen ohne Klimapfad.
Privatjets auf dem Weg nach Davos und Jachten prägen das Bild vom Klima-Fußabdruck der Superreichen. In ihrer Klimabilanz fallen sie kaum ins Gewicht. Oxfam wertete 2022 die Investitionen von 125 Milliardär*innen aus und kam im Schnitt auf drei Millionen Tonnen CO2 pro Person und Jahr. Bei 20 prominenten Milliardär*innen, deren Konsum sich beziffern ließ, entfielen darauf nur 0,2 Prozent ihrer Emissionen.
Wer tankt oder mit Gas heizt, zahlt den CO2-Preis. Unternehmen geben ihre CO2-Kosten weitgehend an die Kundschaft weiter. Ihre Eigentümer*innen werden für die Emissionen der Beteiligungen nirgends veranlagt.
Was ist eine ökologische Vermögensteuer
Die ökologische Vermögensteuer verbindet zwei Vorschläge. Gabriel Zucman leitet das EU Tax Observatory. 2024 entwarf er für die brasilianische G20-Präsidentschaft eine Mindeststeuer von zwei Prozent auf das Vermögen der rund 3.000 Dollar-Milliardär*innen weltweit. Sie brächte nach seiner Rechnung 200 bis 250 Milliarden US-Dollar im Jahr. Lucas Chancel und seine Mitautoren vom World Inequality Lab brachten im Climate Inequality Report 2023 Vermögensteuern mit Verschmutzungsaufschlag ins Spiel.
Greenpeace hat beides im Dezember 2024 im Konzept „Billions for Millions” für Deutschland zusammengeführt. Wer mehr als 100 Millionen Euro netto besitzt, zahlt jährlich zwei Prozent. Die Schwelle ist eine Freigrenze: Bei 101 Millionen Euro fallen 2,02 Millionen Euro Steuer an, mit einem Freibetrag wären es nur 20.000 Euro. Bereits gezahlte Einkommensteuer wird angerechnet, wie bei Zucmans Mindeststeuer.
Der ökologische Teil heißt Klima-Malus. Auf Vermögen, deren finanzierte Emissionen keinem Reduktionspfad nach dem Pariser Abkommen folgen, kommt ein halber Prozentpunkt hinzu. Finanzierte Emissionen sind die Emissionen der Unternehmen, an denen jemand beteiligt ist, anteilig und inklusive Lieferkette und Nutzung der Produkte. Wer 50 Prozent an einem Unternehmen mit zehn Millionen Tonnen CO2-Äquivalenten hält, bekommt fünf Millionen Tonnen zugerechnet.
Maßstab sind die absoluten Tonnen, nicht die Effizienz. Für den 1,5-Grad-Pfad verlangt Greenpeace eine Minderung um zehn Prozent pro Jahr, für das EU-Ziel von minus 90 Prozent bis 2040 sind es 5,5 Prozent. Wer rückwirkend nachweist, dass seine finanzierten Emissionen entsprechend gesunken sind, bekommt den Malus erstattet. Die Daten sollen aus der Nachhaltigkeitsberichterstattung nach der EU-Richtlinie CSRD kommen.
Eine Person mit einer Milliarde Euro Vermögen zahlte damit 20 Millionen Euro im Jahr. Liegt das ganze Vermögen in Firmen ohne Klimapfad, wären es 25 Millionen, jeweils vor Anrechnung der Einkommensteuer. Betroffen wären nach Berechnungen des DIW-Ökonomen Stefan Bach rund 4.700 Haushalte mit zusammen knapp 1,6 Billionen Euro. Greenpeace schätzt das Aufkommen nach Anrechnung auf 18,2 bis 27,4 Milliarden Euro im Jahr, der Malus brächte 4,6 bis 6,7 Milliarden zusätzlich.
Wie viel CO2 in den Beteiligungen der Reichsten steckt
Ein Team um Sarah Schöngart von der Humboldt-Universität zu Berlin hat im Mai 2025 in Nature Climate Change berechnet, welche Vermögensgruppen die Erwärmung seit 1990 verursacht haben. Von den 0,61 Grad, um die die Welt 2020 wärmer war als 1990, gehen rund 65 Prozent auf das reichste Zehntel zurück. Das reichste Prozent verursachte 20 Prozent, das 20-Fache seines Bevölkerungsanteils.
Zur Zunahme von Hitzeextremen, die statistisch einmal im Jahrhundert auftreten, trug das reichste Prozent 26-mal so viel bei wie der Durchschnitt. Die Autor*innen rechnen den Gruppen Emissionen aus Konsum und aus Investitionen zu. Beim reichsten Prozent stammen die grenzüberschreitenden Beiträge zu solchen Extremen vorwiegend aus Investitionen.
Lucas Chancel und Cornelia Mohren vom World Inequality Lab finden das Muster im Climate Inequality Report 2025 wieder. Weltweit steht das reichste Prozent für 15 Prozent der konsumbasierten Emissionen und für 41 Prozent der Emissionen aus privatem Kapitalbesitz. Chancel und Rehm schätzen dort, dass eine Abgabe von 150 Euro pro Tonne CO2 im Vermögen in Deutschland rund 74 Milliarden Euro im Jahr brächte. Die beiden rechnen mit Daten von 2017 bis 2019 und ohne Verhaltensänderung.
Für Deutschland macht Greenpeace die Größenordnung an Volkswagen fest. Die Familien Porsche und Piëch halten 53 Prozent der Stimmrechte. Der Konzern meldete für 2023 rund vier Millionen Tonnen CO2 aus eigenen Anlagen und eingekaufter Energie. Nach dem Greenpeace-Überschlag sind den Familien davon mindestens zwei Millionen Tonnen zuzurechnen. Mit der Nutzung der verkauften Autos kommt VW auf rund 400 Millionen Tonnen.
Wie viel Geld München und andere Städte bekämen
Das Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft (FÖS) hat für Greenpeace durchgerechnet, was eine ökologische Vermögensteuer einzelnen Städten brächte. Für München kommen die Autor*innen in einer Fallstudie vom September 2026 auf rund 240,7 Millionen Euro im Jahr, allein aus dem Basissatz von zwei Prozent. Das deckt gut 40 Prozent des Fehlbetrags, den die Stadt für 2026 eingeplant hat. „Eine ökologische Vermögensteuer könnte der Stadt neuen Spielraum verschaffen”, sagt Barbara Happe, Greenpeace-Sprecherin für Steuergerechtigkeit.
Die Vermögensteuer, oft auch Vermögenssteuer geschrieben, steht nach dem Grundgesetz den Ländern zu. Zu den Städten gelangt das Geld über zwei Stufen: den Finanzkraftausgleich zwischen den Ländern und den kommunalen Finanzausgleich innerhalb eines Landes. Nach dem FÖS-Modell erhielte Bayern rund 18,2 Prozent des Aufkommens, davon flössen etwa 5,3 Prozent an München. Die Autor*innen unterstellen, dass die Länder die Einnahmen an ihre Kommunen weitergeben.
Das Geld verteilen die Autor*innen auf vier Posten. 80,9 Millionen Euro im Jahr würden die Kürzungen bei Schulen ausgleichen, die München bis 2029 plant. 85,8 Millionen gingen in den sozialen Wohnungsbau, 14 Millionen in Bus und Bahn, so viel, wie die Münchner Verkehrsgesellschaft 2027 sparen soll. Mit 60 Millionen Euro ließe sich das Förderprogramm Klimaneutrale Gebäude wieder verdoppeln, das die Stadt ab 2025 auf 30 Millionen halbiert hat (mehr dazu: Kommunale Wärmeplanung in München).
Die Stadt spart bereits. Den Ausbau des Theodolinden-Gymnasiums hat sie verschoben, die Buslinien 174 und 179 fallen weg, die Verstärkerlinie der U7 fährt nur noch im Berufsverkehr. Zugleich leben in München laut Henley & Partners 87 Menschen mit mehr als 100 Millionen US-Dollar Vermögen, Stand 2025.
Neben München haben FÖS und Greenpeace 2026 Fallstudien für weitere Städte vorgelegt. Die Stadtgemeinde Bremen bekäme 201,1 Millionen Euro im Jahr, Halle an der Saale 67,7 Millionen, fast die Hälfte des für 2026 erwarteten Defizits. In Pirmasens deckten 14,7 Millionen Euro rund 73 Prozent des Defizits. Bundesweit schlossen die Kommunen 2025 laut Statistischem Bundesamt mit einem Minus von rund 31,9 Milliarden Euro ab.
Wer die Vermögensteuer fordert und wer dagegenhält
Das Bundesverfassungsgericht erklärte am 22. Juni 1995 die ungleiche Bewertung von Grundbesitz und Kapitalvermögen für verfassungswidrig. Seit 1997 erheben die Finanzämter keine Vermögensteuer mehr, das Gesetz gilt formal fort. Das FÖS beschreibt in der Studie „Wege aus der kommunalen Finanznot” zwei Wege zurück. Bleibt sie Landessteuer, entscheiden die Landtage mit einfacher Mehrheit, ob das Geld in den kommunalen Finanzausgleich fließt. Als Gemeinschaftsteuer des Bundes bräuchte sie eine Grundgesetzänderung mit Zweidrittelmehrheit.
Im Bund fehlt diese Mehrheit. Im Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD von 2025 kommen Vermögen- und Erbschaftsteuer nicht vor, die Union hatte eine Vermögensteuer im Wahlprogramm abgelehnt. Außerhalb der Parlamente fordern Vermögende selbst die Wiedereinführung, organisiert in der Initiative taxmenow.
Gemeinsam mit taxmenow und dem Netzwerk Steuergerechtigkeit kämpft die Bürgerbewegung Finanzwende gegen Steuerprivilegien für Superreiche, vor allem gegen die Ausnahmen für große Betriebsvermögen bei der Erbschaftsteuer. Im Dezember 2025 holte Finanzwende den früheren SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert als Bereichsleiter für Steuern, Verteilung und Lobbyismus. „Wo finanzielle Mittel ungleich verteilt sind, verschiebt sich auch politische Macht”, sagte Kühnert zu seinem Wechsel.
Die Stiftung Familienunternehmen hält mit Berechnungen von ifo-Präsident Clemens Fuest dagegen. Mit einer Vermögensteuer läge die Wirtschaftsleistung nach acht Jahren um bis zu 6,2 Prozent niedriger, die Erhebung koste bis zu 30 Prozent des Aufkommens. Das oberste Prozent hält laut Stiftung 56 bis 65 Prozent seines Vermögens in Betrieben. Greenpeace hält die Erhebungskosten bei knapp 5.000 Betroffenen für vernachlässigbar und verweist gegen Steuerflucht auf die Wegzugsbesteuerung.
In Frankreich scheiterte die Zucman-Steuer, zwei Prozent ab 100 Millionen Euro, am 31. Oktober 2025 in der Nationalversammlung mit 172 zu 228 Stimmen. Die Regierung berief sich laut Public Sénat auf verfassungsrechtliche Bedenken des Conseil d'État, ihres obersten Rechtsberaters. Die G20 bekannten sich im November 2024 in Rio de Janeiro zur Zusammenarbeit bei der Besteuerung Superreicher, ohne sich zu verpflichten.
Was die ökologische Vermögensteuer für die saubere Zukunft bedeutet
Beim Klima-Malus entscheiden die Vermögenden selbst, ob sie zahlen. Wer ihn vermeiden will, verkauft Beteiligungen ohne Klimapfad oder drängt die Unternehmen als Eigentümer auf einen. Das World Inequality Lab begründet seinen Vorschlag einer CO2-Komponente in der Vermögensteuer genau damit: Konsument*innen fehlt oft die Alternative, Vermögende können ihr Portfolio leichter umschichten.
Wer fossile Beteiligungen hält, trägt ohnehin das Risiko, dass Kraftwerke zu Stranded Assets werden, also vor Ende ihrer Laufzeit keinen Ertrag mehr bringen. Mit dem Malus käme auf solche Vermögen jedes Jahr ein halber Prozentpunkt Steuer hinzu. Beteiligungen an Netzen, Speichern, Solar- und Windparks werden im Vergleich günstiger zu halten (mehr dazu: fossile Vermögenswerte in der Krise).
Städte und Gemeinden setzen Klimapolitik vor Ort um: Sie erstellen die Wärmeplanung, betreiben Bus und Bahn und bezahlen die Anpassung an Hitze und Starkregen. Genau dort setzen klamme Städte wie München den Rotstift an, und ein günstiges Deutschlandticket nützt nur, wo der Bus noch fährt. „Eine Debatte über eine koordinierte globale Vermögensteuer kann auf dieser Arbeit aufbauen”, schreiben Schöngart und ihre Mitautor*innen. Mit einer ökologischen Vermögensteuer gälte das Verursacherprinzip, für das sie plädieren, auch für die Eigentümer*innen der Emissionen.
Beim Malus schließen sich hohes Aufkommen und hohe Klimawirkung aus. Je mehr Vermögende ihre Beteiligungen auf den Pfad bringen, desto mehr bekommen ihn erstattet, und die 4,6 bis 6,7 Milliarden Euro schrumpfen. Verlässlich finanzieren lassen sich Schulen, Busse und Förderprogramme deshalb nur aus dem Basissatz.
Das World Inequality Lab benennt eine zweite Grenze. Gehören die kohlenstoffarmen Vermögenswerte der Zukunft ebenfalls dem reichsten Prozent, könnte dessen Anteil am Weltvermögen bis 2050 von 38 auf 46 Prozent steigen. Auf dieses Vermögen fällt kein Malus an. Der Basissatz von zwei Prozent gilt dagegen für jedes Vermögen über 100 Millionen Euro, auch für das, das mit Netzen, Speichern und Solarparks wächst.
QUELLEN
- Statistisches Bundesamt: Kommunen verzeichnen im Jahr 2025 neues Rekorddefizit von 31,9 Milliarden Euro, 1. April 2026.
- KfW Research: KfW-Kommunalpanel 2026, 2026.
- Henley & Partners: Top 50 Cities, Wealthiest Cities Report 2025, 2025.
- Greenpeace: Pressemitteilung zur Fallstudie München, 26. September 2026.