Betreiber stellen Windräder mit doppelt so viel Leistung wie 2016 auf

WINDENERGIE AN LAND EINFACH ERKLÄRT · 29. OKTOBER 2026

Was in einer Windkraftanlage zwischen Rotorblatt und Stromnetz passiert

In einer Windkraftanlage treibt der Wind drei Rotorblätter an, ein Generator in der Gondel macht daraus Strom. Neue Anlagen an Land erreichten im ersten Halbjahr 2026 im Schnitt 228 Meter Gesamthöhe. Die Fachagentur Wind und Solar hat ausgewertet, wie viel Strom dabei entsteht.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 7 Min. LESEN


Knapp ein Viertel des Stroms in Deutschland stammt von Windkraftanlagen an Land. Im ersten Halbjahr 2026 lieferten sie 53,1 Milliarden Kilowattstunden. Das waren 23 Prozent der Stromerzeugung, wie die Fachagentur Wind und Solar im Juli 2026 ausgewertet hat. Kein anderer Energieträger trug in diesem Zeitraum mehr zur Stromerzeugung bei.

Das physikalische Prinzip hat sich seit den ersten Anlagen kaum verändert, die Maschinen dagegen sehr. Die mittlere Generatorleistung neuer Anlagen stieg von 2,85 Megawatt im Jahr 2016 auf 5,59 Megawatt im ersten Halbjahr 2026. Warum Hersteller immer höher bauen und immer längere Blätter montieren, erklärt die Physik des Windes.

Woraus besteht eine Windkraftanlage

Von außen sind drei Teile zu sehen: der Turm, die Gondel an seiner Spitze und der Rotor mit meist drei Rotorblättern. Die Blätter bestehen aus glas- oder carbonfaserverstärktem Kunststoff und sitzen an der Nabe. Ein Pitch-Antrieb in der Nabe dreht jedes Blatt um seine Längsachse und stellt es je nach Windstärke steiler oder flacher in den Wind.

In der Gondel sitzt der Triebstrang. Bei vielen Bauarten übersetzt ein Getriebe die langsame Drehung der Rotorwelle in die hohe Drehzahl, die ein kompakter Generator braucht. Getriebelose Anlagen koppeln einen großen, vielpoligen Generator direkt an den Rotor. Sie sparen damit das Getriebe als Verschleißteil, tragen dafür aber mehr Gewicht in der Gondel. Ein Azimut-Antrieb dreht die ganze Gondel, damit der Rotor frontal im Wind steht.

Der Generator erzeugt Wechselstrom, dessen Frequenz mit der Drehzahl schwankt. Ein Umrichter aus Leistungselektronik bringt ihn auf die 50 Hertz des Netzes, ein Transformator hebt die Spannung auf das Niveau des Parknetzes. Der Turm aus Stahl, Beton oder einer Kombination aus beiden trägt die Gondel. Ein Fundament aus Stahlbeton verankert die gesamte Konstruktion im Boden.

Wie viel Energie sich dem Wind entziehen lässt

Die Energie im Wind wächst mit der dritten Potenz der Windgeschwindigkeit, wie der Physiker Hermann-Friedrich Wagner bei Welt der Physik erklärt. Verdoppelt sich die Windgeschwindigkeit, steht dem Rotor also die achtfache Leistung zur Verfügung. Schon ein etwas windigerer Standort oder eine größere Nabenhöhe bringt deshalb spürbar mehr Ertrag. Die Rotorfläche wächst mit dem Quadrat des Durchmessers: Ein doppelt so großer Rotor überstreicht die vierfache Fläche.

Ganz ausschöpfen lässt sich diese Leistung nie. Ein Rotor, der dem Wind alle Energie entzöge, würde die Luft hinter sich zum Stillstand bringen, und keine neue Luft könnte nachströmen. Nach dem Betzschen Gesetz, benannt nach dem Physiker Albert Betz, kann eine ideale Turbine höchstens rund 59,3 Prozent der Windleistung nutzen. Dreiblattrotoren kommen nach der Darstellung bei Welt der Physik auf bis zu 50 Prozent.

Aus dieser Physik ergibt sich die Leistungskurve jeder Windkraftanlage. Ab etwa drei bis vier Metern pro Sekunde setzt die Stromerzeugung ein, so das Energie-Lexikon EnArgus. Bis zur Nennleistung steigt die Leistung steil an, danach halten die Pitch-Antriebe sie konstant, indem sie die Blätter teilweise aus dem Wind drehen. Bei rund 25 Metern pro Sekunde schaltet die Steuerung die Anlage zum Schutz vor Überlast ab.

Wie groß neue Windkraftanlagen in Deutschland sind

Im ersten Halbjahr 2026 gingen in Deutschland 423 neue Windkraftanlagen an Land mit zusammen 2.363 Megawatt ans Netz. Nach der Halbjahresauswertung der Fachagentur hatten sie im Schnitt eine Nabenhöhe von 151 Metern und einen Rotordurchmesser von 154 Metern. Über 70 Prozent der neuen Anlagen leisten mehr als 5,5 Megawatt.

Die nächste Generation steht schon in den Genehmigungsbescheiden. Die Behörden genehmigten im ersten Halbjahr 2026 Anlagen mit durchschnittlich 6,45 Megawatt und 165 Metern Rotordurchmesser. Binnen zehn Jahren sind die Rotorblätter um gut 40 Prozent länger geworden, die mittlere Nabenhöhe stieg im selben Zeitraum um 18 Prozent.

KennwertBestand Mitte 2026Neuanlagen 1. Hj. 2026Genehmigt 2026
Mittlere Generatorleistung2,39 MW5,59 MW6,45 MW
Mittlere Nabenhöhek. A.151 mrund 160 m
Mittlerer Rotordurchmesserk. A.154 m165 m
Mittlere Gesamthöhe149 m228 mk. A.
Anzahl Anlagen29.2484231.418

Quelle: Fachagentur Wind und Solar, Status des Windenergieausbaus an Land in Deutschland im ersten Halbjahr 2026, Daten aus dem Marktstammdatenregister. Die Nabenhöhe der Genehmigungen bezieht sich auf genehmigte, noch nicht gebaute Anlagen. Stand: 30. Juni 2026.

Hersteller bauen höher, weil der Wind mit zunehmendem Abstand vom Boden stärker und gleichmäßiger weht. In der Lausitz treibt das Cleantech-Unternehmen GICON diese Entwicklung mit einem Höhenwindrad weiter (mehr dazu: GICON steht in der Lausitz kurz vor dem Windrad-Weltrekord).

Wie viel Strom eine Windkraftanlage im Jahr erzeugt

Den Ertrag einer Windkraftanlage messen Fachleute in Volllaststunden. Sie teilen die Jahreserzeugung durch die Nennleistung. Eine Anlage mit 2.000 Volllaststunden liefert so viel Strom, als liefe sie 2.000 Stunden unter voller Last und stünde den Rest des Jahres still.

Anlagen an Land erreichten von 2015 bis 2024 im Schnitt 1.770 Volllaststunden pro Jahr, wie eine Auswertung des Fraunhofer ISE zeigt. Das entspricht gut 20 Prozent der 8.760 Stunden eines Jahres. Anlagen auf See kamen auf 3.278 Stunden, sie stehen allerdings auf Gründungen im Meer und bilden eine eigene Anlagenklasse.

Neue Anlagen liegen deutlich über dem Bestandsmittel. Die Deutsche WindGuard hat für den Landesverband Erneuerbare Energien NRW die Volllaststunden nach Baujahren ausgewertet. Der Jahrgang 2005 kam demnach auf rund 1.450 Stunden, der Jahrgang 2017 auf knapp 2.200 Stunden, jeweils bereinigt um gute und schlechte Windjahre. Für Anlagen, die von 2025 bis 2035 ans Netz gehen, erwarten die Autorinnen im Mittel 2.130 Stunden.

Zwischen Küste und Alpen liegen dabei Hunderte Stunden. Ohne Abregelungen durch die Netzbetreiber erwartet WindGuard für neue Anlagen im Hohen Norden rund 2.600 Volllaststunden, im Süden rund 2.015. Netzbetreiber drosseln Windräder, wenn Leitungen den Strom nicht aufnehmen können (mehr dazu: Wer zahlt, wenn Windräder stillstehen?).

Aus diesen Werten lässt sich der Jahresertrag einer typischen Neuanlage abschätzen. Eine Windkraftanlage mit 5,59 Megawatt und 2.130 Volllaststunden erzeugt rechnerisch knapp zwölf Millionen Kilowattstunden im Jahr. Wie viele solcher Maschinen die Erzeugung eines Reaktors aufwiegen, hängt vor allem an diesen Volllaststunden (mehr dazu: Wie viele Windräder ersetzen ein Atomkraftwerk?).

Wie viele Windkraftanlagen in Deutschland stehen

Ende Juni 2026 standen in Deutschland 29.248 Windkraftanlagen an Land mit zusammen knapp 70 Gigawatt Leistung, meldet die Fachagentur. Eine Bestandsanlage leistet im Schnitt 2,39 Megawatt, weniger als die Hälfte einer Neuanlage. Das Durchschnittsalter des Anlagenparks liegt bei 15,7 Jahren.

Im Jahr 2025 speisten Windkraftanlagen an Land 106,5 Terawattstunden ins Netz der allgemeinen Versorgung ein, wie die Bundesnetzagentur in ihren Strommarktdaten für 2025 ausweist. Die gesamte Stromerzeugung lag bei 437,6 Terawattstunden. Wind an Land deckte damit gut 24 Prozent davon.

Die Leistung konzentriert sich auf wenige Länder. Niedersachsen führt mit 14,3 Gigawatt vor Schleswig-Holstein mit 10,0 Gigawatt. Bundesweit kamen Mitte 2026 rechnerisch 196 Kilowatt Windleistung auf jeden Quadratkilometer Landesfläche. Nach dem Windenergieflächenbedarfsgesetz müssen die Länder bis Ende 2027 und bis Ende 2032 festgelegte Anteile ihrer Fläche für Windenergie an Land ausweisen.

Was nach 20 bis 30 Jahren mit einer Windkraftanlage geschieht

Nach 20 bis 30 Jahren erreichen Windkraftanlagen das Ende ihrer Lebensdauer, schreibt das Umweltbundesamt. Die im ersten Halbjahr 2026 stillgelegten Anlagen waren im Schnitt 23,7 Jahre alt, die älteste lief 34 Jahre. Für 12,1 Gigawatt der installierten Leistung ist seit Jahresbeginn 2026 der Anspruch auf EEG-Vergütung ausgelaufen.

Stahl aus dem Turm lässt sich laut Umweltbundesamt vollständig recyceln, Beton aus dem Fundament eignet sich für den Wegebau. Schwierig bleiben die Rotorblätter aus Faserverbundwerkstoffen. Das Umweltbundesamt erwartete 2023 für dieses Jahrzehnt bis zu 20.000 Tonnen Rotorblattmaterial pro Jahr. Für die 2030er-Jahre rechnete die Behörde mit bis zu 50.000 Tonnen jährlich (mehr dazu: Was mit einem Windrad nach 20 Jahren passiert).

Auf den alten Standorten entstehen oft neue, größere Anlagen. Ein Drittel der im ersten Halbjahr 2026 neu installierten Leistung entfiel auf dieses Repowering, 135 Anlagen mit 770 Megawatt. Die Fachagentur sieht vor allem in den rund 14.400 Bestandsanlagen mit höchstens zwei Megawatt ein großes Potenzial. In Schottland ersetzt der Betreiber des Windparks Whitelee 215 alte Windräder durch 124 größere (mehr dazu: Whitelee: 215 Windräder weichen 124 größeren).

QUELLEN

  1. EnArgus: Leistungskurve einer Windkraftanlage, abgerufen September 2026.
  2. Umweltbundesamt: Pressedossier Recycling von Windkraftanlagen, 18. April 2023.
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