Vom Hochland Äthiopiens bis Minas Gerais · 6. NOVEMBER 2026
P. Hughes / Wikimedia Commons, CC BY 4.0Warum der Kaffee im Klimawandel seine besten Lagen verliert
Arabica gedeiht nur in einem schmalen Klimafenster. Wird es wärmer und die Luft trockener, schrumpfen die geeigneten Flächen. Forscher um Christian Bunn erwarten bis 2050 rund die Hälfte weniger, am stärksten in Brasilien und Vietnam.
Ein Kaffeestrauch steht viele Jahre auf demselben Feld. Wer heute pflanzt, legt sich auf einen Standort fest, dessen Klima sich während der Lebenszeit der Sträucher verschiebt. Forscher der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften betonen deshalb, dass Dauerkulturen wie Kaffee eine langfristige Planung brauchen. Beim Kaffee im Klimawandel entscheidet die Standortwahl deshalb über Jahrzehnte.
Arabica gedeiht in den kühlen Höhenlagen der Tropen. Steigt mit dem Klimawandel die Temperatur, wandern die geeigneten Lagen bergauf und in Richtung der Pole. Tief gelegene Plantagen in den Tropen fallen zuerst heraus. Hinzu kommen längere Trockenzeiten und eine Luft, die den Pflanzen mehr Wasser entzieht.
Für die Kaffeebauern zählt, wie schnell sich ihre Felder verändern und wohin sie ausweichen können. Für Käufer in Europa zählt zusätzlich, ob neue Plantagen auf Kosten von Wald entstehen.
Inhalt
Welches Klima Arabica und Robusta brauchen
Fast der gesamte Kaffee im Handel stammt von zwei Arten. Arabica (Coffea arabica) gilt geschmacklich als die feinere und wächst bei einem Jahresmittel von rund 19 Grad. Robusta (Coffea canephora) kommt mit rund 23 Grad zurecht, meldet das französische Agrarforschungszentrum CIRAD. Sie gilt als hitzefester, verträgt aber Kälte schlechter als Arabica.
Ganz so robust ist Robusta allerdings nicht. Ein Team um Jarrod Kath von der University of Southern Queensland hat 2020 zehn Jahre Erntedaten von fast 800 Betrieben in Vietnam und Indonesien ausgewertet. Laut der Alliance of Bioversity International and CIAT liegt das Optimum bei 20,5 Grad. Mit jedem Grad darüber sinkt der Ertrag um 14 Prozent.
Auch in der Wildnis gerät Kaffee unter Druck. Botaniker der Royal Botanic Gardens Kew haben 2019 alle 124 bekannten Wildkaffee-Arten bewertet. Nach der Auswertung von Kew sind 60 Prozent vom Aussterben bedroht, wilder Arabica gilt seitdem als stark gefährdet. Diese Wildarten tragen die Gene, mit denen Züchter hitzefestere Sorten entwickeln könnten.
Wie viel Anbaufläche Arabica bis 2050 verliert
Christian Bunn, Peter Läderach und Kollegen haben 2015 in der Fachzeitschrift Climatic Change die Klimaeignung aller großen Anbaugebiete modelliert. Für die Jahre um 2050 erwarten sie über alle Emissionsszenarien rund die Hälfte weniger geeignete Kaffeefläche. Für Arabica ergibt das mittlere Szenario einen Verlust von 49 Prozent, für Robusta 54 Prozent.
Die Verluste beim Kaffee im Klimawandel verteilen sich ungleich. Am härtesten trifft es niedrige Breiten und Lagen unter etwa 1.000 Metern. In Brasilien und Südostasien verliert Arabica je nach Szenario 30 bis 85 Prozent seiner geeigneten Fläche. Ostafrika kommt im günstigsten Fall mit zehn Prozent davon.
Zu einer ähnlichen Größenordnung kommen Roman Grüter und Kollegen von der ZHAW. Sie haben 2022 in PLOS ONE Klima und Böden kombiniert. Die sehr gut geeignete Fläche für Arabica schrumpft danach bis 2050 in allen drei Szenarien um mehr als die Hälfte. In Brasilien, Vietnam, Indonesien und Kolumbien beträgt das Minus 48 bis 97 Prozent.
| Studie | Region | Befund |
|---|---|---|
| Bunn et al., Climatic Change, 2015 | weltweit | rund 50 % weniger geeignete Kaffeefläche bis 2050, über alle Szenarien |
| Bunn et al., Climatic Change, 2015 | Brasilien, Südostasien (Arabica) | minus 30 % (RCP 2.6) bis minus 85 % (RCP 8.5) |
| Moat et al., Nature Plants, 2017 | Äthiopien | 39 bis 59 % der heutigen Anbaufläche könnten ungeeignet werden |
| Kath et al., Global Change Biology, 2020 | Vietnam, Indonesien (Robusta) | Optimum 20,5 Grad, minus 14 % Ertrag je Grad darüber |
| Grüter et al., PLOS ONE, 2022 | weltweit (Arabica) | über 50 % weniger sehr gut geeignete Fläche bis 2050 |
| Grüter et al., PLOS ONE, 2022 | Brasilien, Vietnam, Indonesien, Kolumbien | minus 48 bis 97 % sehr gut geeignete Fläche |
| Kath et al., Nature Food, 2022 | 13 Arabica-Länder | Ertrag fällt oberhalb von 0,82 kPa Dampfdruckdefizit stark |
Warum trockene Luft die Kaffeeernte drückt
Ältere Modelle zum Kaffee im Klimawandel rechneten vor allem mit Temperatur und Niederschlag. Kath und Kollegen haben 2022 in Nature Food eine weitere Größe geprüft: das Dampfdruckdefizit. Es misst, wie weit die Luft von der Sättigung entfernt ist und wie stark sie Blättern und Früchten Wasser entzieht. Je wärmer die Luft, desto mehr Wasserdampf kann sie aufnehmen (mehr dazu: Clausius-Clapeyron-Gesetz).
Für 13 der wichtigsten Anbauländer fanden die Forscher eine Schwelle. Steigt das Dampfdruckdefizit während der Fruchtentwicklung über 0,82 Kilopascal, bricht der Arabica-Ertrag rasch ein. Ab zwei Grad globaler Erderhitzung wächst das Risiko für die meisten Länder stark. Bei 2,9 Grad überschreiten Länder mit 90 Prozent des Weltangebots die Schwelle eher, als dass sie darunter bleiben.
Dürreforscher beobachten weltweit dasselbe Muster. Der Verdunstungsbedarf der wärmeren Luft verschärft Dürren, selbst wenn die Niederschläge nicht sinken. Ein Kaffeefeld kann also bei normalem Regen leiden, wenn die Luft in heißen Wochen zu viel Wasser zieht (mehr dazu: Hitzesommer 2026).
Wie Dürre und Frost in Brasilien den Kaffeepreis trieben
Brasilien erntet fast 40 Prozent des Weltkaffees und je nach Jahr 40 bis 50 Prozent des Arabica. Das US-Landwirtschaftsministerium beschreibt in seinem Marktbericht vom Juli 2026 fünf schwache Arabica-Jahre in Folge. In der Saison 2021/22 kosteten Dürre und Hitze 13,3 Millionen Sack zu 60 Kilogramm. Danach folgten schwerer Frost, zu nasse Monate und zwei weitere Jahre mit Dürre und Hitze.
Äthiopien, Mexiko und Peru steigerten ihre Ernten, konnten die Lücke aber nicht schließen. Die weltweiten Lagerbestände sanken laut USDA zwischen 2020/21 und 2024/25 um 15,5 Millionen Sack.
Die Internationale Kaffeeorganisation ICO fasst die Weltmarktpreise in einem Kompositpreis zusammen. Im Oktober 2025 lag er im Monatsmittel bei 326 US-Cent je Pfund. Bis September 2026 fiel er auf 262 Cent, vom 1. bis 20. Oktober 2026 lag das Mittel bei 263 Cent. Brasilianischer Arabica notierte in diesen Oktobertagen im Schnitt bei 295 Cent, Robusta bei 168 Cent.
Hinter der Entspannung steht eine gute Ernte. Für 2026/27 erwartet das USDA in Brasilien den Rekord von 71,9 Millionen Sack, weil Regen zur Blüte fiel. Weltweit rechnet die Behörde mit 189,7 Millionen Sack, ebenfalls ein Rekord. Ein Rekordjahr ändert aber nichts daran, dass sich die Anbauzonen für Kaffee im Klimawandel verschieben.
Wohin Kaffeebauern ausweichen können
Gewinner gibt es an den Rändern der heutigen Anbauzonen. Grüter und Kollegen sehen höhere Lagen und höhere Breiten im Vorteil, weil dort die kältesten Nächte milder werden. Genannt werden etwa der Süden Brasiliens, Argentinien, Ostafrika und Teile Chinas. Bunn und Kollegen sehen ebenfalls Gewinne in Ostafrika und Asien.
Äthiopien zeigt beide Seiten. Rund 15 Millionen Bauern leben dort vom Kaffee, er bringt ein Viertel der Exporterlöse. Ein Team um Justin Moat von Kew hat 2017 in Nature Plants berechnet, dass 39 bis 59 Prozent der heutigen Anbaufläche ungeeignet werden könnten. Verlagern die Bauern ihre Felder und bleibt der Wald erhalten oder wächst nach, könnte die geeignete Fläche sich mindestens vervierfachen.
Bergauf liegt allerdings oft Wald. Bunn und Kollegen weisen ausdrücklich darauf hin, dass die neu geeigneten Gebiete in Ostafrika und Asien zum Teil bewaldet sind. Rodet ein Bauer dort für Kaffee, setzt er gespeichertes CO2 frei und verstärkt das Problem, vor dem er flieht.
Ein Wechsel von Arabica zu Robusta hilft nur begrenzt. Bunn und Kollegen erwarten für Robusta selbst im niedrigsten Emissionsszenario rund 51 Prozent weniger geeignete Fläche. Im Kongobecken sind es je nach Szenario 60 bis 95 Prozent. Robusta leidet nach ihrer Analyse vor allem unter Temperaturen, die innerhalb einer Saison stärker schwanken.
Was die EU-Entwaldungsverordnung für Kaffee verlangt
Hier setzt die EU-Verordnung über entwaldungsfreie Produkte an, kurz EUDR. Sie gilt für Kaffee ebenso wie für Kakao, Soja, Palmöl, Rinder, Holz und Kautschuk. Unternehmen müssen nachweisen, dass ein Produkt nicht von Land stammt, das nach dem 31. Dezember 2020 entwaldet wurde, erklärte die EU-Kommission beim Inkrafttreten im Juni 2023.
Die Pflichten greifen später als ursprünglich geplant. Das EU-Parlament und der Rat haben die Verordnung im Dezember 2024 und im Dezember 2025 geändert und verschoben. Nach Angaben der EU-Kommission gilt sie für große und mittlere Unternehmen ab dem 30. Dezember 2026, für Kleinst- und Kleinunternehmen ab dem 30. Juni 2027 (Stand Oktober 2026). Löslicher Kaffee kommt ab dem 30. Dezember 2027 hinzu.
Für Bauern, die mit ihren Feldern bergauf ziehen, bedeutet das eine klare Grenze. Ab Geltungsbeginn dürfen Bohnen von Flächen, die nach 2020 gerodet wurden, nicht mehr auf den EU-Markt. Solche Pflichten wirken nur, wenn Behörden sie durchsetzen, wie der Streit um das deutsche Lieferkettengesetz zeigt (mehr dazu: Lieferkettengesetz unter Druck).
Welche Kaffeearten mehr Hitze vertragen
Hoffnung machen wilde Verwandte des Arabica. Kew-Botaniker Aaron Davis und Forscher von CIRAD haben 2021 in Nature Plants die fast vergessene Art Coffea stenophylla aus Westafrika untersucht. Sie wächst und trägt bei einem Jahresmittel, das 6,2 bis 6,8 Grad über dem von Arabica liegt. Im Geschmackstest hielten 81 Prozent der Verkoster die Probe für Arabica.
Bis zur Kaffeetasse im Supermarkt ist es ein weiter Weg. Stenophylla steht im Stadium der Forschung: Laut CIRAD baut sie heute niemand kommerziell an, nur Forschungssammlungen halten einige Pflanzen. Für die CIRAD-Züchterin Delphine Mieulet steckt in der Art viel Hoffnung für die Züchtung.
Ein zweiter Weg führt an der Pflanze vorbei. Bei Kakao, einem ähnlich klimaempfindlichen Tropenrohstoff, ersetzt das Münchner Cleantech-Unternehmen Planet A Foods die Bohne durch fermentierte Sonnenblumenkerne (mehr dazu: Choviva).
Für den Kaffee im Klimawandel bleiben Züchtung und eine Verlagerung, die den Wald schont, die wichtigsten Hebel. Wie viel Fläche übrig bleibt, hängt an den Emissionen. In Brasilien und Südostasien liegen zwischen dem niedrigsten und dem höchsten Szenario 55 Prozentpunkte.
QUELLEN
- ICO: ICO Indicator Prices October 2025, Oktober 2025.
- ICO: ICO Indicator Prices September 2026, September 2026.
- ICO: ICO Indicator Prices October 2026, Tageswerte bis 20. Oktober 2026.
- Amtsblatt der EU: Verordnung (EU) 2025/2650 zur Änderung der Verordnung (EU) 2023/1115, 19. Dezember 2025.