Barbados und die Reform der Klimafinanzierung · 7. NOVEMBER 2026
Jean-Philippe Escard / UNCTAD / Wikimedia Commons, CC BY 2.0Wie Mia Mottley die Klimafinanzierung umbauen will
Mia Mottley regiert Barbados seit 2018. Mit ihrer Bridgetown-Initiative verlangt sie günstigere Kredite der Entwicklungsbanken, Schuldenpausen nach Wirbelstürmen und neue globale Abgaben, damit verwundbare Staaten sich gegen die Klimakrise wappnen können.
Ein einziger Hurrikan kann einem Inselstaat in einer Nacht einen großen Teil seiner Wirtschaftsleistung nehmen. Nach Hurrikan Beryl 2024 bezifferte die Weltbank die Schäden in St. Vincent und den Grenadinen auf mehr als 20 Prozent der Wirtschaftsleistung. Die Raten für Auslandskredite wurden trotzdem fällig, Monat für Monat.
Aus diesem Widerspruch hat Mia Mottley ein politisches Programm gemacht. Die Premierministerin von Barbados argumentiert, dass kleine und verschuldete Staaten den Klimaschutz und die Anpassung nicht zu Marktzinsen bezahlen können. Sie fordert deshalb neue Regeln bei Weltbank, Internationalem Währungsfonds und regionalen Entwicklungsbanken.
Einige ihrer Ideen sind inzwischen Praxis. Andere, etwa globale Abgaben auf Vielflieger oder fossile Gewinne, stecken noch in Arbeitsgruppen und Konsultationen. Vor der Klimakonferenz COP31 im November 2026 in Antalya steht Mottley erneut für die Frage, wer die Rechnung der Erderhitzung bezahlt.
Inhalt
Wie Mia Mottley Premierministerin von Barbados wurde
Mia Mottley ist Juristin, hat an der London School of Economics studiert und ist als Barrister in England und Wales zugelassen. Am 25. Mai 2018 trat sie als achte Premierministerin von Barbados an, als erste Frau in diesem Amt. So steht es in ihrer Kurzbiografie bei der Weltgesundheitsorganisation, die sie zugleich als Finanzministerin führt.
Ihre politische Laufbahn begann früh. Von 1991 bis 1994 saß sie als Senatorin der Opposition im Parlament, 1994 gewann sie einen Sitz im Unterhaus. Danach leitete sie sieben Jahre das Bildungsministerium. Von 2001 bis 2008 war sie Generalstaatsanwältin und stellvertretende Premierministerin, auch dort als erste Frau.
Bei der Wahl am 11. Februar 2026 gewann ihre Barbados Labour Party nach Angaben der Caymanian Times alle 30 Sitze im Parlament. Mottley regiert damit in ihrer dritten Amtszeit in Folge, Stand Oktober 2026.
Was Mottley in Glasgow von den reichen Staaten verlangte
Am 1. November 2021 sprach Mia Mottley zur Eröffnung des Gipfels der Staats- und Regierungschefs bei der COP26 in Glasgow. Eine Erderhitzung um zwei Grad nannte sie ein Todesurteil für die Menschen in verwundbaren Staaten. Damit stellte sie sich hinter die 1,5-Grad-Grenze aus dem Pariser Klimaabkommen (mehr dazu: Meeresspiegelanstieg).
Verwundbare Staaten brauchten Billionen statt der zugesagten Milliarden, um sich anzupassen und ihre Wirtschaft umzubauen, sagte Mottley laut Associated Press. Ihre Rede endete mit einer Frage an die Anwesenden: „Wann werden Führungspersönlichkeiten führen?“
Für die Finanzierung schlug sie einen konkreten Hebel vor. Der Internationale Währungsfonds solle 20 Jahre lang jährlich zusätzliche Sonderziehungsrechte im Wert von 500 Milliarden US-Dollar ausgeben, berichtete das Earth Negotiations Bulletin. Sonderziehungsrechte sind eine Reservewährung des IWF, die er seinen Mitgliedsländern zuteilt. Das UN-Umweltprogramm UNEP zeichnete Mottley 2021 als „Champion of the Earth“ in der Kategorie politische Führung aus, seine höchste Umweltehrung.
Was Mottley mit der Bridgetown-Initiative fordert
Im Juli 2022 holte Mottley Fachleute zu einer Klausur in die Hauptstadt Bridgetown. Daraus entstand die Bridgetown-Initiative, für die sie noch im selben Jahr vor der UN-Generalversammlung und bei der COP27 warb. Im April 2023 folgte die Fassung 2.0. Die Fassung 3.0 präsentierte Mottley Ende Mai 2024 auf der vierten UN-Konferenz der kleinen Inselentwicklungsländer zur Konsultation, wie der Sender CBC Barbados berichtete.
Auf der Website der Initiative steht die Fassung 3.0 im Oktober 2026 als finaler Entwurf. Sie beziffert den Bedarf von Schwellen- und Entwicklungsländern für Klima- und Naturschutz auf 1,8 Billionen US-Dollar im Jahr. Rund 950 Milliarden sollen aus eigenen Quellen kommen, 850 Milliarden müssten von außen fließen.
Die Initiative richtet ihre Forderungen an Gläubiger, Entwicklungsbanken und Geberländer. Die wichtigsten Zahlen stehen in der folgenden Übersicht.
| Bereich | Forderung der Bridgetown-Initiative 3.0 | Umfang |
|---|---|---|
| Sonderziehungsrechte | Neue Ausgabe durch den IWF, um die Bilanzen der Entwicklungsbanken zu stärken | mind. 650 Mrd. US-Dollar |
| Kredite der Entwicklungsbanken | Zusätzliche günstige Kredite mit 30 bis 50 Jahren Laufzeit | 300 Mrd. US-Dollar pro Jahr |
| Privates Kapital | Mobilisierung durch Entwicklungsbanken, Entwicklungsfinanzierer und Klimafonds | mind. 500 Mrd. US-Dollar pro Jahr |
| Weltbank-Fonds IDA | Wiederauffüllung der 21. Runde, Verdreifachung bis 2030 | mind. 120 Mrd. US-Dollar |
| Biodiversität | Finanzierung für den Schutz der Artenvielfalt | 30 Mrd. US-Dollar pro Jahr bis 2030 |
| Schulden | Klauseln für Naturkatastrophen in allen Kreditverträgen, keine Endfälligkeiten auf einen Schlag | alle Kredite |
| Neue Einnahmen | Abgaben auf Superreiche, Übergewinne fossiler Konzerne, Luft- und Schifffahrt | ohne Betrag |
Ein Teil davon hat die Initiative nach eigener Darstellung bereits bewegt. Auf ihrer Seite zur Geschichte rechnet sie sich zu, dass Staaten Sonderziehungsrechte im Wert von 100 Milliarden US-Dollar in zwei Treuhandfonds des IWF umgeleitet haben. Die Weltbank senkte ihre Eigenkapitalquote von 19 auf 18 Prozent, was nach Angaben der Initiative 30 Milliarden US-Dollar zusätzliche Kredite ermöglicht. Wie die Entwicklungsbanken unter dem Druck der US-Regierung mit Klimakrediten umgehen, beschreibt der Beitrag zur Klimafinanzierung der Entwicklungsbanken.
Wie Schuldenpausen nach Wirbelstürmen funktionieren
Barbados hat die Schuldenpause zuerst an sich selbst erprobt. Bei der Umschuldung 2018 und 2019 nahm die Regierung Klauseln für Naturkatastrophen in die meisten neuen Anleihen auf. Nach einem schweren Ereignis darf das Land Zinsen und Tilgung zwei Jahre lang aufschieben, beschreibt ein Arbeitspapier des IWF von 2020.
Als Auslöser dient eine Auszahlung der karibischen Katastrophenversicherung CCRIF. Bei neuen Inlandsschulden greift die Klausel ab einer Auszahlung von mehr als fünf Millionen US-Dollar. Die IWF-Autoren verweisen auf Grenada, das bei seiner Umschuldung 2013 bis 2015 einen ähnlichen Weg mit bis zu einem Jahr Aufschub gegangen war.
Die Weltbank übernahm das Prinzip. Auf der COP28 in Dubai kündigte sie im Dezember 2023 an, ihre klimaresilienten Schuldenklauseln auf 45 kleine Inseln und Staaten auszuweiten. Die Klauseln gelten für neue und bestehende Kredite. Nach einem extremen Wetterereignis können die Länder Zinszahlungen aufschieben und das Geld in den Wiederaufbau stecken.
Barbados unterschrieb die Klausel der Weltbank 2024 als erstes Land der Welt, wenige Stunden bevor Hurrikan Beryl die Karibik traf. Fünf weitere Karibikstaaten folgten nach Angaben der Weltbank innerhalb von 48 Stunden. Der IWF hatte Barbados im Dezember 2022 rund 189 Millionen US-Dollar aus seiner neuen Resilienz- und Nachhaltigkeitsfazilität bewilligt, dazu 113 Millionen aus einem klassischen Hilfsprogramm.
Woher das Geld für Klimaschäden kommen soll
Kredite helfen beim Wiederaufbau, gleichen aber keine Verluste aus. Auf der COP27 im ägyptischen Scharm el-Scheich forderte Mottley am 7. November 2022 eine Abgabe von zehn Prozent auf Ölkonzerne, um Schäden und Verluste zu bezahlen. So berichtete es Al Jazeera. Worauf sich die zehn Prozent beziehen sollten, geht aus dem Bericht nicht hervor.
Die Vertragsstaaten beschlossen auf derselben Konferenz, einen Fonds für Schäden und Verluste einzurichten. Ein Jahr später machte die COP28 ihn arbeitsfähig, die Weltbank verwaltet als Treuhänderin das Geld, wie die Klimarahmenkonvention UNFCCC dokumentiert. Die Bridgetown-Initiative 3.0 verlangt von den Industriestaaten, den Fonds vollständig zu füllen.
Für frisches Geld setzt Barbados auf internationale Abgaben. Auf der COP28 gründete das Land mit Frankreich und Kenia die Global Solidarity Levies Task Force, eine Arbeitsgruppe für globale Solidaritätsabgaben. Ihr Sekretariat sitzt bei der European Climate Foundation, geleitet von Laurence Tubiana und Ismail Momoniat. Die Gruppe prüft Abgaben auf Luftfahrt, Finanztransaktionen, Kryptowährungen und fossile Brennstoffe (mehr dazu: globale Klimasteuer).
Am weitesten ist der Vorschlag für Flugreisende in der Premium-Klasse. Im Juni 2025 startete in Sevilla eine Koalition für Abgaben auf Premium-Flüge, der neun Staaten angehören, darunter Frankreich, Kenia und Spanien. Barbados steht nicht auf der Mitgliederliste. Die Task Force schätzt, dass eine weltweite Abgabe auf Business-Tickets und Privatjets bis zu 43 Milliarden Euro im Jahr einbringen könnte.
Die Abgaben auf fossile Gewinne knüpfen an eine ältere Debatte an. Staaten stützen Kohle, Öl und Gas weiterhin mit Milliarden (mehr dazu: fossile Subventionen). Bridgetown 3.0 schlägt vor, solche schädlichen Subventionen umzuwidmen.
Was Mia Mottley vor der COP31 verlangt
Bei der UN-Generalversammlung am 24. September 2026 rechnete Mia Mottley die Lücke erneut vor. Klimaverwundbare Länder müssten bis 2030 jährlich rund 490 Milliarden US-Dollar mobilisieren, erhielten aber nur etwa 90 Milliarden, sagte sie laut UN News. „Wie junge Leute auf Barbados sagen würden: Die Rechnung geht einfach nicht auf“, sagte Mottley.
In derselben Rede verlangte sie, Klimaresilienz, Schuldentragfähigkeit und bezahlbare Finanzierung zusammen zu behandeln. Sie forderte eine Reform der Vereinten Nationen und mehr Gewicht für kleine Inselstaaten. Wachsende Ungleichheit nannte sie als Treiber geopolitischer Spannungen.
Die COP31 findet vom 9. bis 20. November 2026 im türkischen Antalya statt. Die Türkei hat Murat Kurum als Konferenzpräsidenten nominiert, der Australier Chris Bowen leitet die Verhandlungen, teilt die UNFCCC mit (mehr dazu: Taku-Pakasoa-Erklärung).
Für Mia Mottley bleibt die Messlatte dieselbe wie in Glasgow. Sie misst Klimapolitik daran, ob Geld zu tragbaren Bedingungen dort ankommt, wo Stürme und der steigende Meeresspiegel zuerst Schäden anrichten. Ob die Weltbank, der IWF und die Geberländer dafür neue Abgaben und mehr Kapital bereitstellen, entscheidet sich in Verhandlungen, die über Antalya hinaus reichen.
QUELLEN
- UNEP: Mia Mottley, Champions of the Earth 2021, Policy Leadership, 2021.
- UNFCCC: Statement by Hon. Mia Amor Mottley, Prime Minister of Barbados, High-Level Segment COP27, November 2022.