KLIMAPOLITIK · 5. NOVEMBER 2026
Maksym Kozlenko / Wikimedia Commons (CC BY-SA 4.0)COP31 in Antalya: Australien drängt auf die Elektrifizierung der Volkswirtschaften
Strom soll bis 2035 rund 35 Prozent des weltweiten Endenergiebedarfs decken, heute sind es etwa 20 Prozent. Die Verhandlungsleitung der COP31 in Antalya wirbt dafür um eine Zusage aller Staaten. Wuppertal Institut und Deutsche Umwelthilfe verlangen verbindlichere Beschlüsse.
Die Erderhitzung werde die 1,5-Grad-Grenze absehbar überschreiten, und die nationalen Klimaziele reichten nicht, um sie dort zu halten, schreibt das Wuppertal Institut. Die Weltklimakonferenz COP31 tagt vom 9. bis 20. November im türkischen Antalya. Die heutige Politik läuft bis 2100 auf 2,8 Grad Erderhitzung hinaus, errechnet das UN-Umweltprogramm im Emissions Gap Report 2026.
Auf der COP28 in Dubai hatten sich die Staaten 2023 auf eine Abkehr von fossilen Brennstoffen verständigt. Seither seien die Verhandlungen darüber blockiert, schreibt das Wuppertal Institut. Dabei erzeugen erneuerbare Energien in vielen Weltregionen inzwischen den günstigsten Strom.
Gastgeber der COP31 ist die Türkei, die Verhandlungen leitet Australien. Verhandlungspräsident ist Chris Bowen, Australiens Minister für Klima und Energie. Als Erfolg könne die Konferenz gelten, wenn sich alle Staaten zu einer deutlich stärkeren Elektrifizierung der Volkswirtschaften verpflichten, sagte er im Bloomberg-Podcast Zero. Festhalten will er das in einer Entscheidung unter Leitung der Präsidentschaft, die alle Staaten mittragen müssten.
Elektrifizierung der Volkswirtschaften spart vor allem Energie
Rund 80 Prozent der Primärenergie stammen weltweit aus fossilen Quellen, beim Endenergieverbrauch sind es rund 65 Prozent. Primärenergie steckt in Kohle, Öl und Gas vor der Umwandlung, Endenergie kommt als Strom, Kraftstoff oder Wärme bei Verbraucher*innen an. Bloomberg ordnet die Elektrifizierung deshalb vor allem als Effizienzgewinn ein. Wärmepumpen und Elektromotoren wandeln Energie mit deutlich geringeren Verlusten in Wärme und Bewegung um als Heizkessel und Verbrennungsmotoren.
Elektrifizierung sei zweifellos eine gute Sache, sagt Bowen. Selbst wer ein Elektroauto mit Strom aus einem kohlelastigen Netz lade, senke die Emissionen um etwa 60 Prozent. Verkehr, Industrie und Wärmeversorgung könnten durch Strom zusätzliche Emissionen einsparen, sofern dieser zunehmend aus erneuerbaren Energien stamme, schreibt das Wuppertal Institut.
China hat im Oktober Unterstützung für das Ziel signalisiert. Das Land ist der größte Emittent der Welt und der größte Hersteller von Electrotech, also von Technik, die Energie elektrisch erzeugt, speichert und nutzt. Länder, die Öl und Gas importieren müssen, stellen drei Viertel der Weltbevölkerung. Die Kriege in Europa und im Nahen Osten hätten die Preise für Öl und Gas steigen lassen und drängten diese Länder zu Alternativen, schreibt Bloomberg.
Bislang steht das 35-Prozent-Ziel nur in der freiwilligen Aktionsagenda der türkischen Präsidentschaft. „Nötig wäre allerdings, dieses Ziel auch in den formellen Verhandlungsergebnissen zu verankern", sagt Wolfgang Obergassel, Co-Leiter des Forschungsbereichs Internationale Klimapolitik am Wuppertal Institut. Dazu gehörten konkrete Umsetzungsmaßnahmen und umfassende Unterstützung für die Länder des globalen Südens.
„Das ist keine Finanz-COP", sagt Bowen. Es gehe darum, bestehende Ziele zu erfüllen und vorhandenes Geld zu mobilisieren. Auf der COP29 in Baku hatten die Staaten zugesagt, bis 2035 jährlich mindestens 300 Milliarden US-Dollar für Klimamaßnahmen in Entwicklungsländern zu mobilisieren. In Antalya müssten die Staaten konkretisieren, wie sie dieses Ziel erreichen, fordert Obergassel.
In Belém haben sich die Staaten auf einen Mechanismus für einen gerechten Strukturwandel verständigt. Offen ist, welche Aufgaben er übernimmt und wer ihn bezahlt. Entwicklungsländer fordern finanzielle und technische Unterstützung. Industrieländer halten sich bei zusätzlichen Finanzierungszusagen zurück.
Umweltverbände fordern einen Fahrplan aus Kohle, Öl und Gas
Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) verlangt, dass die COP31 den 2023 beschlossenen Ausstieg aus fossilen Energien mit verbindlichen Zwischenzielen unterlegt. Die Abhängigkeit von Öl und Gas sei auch ein wachsendes Sicherheitsrisiko, sagt Bundesgeschäftsführer Sascha Müller-Kraenner. Wer seine Energieversorgung auf fossile Importe stütze, mache sich abhängig von geopolitischen Konflikten, Preissprüngen und autoritären Regimen.
Ähnlich argumentieren NABU und seine Jugendorganisation NAJU. In Belém hatte der Ausstieg aus fossilen Energien keinen Platz im Abschlussdokument gefunden. „Die Blockade durch fossile Interessen darf sich auf der COP31 nicht wiederholen“, sagt Leo Schäfer, Jugenddelegierter der NAJU. Sebastian Bock, Geschäftsleiter Politik im NABU-Bundesverband, sieht in der Elektrifizierung den Weg zu mehr Versorgungssicherheit und weniger geopolitischer Abhängigkeit. Den deutschen Fahrplan nennt er ein wichtiges Signal, von Antalya müsse ein ebenso klares ausgehen. Zudem fordern beide Verbände, junge Menschen dauerhaft an Klimaentscheidungen zu beteiligen. Die COP31 widmet ihnen am 14. November erstmals einen eigenen Thementag.
Mehr als 50 Staaten, darunter Deutschland und die EU, haben im Frühjahr im kolumbianischen Santa Marta einen eigenen Prozess zur Abkehr von fossilen Brennstoffen gestartet. Eingeladen hatten Kolumbien und die Niederlande. Die DUH erwartet, dass diese Gruppe das Bekenntnis von Dubai in Antalya erneuert, etwa über einen ausdrücklichen Verweis in der Abschlusserklärung (mehr dazu: Brasiliens Fahrplan aus Öl, Gas und Kohle).
Erstmals könnte die Abschlusserklärung einer Weltklimakonferenz eine Selbstverpflichtung der Staaten enthalten, weniger Methan auszustoßen, so die DUH. Die Türkei hat Methan aus dem Abfallsektor zu einer Priorität der Konferenz gemacht. Australien will die Reduktion in der Abschlusserklärung verankern.
Methan heize über 20 Jahre mehr als 80-mal so stark auf wie CO2 und verursache mehr als ein Drittel der aktuellen Erderwärmung, schreibt die DUH in ihrem Positionspapier. In den Verhandlungen habe das Gas bisher nur eine Statistenrolle gespielt. Auf der COP26 in Glasgow startete der Global Methane Pledge, dem sich mehr als 160 Staaten angeschlossen haben. Sie wollen ihre Methanemissionen bis 2030 um mindestens 30 Prozent gegenüber 2020 senken.
Trotz dieser Zusagen steigen die Emissionen weiter, kritisiert die DUH. In Landwirtschaft und Energiesektor entweiche Methan weitgehend unreguliert, sagt Müller-Kraenner. Er fordert die Bundesregierung auf, sich für konkrete und sektorspezifische Minderungsziele in der Abschlusserklärung einzusetzen.
Zur COP31 in Antalya reist Deutschland mit LNG-Ausbau und Gaskraftwerken
Deutschland zählt zu den „Global Methane Champions". Die DUH fordert, dass die Bundesregierung Australiens Vorhaben aktiv unterstützt und einen nationalen Methanminderungsplan vorlegt. Den deutschen Fahrplan für den Ausstieg aus fossilen Energien wertet die DUH als wichtiges Signal. Inhaltlich reiche der Plan aber nicht weit über den Status quo hinaus. Als größter Erdgasverbraucher der EU müsse Deutschland die Position der EU mitprägen.
Die DUH verweist auf Rückschritte, die international wahrgenommen würden: den massiven Ausbau von LNG-Importinfrastruktur und Gaskraftwerken sowie die ambivalente Haltung der Bundesregierung zur EU-Methan-Verordnung. Nach Antalya reisen nach Angaben der DUH auch Hunderte Vertreter*innen der fossilen Lobby.
Bundeskanzler Friedrich Merz will laut DUH wegen anderweitiger Verpflichtungen nicht an der Konferenz teilnehmen. Müller-Kraenner nennt das ein „verheerendes Signal". Das Wuppertal Institut stellt seine Bewertung der Ergebnisse Anfang Dezember vor (mehr dazu: alle Beiträge zur COP31).
QUELLEN
- Bloomberg Green: In a Divided World, COP31 Aims for Agreement on Electrification, 5. November 2026.
- Wuppertal Institut: COP31: Elektrifizierungsziel und Umsetzung nationaler Klimaziele im Fokus, Pressemitteilung, 5. November 2026.
- NABU und NAJU: Fossile Abhängigkeit beenden: COP31 muss den Durchbruch bringen, Pressemitteilung, November 2026.
- Deutsche Umwelthilfe: COP31 in Antalya: Deutsche Umwelthilfe fordert verbindlichen Ausstieg aus fossilen Energien und wirksame Methanreduktionen, Pressemitteilung, 5. November 2026.
- UN-Umweltprogramm (UNEP): Emissions Gap Report 2026: The Point of Return, 21. Oktober 2026.