ENERGIEWENDE · 06. AUGUST 2026
KI-generiertGasreserve der Bundesregierung: Warum sie im Winter 2026/27 nicht hilft
Die Gasreserve soll Deutschlands Versorgungssicherheit stärken, wirkt aber erst ab 2027. Für den Winter 2026/27 entscheidet allein der historisch niedrige Gasspeicher-Füllstand, der Anfang August auf ein neues Tief gefallen ist.
48,5 Prozent Füllstand melden die deutschen Gasspeicher zum 4. August 2026, im Vorjahr waren es 62,1 Prozent. Nach Speicherdaten der Initiative Energien Speichern (INES), dem Verband der deutschen Gas- und Wasserstoffspeicher-Betreiber, ist das der niedrigste Stand zu dieser Jahreszeit seit Beginn der Aufzeichnungen. Auch EU-weit liegt der Wert mit 57,1 Prozent auf dem schwächsten Niveau seit 2009, wie Daten von Gas Infrastructure Europe zeigen, über die Bloomberg berichtete.
Genau in diese Lücke soll die geplante Gasreserve der Bundesregierung stoßen. INES hatte im März 2026 ein Volumen von 78 Milliarden Kilowattstunden empfohlen, Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) plant nun 24 Milliarden Kilowattstunden, weniger als ein Drittel davon.
Für den Winter 2026/27 ändert das nichts: Der Aufbau der Reserve beginnt erst 2027. Der bevorstehende Winter hängt allein an der marktlichen Befüllung der bestehenden Gasspeicher.
Zum 1. Juli lag der deutsche Wert bei 41 Prozent, niedriger als zu jedem Sommerbeginn seit dem Krisenjahr 2021/22. Beim aktuellen Einspeicher-Tempo von rund 0,1 Prozentpunkten pro Tag würden die Speicher laut der Reichweitenprognose des Fachverbands DVGW zum 1. November nur rund 60 Prozent erreichen, statt der Zielmarke von 70 Prozent.
Die Bundesnetzagentur stuft die Lage in ihrem am 6. August aktualisierten Lagebericht dennoch als stabil ein: Die Gasversorgung sei gewährleistet, die Gefahr einer angespannten Lage aktuell gering. Seit Juli 2025 gilt wieder die niedrigste der drei Krisenstufen des Notfallplans Gas, die Frühwarnstufe.
| Kennzahl | Wert |
|---|---|
| Füllstand 1. Juli 2026 (Deutschland) | 41 % |
| Füllstand 4. August 2026 (Deutschland) | 48,5 % |
| Füllstand Anfang August 2026 (EU) | 57,1 % |
| Füllstand Anfang August 2025 (Deutschland, Vorjahr) | 62,1 % |
| DVGW-Projektion zum 1. November 2026 | 60 % |
| Ziel zum 1. November (DVGW) | 70 % |
| Gebuchter Vermarktungsstand (INES, Stand 24.6.) | 76 % |
| Geplante Gasreserve / INES-Empfehlung | 24 TWh / 78 TWh |
Quelle: INES-Speicherdaten (Stand 4.8.2026), DVGW, Gas Infrastructure Europe/Bloomberg.
Die Gasreserve: 24 statt 78 Milliarden Kilowattstunden, und nicht vor 2027
Ein Referentenentwurf aus dem Bundeswirtschaftsministerium wird noch im August erwartet, die Pläne sollen bis Jahresende durchs Parlament. Die Reserve soll staatlich geführt und strikt vom Markt getrennt sein, für Krisensituationen wie gestörte Energieflüsse oder Anschläge auf Infrastruktur. Ihre 24 Milliarden Kilowattstunden entsprechen rund zehn Prozent der deutschen Speicherkapazität.
Offen ist bislang, wer die Reserve bezahlt. „Das eine ist eine Umlage, das zweite ist die Haushaltsfinanzierung”, sagte Reiche im dpa-Interview Anfang August zu den beiden Finanzierungsoptionen. Denkbar sei auch ein Mischmodell.
Verbraucher und Unternehmen in wirtschaftlich schwierigen Lagen will sie dabei nicht zusätzlich belasten. Der Vergleichsdienst Verivox beziffert die Aufbaukosten auf rund 1,5 Milliarden Euro; bei einer Umlagefinanzierung kämen auf einen Musterhaushalt mit 20.000 Kilowattstunden Jahresverbrauch einmalig etwa 42 Euro sowie danach rund 5 Euro Betriebskosten pro Jahr zu.
Einen teuren Markteingriff wie 2022, als der Staat Speicherbetreiber zum Einkauf verpflichtete und subventionierte, lehnt die Bundesregierung ab, aus Sorge vor Spekulation und weiter steigenden Preisen. Gasversorger und Speicherbetreiber fordern dagegen seit längerem gezielte Einspeicher-Anreize, weil der Markt beim aktuellen negativen Sommer-Winter-Spread von selbst nicht ausreichend einspeichert.
Ein im Auftrag des Wirtschaftsministeriums erstelltes Gutachten von Frontier Economics stützt die Zurückhaltung: Die gesetzlichen Füllstandsvorgaben seien 2022 ein wichtiger Beitrag zur Versorgungssicherheit gewesen, verzerrten inzwischen aber spürbar den Markt und schwächten Preissignale. Ein strukturelles Marktversagen, das weitere staatliche Eingriffe rechtfertige, sehen die Gutachter nicht. Die deutschen Füllstandsvorgaben bleiben trotzdem bis zum 1. April 2027 in Kraft.
Woher der historisch niedrige Gasspeicher-Füllstand kommt

Mehrere Faktoren überlagern sich. Der Krieg im Nahen Osten und die faktische Sperre der Straße von Hormus haben nach Bloomberg-Angaben rund ein Fünftel der weltweiten LNG-Versorgung unterbrochen. Die Gaspreise sind entsprechend hoch, und ein negativer Sommer-Winter-Spread macht das Einspeichern derzeit unwirtschaftlich: Wer im Sommer kauft, um im Winter zu verkaufen, macht damit aktuell kaum Gewinn.
Hinzu kommt, dass asiatische Käufer wegen höherer Nachfrage mehr Flüssigerdgas abnehmen und damit Lieferungen von Europa abziehen. Auch die Hitzewellen im Juni und Juli haben den Verbrauch erhöht, weil mehr Strom für Klimaanlagen aus Gaskraftwerken kam.
Ein hoher Speicherstand ist für die Versorgungssicherheit heute trotzdem nur noch ein Baustein unter mehreren. Deutschland bezieht Gas über LNG-Terminals, über Pipelines aus Norwegen und den Niederlanden sowie über umgestellte Gasflüsse: Wo früher Gas von Ost nach West floss, kommt es heute überwiegend aus dem Norden und Westen, ergänzt um zusätzliche Importwege über Frankreich und Belgien. Cleanthinking hat diese Verschiebung der europäischen Gasmärkte bereits im Beitrag zum Gas-Casino Europas eingeordnet.
Laut Bundesnetzagentur spielt Gas vom Persischen Golf für die deutsche Versorgung keine wesentliche Rolle, das importierte LNG stammt im Wesentlichen aus den USA. Trotz des Ausfalls insbesondere katarischer Mengen lag die weltweite LNG-Verflüssigung im Mai 2026 mit rund 1,59 Milliarden Kubikmetern pro Tag leicht über dem Vorjahreswert von 1,56 Milliarden. Auch der EU-Beschluss, russische Erdgasimporte ab 2027 einzustellen, hat nach Einschätzung der Behörde keine unmittelbaren Auswirkungen, die Mengen lassen sich über alternative Versorgungswege und den Weltmarkt kompensieren.
Was der niedrige Füllstand für die Versorgungssicherheit im Winter 2026/27 bedeutet
Technisch ist eine Befüllung auf den gebuchten Vermarktungsstand von 76 Prozent bis zum 1. November laut dem INES-Update von Anfang Juli weiterhin möglich, vorausgesetzt die gebuchten Kapazitäten werden auch tatsächlich genutzt. Bei normalen oder milden Wintertemperaturen reichen 76 Prozent nach der Modellrechnung des Verbands aus. Für einen Extremwinter wie im Referenzjahr 2010 zeigt die Modellierung dagegen Unterdeckungen von bis zu 9 Terawattstunden pro Monat im Februar und März 2027, an einzelnen Tagen bis zu 2 Terawattstunden.
„Bei einem außergewöhnlich kalten Winter steigen die Risiken jedoch erheblich”, sagt INES-Geschäftsführer Sebastian Heinermann. Das nächste Update des Verbands ist für den 8. September angekündigt.

Wie mild oder kalt der Winter tatsächlich wird, ist offen. Als zusätzliche Unsicherheit kommt hinzu, wie El Niño die europäische Witterung beeinflusst; verlässliche Prognosen für Januar und Februar 2027 gibt es naturgemäß noch nicht.
Cleanthinking hatte bereits im Februar darauf hingewiesen, dass die Wiederbefüllung im Sommer die eigentliche Herausforderung des Jahres 2026 werden würde, nicht der Winter selbst, eine Einschätzung aus dem Frühjahr, die INES schon im März offiziell bestätigte.
Aufgegriffen wird der niedrige Füllstand auch politisch: Die AfD fordert unter Verweis auf die Zahlen die Wiederaufnahme russischer Gaslieferungen. Dagegen spricht, dass die EU ihre russischen Erdgasimporte ohnehin ab 2027 beendet und die Bundesnetzagentur diesen Schritt für kompensierbar hält. Und das Frontier-Gutachten führt die schwachen Einspeicher-Anreize auf verzerrte Preissignale durch die Füllstandsvorgaben zurück, ein regulatorischer Befund, der mit der Importdiversifizierung nichts zu tun hat.
Belastbarere Zahlen zur Versorgungslage liefert erst das nächste INES-Update am 8. September, wenn absehbar ist, wie viel von den gebuchten 76 Prozent tatsächlich eingespeichert wurde.
Häufige Fragen zur Gasreserve
Was ist die geplante Gasreserve der Bundesregierung?
Wirtschaftsministerin Katherina Reiche plant eine staatliche, vom Markt getrennte Gasreserve von 24 Milliarden Kilowattstunden, rund zehn Prozent der deutschen Speicherkapazität. Das ist weniger als ein Drittel der 78 Milliarden Kilowattstunden, die INES im März 2026 als strategische Resilienzreserve empfohlen hatte.
Wann kommt die Gasreserve?
Ein Referentenentwurf wird im August 2026 erwartet, die Pläne sollen bis Jahresende durchs Parlament. Der eigentliche Aufbau der Reserve beginnt aber erst 2027 und spielt für den Winter 2026/27 keine Rolle.
Wer bezahlt die Gasreserve?
Laut Reiche stehen eine Umlage, eine Haushaltsfinanzierung oder ein Mischmodell zur Debatte. Verivox beziffert die Aufbaukosten auf rund 1,5 Milliarden Euro, bei einer Umlage kämen auf einen Musterhaushalt einmalig etwa 42 Euro sowie danach rund 5 Euro Betriebskosten pro Jahr zu.
Wie hoch ist der Gasspeicher-Füllstand aktuell, und reicht er für den Winter 2026/27?
Die deutschen Gasspeicher waren zum 4. August 2026 zu 48,5 Prozent gefüllt, im Vorjahr lag der Wert bei 62,1 Prozent. Bei normalen oder milden Temperaturen hält INES eine Befüllung auf den gebuchten Stand von 76 Prozent für ausreichend, bei einem Extremwinter wie 2010 drohen laut Modellrechnung Unterdeckungen von bis zu 9 Terawattstunden pro Monat.
QUELLEN
- INES: Gas-Szenarien: Marktbedingungen gefährden Wiederbefüllung der Gasspeicher, 07.07.2026.
- INES: INES empfiehlt bei Einrichtung einer strategischen Resilienzreserve ein Volumen von 78 TWh, März 2026.
- Bundesnetzagentur: Aktuelle Lage der Gasversorgung in Deutschland, 06.08.2026.
- DVGW: Füllstände der Gasspeicher für Deutschland mit Reichweitenprognose, Stand 04.08.2026.
- Bloomberg: EU's Winter Gas Buffer at Risk as Storage Levels Hit 18-Year Low, 03.08.2026.
- Frontier Economics: Evaluierung der Gasspeicher-Füllstandsvorgaben, Abschlussbericht im Auftrag des BMWE, 2026.
- n-tv/dpa: Wirtschaftsministerin Reiche will Gasreserve-Finanzierung neu regeln, 03.08.2026.