KLIMAFOLGEN · 9. AUGUST 2026
KI-generiertZu heiß zum Wachsen: Hitze bremst Wirtschaftswachstum in ganz Europa
Allianz Research beziffert, was extreme Hitze bis 2030 an Wirtschaftsleistung kostet: bis zu sieben Prozent des BIP in den am stärksten exponierten Volkswirtschaften, rund drei Prozent in Deutschland. Am härtesten trifft es die Investitionen.
Die Rechnung ist unangenehm konkret. Wiederholen sich bis 2030 die heißesten Jahre, die zwischen 2014 und 2024 bereits gemessen wurden, summieren sich die Verluste an Wirtschaftsleistung in den exponiertesten Volkswirtschaften auf fünf bis sieben Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Das ist das Ergebnis der Analyse „Too hot to grow“ von Allianz Research.
Das Szenario ist bewusst nüchtern konstruiert. Die Forschenden spielen die fünf heißesten Jahre jedes Landes in aufsteigender Reihenfolge nach, beginnend mit dem fünftheißesten im Jahr 2026 und endend mit dem jeweiligen Rekordjahr 2030. Es geht also nicht um eine ausgedachte Zukunft, sondern um die Wiederholung von Sommern, die es schon gab.
| Land | Kumulierter Verlust 2026 bis 2030 |
|---|---|
| Japan | 354 Mrd. USD |
| Frankreich | 240 Mrd. USD |
| Italien | 147 Mrd. USD |
| Deutschland | 131 Mrd. USD |
| Spanien | 120 Mrd. USD |
Quelle: Allianz Research, „Too hot to grow: The economic costs of extreme heat“.
Deutschland liegt damit im europäischen Mittelfeld, aber klar auf der Verliererseite. Gemessen an der Wirtschaftsleistung entsprechen die 131 Milliarden US-Dollar rund drei Prozent, während Frankreich, Italien und Spanien in den oberen Bereich der Spanne rutschen. Prognos hatte im Juni bereits ermittelt, dass allein die hitzebedingten Ausfälle am Arbeitsplatz Deutschland 431 Millionen Euro pro Tag kosten.
Bei 30 Grad kippt die Rechnung
Wärme ist ökonomisch nicht linear. Unterhalb von 30 Grad senkt sie die Heizkosten und geht sogar mit leichten Produktivitätsgewinnen einher. Oberhalb dieser Schwelle dreht sich das Vorzeichen, und beide Kanäle verschlechtern sich mit jedem weiteren Grad.
Der dominierende Effekt läuft über die Arbeit. Im Bereich zwischen 30 und 35 Grad sinkt die Stundenleistung je zusätzlichem Grad um etwa 1,3 US-Dollar, das sind rund drei Prozent der mittleren Stundenleistung. Parallel steigt der Energieverbrauch um etwa 1,2 Prozent pro Grad. Die Kosten der Betriebe steigen also genau dann, wenn ihre Produktivität fällt.
Weil Löhne der Produktivität nur verzögert folgen, landet der kurzfristige Schaden zunächst bei den Unternehmensgewinnen und erst danach bei Haushaltseinkommen und Konsum.
„Extreme Hitze ist längst kein kurzfristiges Wetterphänomen mehr, sondern ein struktureller wirtschaftlicher Schock“, sagt Milo Bogaerts, CEO von Allianz Trade in Deutschland, Österreich und der Schweiz.
Der eigentliche Schaden trifft die Investitionen
Die härteste Zahl der Analyse steht nicht beim Konsum. Die Bruttoanlageinvestitionen brechen im Szenario im Durchschnitt der betroffenen Länder um acht Prozent ein und damit systematisch stärker als die Konsumverluste. Hitze drückt die erwarteten Kapitalrenditen, daraufhin fallen die Investitionen, und mit ihnen die künftige Produktionskapazität.
Genau das macht Hitze zu einer Wachstumsbremse und nicht zu einer Schadensposition. Was in einem heißen Sommer an Investition unterbleibt, fehlt in allen folgenden Jahren an Kapazität. Der Effekt verstärkt sich selbst.
Dazu kommen stagflationäre Dynamiken, also steigende Preise bei gleichzeitig steigender Arbeitslosigkeit. Für die Eurozone ist das besonders unangenehm, weil ein einziger Leitzins Volkswirtschaften mit stark auseinanderlaufender Klimaexposition bedienen muss.
Fiskalisch schlägt das ebenfalls durch. Die hitzebedingten Steuerausfälle erreichen jährlich 1,8 Prozent in Frankreich, je 1,3 Prozent in Italien und Spanien und 0,7 Prozent in Deutschland. Weil progressive Steuersysteme schneller nachgeben als die Wirtschaftsleistung selbst, fällt der Einnahmeverlust größer aus als der BIP-Verlust. Die Haushaltssalden verschlechtern sich im Schnitt um 0,5 Prozent des BIP pro Jahr.
Wachstumspolitik, die den Wachstumsbremser ignoriert
Bundeskanzler Friedrich Merz und Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche haben Wirtschaftswachstum zur obersten Richtschnur erklärt. Die Analyse zeigt, wo dieses Wachstum tatsächlich verloren geht: bei der Stundenleistung, bei den Energiekosten der Betriebe, bei den Investitionen und am Ende in der Steuerkasse. Wer Wachstum will und Klimapolitik als Kostenfaktor behandelt, rechnet nur eine Seite der Bilanz. Die OECD kam bereits 2025 zu dem Ergebnis, dass Klimaschutz globales Wachstum beschleunigen kann.
Europa ist dabei schlecht aufgestellt. Hitzestress-Ereignisse haben sich seit den 1980er Jahren versiebenfacht, die mittlere Zahl der Todesopfer je Ereignis verfünffacht. In den USA sind rund 90 Prozent der Haushalte klimatisiert, in Europa etwa 19 Prozent, und der Gebäudebestand ist darauf ausgelegt, Wärme zu speichern statt sie abzuleiten. Welche Kühlstrategien hierzulande wirklich tragen, haben wir im Ratgeber Klimaanlage in Deutschland aufgeschlüsselt.
„Ab diesem Punkt drehen sich die ökonomischen Effekte ins Negative“, sagt Hazem Krichene, Senior Klimaökonom bei Allianz Research, über das Überschreiten der 30-Grad-Schwelle.
Die europäische Anpassungspolitik ist nach Befund der Analyse darauf gebaut, Verluste zu kompensieren statt sie zu verhindern. Ein funktionierendes Arbeitsschutzregime bräuchte verbindliche Temperaturschwellen, automatische Arbeitsbeschränkungen, bezahlten Ausgleich für ausgefallene Stunden und Geltung auch für Befristete, Saisonkräfte und Plattformbeschäftigte. Keine große europäische Volkswirtschaft hat alle vier Bausteine. Auf Stadtebene bleibt damit weiter offen, wer die hitzefeste Stadt baut.
Für Unternehmen folgt daraus eine nüchterne Konsequenz: Hitzeresistenz wird zum Standortfaktor. Gebäude und Infrastruktur, Arbeitszeiten und der Schutz besonders gefährdeter Beschäftigter entscheiden mit darüber, wie teuer der nächste Sommer wird. Wer damit früher anfängt, hält Produktivität und Investitionsfähigkeit, während Wettbewerber auf ein mildes Jahr hoffen.
QUELLEN
- Allianz Research: Too hot to grow: The economic costs of extreme heat, 2026.
- Allianz Trade: Studie: Extreme Hitze kostet Deutschland Milliarden und lähmt Wirtschaftswachstum, 2026.