Ein Grad trennt die Welt vom besten Klimapfad

UN-KLIMABERICHT VOR DER COP31 IN ANTALYA · 21. OKTOBER 2026

Die Welt steuert laut Emissions Gap Report 2026 auf 2,8 Grad Erderhitzung zu

Rund ein Grad liegt zwischen dem Kurs der heutigen Klimapolitik und dem besten Pfad, den die Welt noch erreichen kann. Schließen lässt sich diese Lücke mit den Technologien der Electrotech-Revolution: Etwa Solar, Wind, Batterien und E-Autos. Ihr Ausbau übertrifft seit Paris jede Prognose und bremst den Klimawandel schon messbar.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 17 Min. LESEN


Für das UN-Umweltprogramm UNEP ist das 1,5-Grad-Ziel in seiner bisherigen Form verloren. Die Erderhitzung ohne oder nur mit minimaler Überschreitung auf 1,5 Grad zu begrenzen, ist laut dem neuen Emissions Gap Report 2026 nicht mehr möglich. Als minimal gilt ein Überschreiten um weniger als 0,1 Grad. UNEP misst die Welt deshalb an einem neuen Maßstab: dem niedrigsten noch erreichbaren 1,5-Grad-Pfad mit Überschreitung, also an einem Rückweg.

Die 2,8 Grad sind keine Obergrenze. UNEP nennt den Wert, der bis 2100 mit 66 Prozent Wahrscheinlichkeit nicht überschritten wird. Mit rund einem Drittel Wahrscheinlichkeit wird es also wärmer, mit zehn Prozent Wahrscheinlichkeit sogar wärmer als 3,4 Grad. Und die Kurve endet nicht 2100: Unter heutiger Politik steigt die Temperatur danach weiter.

„Wir müssen alle Register ziehen, um die Spitzenerwärmung zu begrenzen und bis zum Ende des Jahrhunderts zu 1,5 Grad zurückzukehren“, schreibt UNEP-Exekutivdirektorin Inger Andersen im Vorwort. Im Untertitel „The point of return“ steckt die Umkehrung des „point of no return“, des Punkts ohne Wiederkehr. Gemeint ist der Moment der Umkehr. Er beginne jetzt, schreibt Andersen, „mit der Umsetzung schneller, tiefer und dauerhafter Emissionsminderungen“.

Was im Emissions Gap Report 2026 neu ist

Bis zum Vorjahr verglich UNEP die Zusagen der Staaten mit Pfaden aus dem sechsten Sachstandsbericht des Weltklimarats IPCC. Diese Pfade entstanden zwischen 2015 und 2020 und setzten voraus, dass die Emissionen ab etwa 2020 sinken. Sie stiegen weiter. Aus diesen Pfaden stammt auch die bekannte Vorgabe, die Emissionen bis 2030 um 43 Prozent unter das Niveau von 2019 zu senken. Heute liegen sie fast 80 Prozent über diesem Zielwert.

Im Emissions Gap Report 2026 ersetzt UNEP die alten Pfade durch eine neue Szenario-Generation, in der strenger Klimaschutz 2025 beginnt. Weil die verlorenen Jahre aufgeholt werden müssen, verlangt der neue Maßstab mehr Tempo als der alte: 5,7 Prozent weniger Emissionen pro Jahr statt 5,0 Prozent. Trotzdem liegt sein Höhepunkt 0,1 bis 0,2 Grad über den alten 1,5-Grad-Pfaden. Zwischen beiden klafft 2035 eine Lücke von neun Gigatonnen CO2-Äquivalenten, die UNEP „nicht mehr überbrückbar“ nennt.

An der Ausgangslage hat sich wenig bewegt. 2025 stieß die Welt 58,4 Gigatonnen Treibhausgase aus, also 58,4 Milliarden Tonnen, alle Gase in CO2 umgerechnet. Das sind 0,1 Gigatonnen weniger als 2024, doch bei einer Unsicherheit von 5,5 Gigatonnen nach oben und unten lässt sich keine Richtung ablesen. Der fossile CO2-Ausstoß stieg weiter. Ausgeglichen haben ihn geringere Emissionen aus der Landnutzung, unter anderem weil 2025 weniger Wald brannte als im außergewöhnlich aktiven Brandjahr 2024.

Schlechter ausgefallen ist die Prognose für die Klimazusagen der Staaten, die national festgelegten Beiträge oder NDC. Voll umgesetzt führen sie zu 2,6 bis 2,7 Grad Erderwärmung, rund 0,2 bis 0,3 Grad mehr als im Emissions Gap Report 2025. Die eine Hälfte geht auf den Austritt der USA aus dem Pariser Abkommen zurück, die andere auf nach oben korrigierte historische Emissionen. Die 67 neuen Zusagen seit dem Vorjahr ändern an der Prognose praktisch nichts.

Bei einem Detail droht ein Fehlschluss. Die Umsetzungslücke für 2030 wirkt kleiner als im Vorjahr. Gemeint ist der Abstand zwischen der heutigen Politik der Staaten und ihren eigenen Zusagen. Dahinter steckt kein Fortschritt: Mit dem Austritt fiel das US-Ziel aus der Rechnung, an seine Stelle trat die Prognose der heutigen US-Politik.

Zwei Kapitel kommen hinzu. Erstmals verfolgt UNEP, wie weit die Welt bei den Zielen der ersten globalen Bestandsaufnahme ist. Beschlossen hat sie die Klimakonferenz von Dubai 2023, darunter die Verdreifachung der erneuerbaren Stromkapazität bis 2030. Ein zweites Kapitel wertet aus, welche Klimapolitik Emissionen tatsächlich senkt. Was der Overshoot-Report der UNEP im September als Rückweg skizziert hat, ist damit zum offiziellen Maßstab geworden.

Wie viel Erderwärmung bringt welche Politik?

Im Emissions Gap Report 2026 stehen vier Zukünfte, und in keiner bleibt die Erderhitzung unter 1,5 Grad. Setzen die Staaten nur ihre heutige Politik fort, bleibt es bei den 2,8 Grad bis 2100, mit einer Spanne von 2,2 bis 3,8 Grad. Erfüllen sie ihre bedingungslosen Zusagen, sind es 2,7 Grad. Kommen die Zusagen hinzu, die an Geld oder Technik aus dem Ausland geknüpft sind, sinkt der Wert auf 2,6 Grad.

Nur in einem Szenario kommt die Temperatur noch in diesem Jahrhundert zum Stillstand. Erfüllen alle Staaten ihre Zusagen und zusätzlich ihre Netto-Null-Ziele, bleibt die Erwärmung mit 66 Prozent Wahrscheinlichkeit unter 2,1 Grad. Das sind immer noch rund 0,25 Grad mehr als der Höhepunkt des besten Pfades. Gegenüber der heutigen Politik sparen die NDC allein bis zu 0,2 Grad, die Netto-Null-Ziele weitere 0,6 Grad.

Unter heutiger Politik liegt die Chance, unter 1,5 Grad zu bleiben, bei null Prozent. Unter zwei Grad bleibt die Welt mit sechs Prozent Wahrscheinlichkeit, unter drei Grad mit 76 Prozent. Lösen alle Staaten sämtliche Zusagen ein, wachsen diese Chancen auf 61 und 99 Prozent. Auch dann bleiben für 1,5 Grad nur zehn Prozent.

Schon 2050 liegen die Szenarien der heutigen Politik und der Zusagen 0,4 bis 0,5 Grad über 1,5 Grad. Mit 16 bis 33 Prozent Wahrscheinlichkeit ist die Zwei-Grad-Marke dann bereits überschritten. Jedes weitere Zehntelgrad und jedes zusätzliche Jahr über 1,5 Grad erhöht laut UNEP das Risiko unumkehrbarer Veränderungen an Eisschilden, Permafrost, Meeresströmungen und Korallenriffen. Es sind die Systeme, die die Forschung als Kipppunkte im Klimasystem beschreibt.

Die Folgen des Klimawandels sind dabei längst messbar. Der Bericht erinnert an den August 2026, der den Rekord als heißester je gemessener Monat einstellte. In mehr als zehn europäischen Ländern fielen nationale Temperaturrekorde, mit vielen Hitzetoten.

Erderwärmung bis 2100 laut Emissions Gap Report 2026: 2,8 Grad mit heutiger Politik, 1,8 Grad Höhepunkt im 1,5-Grad-Pfad
Mit heutiger Politik erwärmt sich die Erde bis 2100 um bis zu 2,8 Grad, danach steigt die Kurve weiter. Der beste noch erreichbare Pfad erreicht um 2050 seinen Höhepunkt bei 1,8 Grad und sinkt bis 2100 auf 1,4 Grad. QUELLE: UNEP, EMISSIONS GAP REPORT 2026, TAB. ES.1 UND KAP. 4.4

Wie der Rückweg zu 1,5 Grad aussieht

Der neue Maßstab heißt im Bericht „lowest 1.5°C overshoot scenario“, der niedrigste 1,5-Grad-Pfad mit Überschreitung. Overshoot heißt: Die Temperatur überschreitet eine Grenze zeitweise und fällt danach wieder darunter. Auf diesem Pfad erreicht die Erwärmung um 2050 ihren Höhepunkt bei 1,7 bis 1,8 Grad. Zwischen diesem Höhepunkt und den 2,8 Grad der heutigen Politik liegt rund ein Grad. Bis 2100 kehrt die Erwärmung mit rund 50 Prozent Wahrscheinlichkeit auf 1,5 Grad oder darunter zurück.

Der Weg dorthin ist steil. Gegenüber 2025 müssen die weltweiten Emissionen bis 2030 um 18 Prozent sinken, bis 2035 um 45 Prozent und bis 2040 um 69 Prozent. Das heißt im Schnitt 5,7 Prozent weniger pro Jahr, beginnend sofort. Um 2050 muss der CO2-Ausstoß netto bei Null liegen.

Die Zusagen der Staaten liefern davon nur einen Bruchteil. Bis Anfang September 2026 haben 124 Vertragsparteien mit rund 76 Prozent der weltweiten Emissionen neue NDC eingereicht, mehr als doppelt so viele wie im Vorjahr. Voll umgesetzt senken sie die Emissionen bis 2030 um fünf bis acht Prozent, bis 2035 um elf bis 15 Prozent und bis 2040 um 20 bis 27 Prozent. 2035 fehlen damit selbst im günstigsten Fall 16 Gigatonnen zum Rückweg, unter heutiger Politik 22 Gigatonnen.

Emissions Gap Report 2026: Klimapläne senken Emissionen bis 2035 um 11 bis 15 Prozent, für den 1,5-Grad-Pfad wären 45 Prozent nötig
Voll umgesetzt senken die neuen Zusagen der Staaten die Emissionen bis 2035 um elf bis 15 Prozent. Für den Rückweg zu 1,5 Grad wären 45 Prozent nötig, für unter zwei Grad 24 Prozent. QUELLE: UNEP, EMISSIONS GAP REPORT 2026

Unter den G20-Staaten plant die EU zwischen 2030 und 2035 den größten absoluten Rückgang, 692 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente, vor China mit 590 Millionen Tonnen. Ihre Ziele für 2030 erreichen mit heutiger Politik voraussichtlich nur sechs G20-Mitglieder: China, Indien, Indonesien, Russland, Südafrika und die Türkei. Russland und die Türkei haben sich für 2035 sogar Ziele gesetzt, die über den Emissionen ihrer heutigen Politik liegen. Argentinien, Saudi-Arabien und die USA haben gar kein Ziel für 2035 vorgelegt.

UNEP-Grafik: globale Emissionen nach Szenarien und Emissionslücke 2035 von 6 bis 25 Gigatonnen CO2-Äquivalent
Selbst wenn alle Staaten auch ihre bedingten Zusagen erfüllen, fehlen 2035 rund 16 Gigatonnen zum niedrigsten 1,5-Grad-Pfad mit Überschreitung. Der alte 1,5-Grad-Pfad ohne Überschreitung (rechts, schraffiert) ist nicht mehr erreichbar. QUELLE: UNEP, EMISSIONS GAP REPORT 2026, ABB. ES.4

Der Rückweg hat einen Preis, den die Welt später zahlt. Um die Temperatur nach dem Höhepunkt wieder auf 1,5 Grad zu senken, müssen im Lauf des Jahrhunderts rund 320 Gigatonnen CO2 aus der Atmosphäre geholt und dauerhaft gespeichert werden. Jedes Zehntelgrad Rückkühlung erfordert etwa 220 Gigatonnen. Ob solche Mengen technisch und gesellschaftlich zu schaffen sind, hält UNEP für unsicher. Wo die technische Entnahme heute steht, zeigt die Bilanz der Climeworks-Anlage Mammoth in Island.

Mit jedem Jahr Zögern wird der Pfad teurer. Bleiben die Emissionen fünf Jahre auf heutigem Niveau, gelangen rund 200 Gigatonnen CO2 zusätzlich in die Atmosphäre, und der Höhepunkt steigt um etwa 0,1 Grad. Auch wer den Pfad exakt einhält, trägt ein Restrisiko: Mit zehn Prozent Wahrscheinlichkeit überschreitet die Erwärmung trotzdem 2,1 Grad. UNEP will den besten erreichbaren Pfad deshalb jedes Jahr neu bestimmen.

Womit lässt sich die Lücke von einem Grad schließen?

Die Antwort steht im selben Bericht. UNEP vergleicht dort, was die Internationale Energieagentur IEA 2015 für die Jahre 2013 bis 2025 erwartet hatte, mit dem, was tatsächlich geschah. Die erneuerbare Stromkapazität wuchs um 3.600 Gigawatt statt um 1.100, dreimal so stark wie erwartet. Die Solarleistung legte um 2.300 statt 340 Gigawatt zu, fast siebenmal so viel, die Windkraft um 990 statt 420 Gigawatt.

Zubau von Solar und Wind übertraf die IEA-Prognose von 2015 bis zu 7-fach, Kohle, Öl und Atomstrom wuchsen weniger
Zwischen 2013 und 2025 wuchs die Solarleistung siebenmal so stark, wie die IEA 2015 erwartet hatte, die Windkraft zweieinhalbmal so stark. Kohlestrom legte um 55 Prozent weniger zu als prognostiziert. QUELLE: UNEP, EMISSIONS GAP REPORT 2026, ABB. 5.1, NACH IEA WORLD ENERGY OUTLOOK 2015

Solarmodule, Windräder, Batterien und Elektroautos gehören zur Electrotech, den Technologien, die Energie über Strom nutzbar machen. Auf der fossilen Seite blieb das Wachstum hinter den Erwartungen zurück. Kohlestrom legte um 55 Prozent weniger zu als prognostiziert, der Kohleverbrauch insgesamt um 45 Prozent weniger, der Ölverbrauch um 20 Prozent weniger. Nur Gas wuchs wie vorhergesagt. Der CO2-Ausstoß des Energiesystems stieg um 40 Prozent weniger als erwartet.

2025 erzeugte die Welt erstmals mehr Strom aus erneuerbaren Quellen als aus Kohle, 10.730 gegenüber 10.476 Terawattstunden. Den zusätzlichen Strombedarf des Jahres deckten fast vollständig Solar und andere emissionsarme Quellen. Solar und Wind vermieden 2025 nach Berechnungen der Denkfabrik Ember 4,1 Gigatonnen CO2. Neue Kohlekraftwerke sind nur noch in 32 Ländern geplant oder im Bau, 95 Prozent der Baustellen liegen in China und Indien.

Bei den Autos zeigt sich dasselbe Muster. Elektroautos, rein elektrisch oder als Plug-in-Hybrid, machten 2025 ein Viertel aller Neuwagen aus. Zu Beginn des Jahrzehnts waren es weniger als fünf Prozent. In China lag ihr Anteil bei 55 Prozent, in der EU bei 28 Prozent, in Nepal bei 68 und in Vietnam bei 41 Prozent.

Beim Ausbau von Solar und Wind liegt die Welt damit auf Kurs. Ihr Anteil an der weltweiten Stromerzeugung wächst seit 2019 um rund 13 Prozent pro Jahr. Hält dieses Tempo bis 2030, erreicht die Welt genau die Anteile, die der niedrigste 1,5-Grad-Pfad mit Überschreitung verlangt. Mit zusätzlicher Politik wächst die erneuerbare Kapazität bis 2030 auf rund 11.500 Gigawatt. Das entspricht der in Dubai beschlossenen Verdreifachung.

Das Pariser Klimaabkommen hat den Kurs messbar verschoben. Vor Paris führte die Politik der Staaten auf rund vier Grad Erderhitzung zu, heute auf 2,8 Grad. 2026 fließen nach Daten der IEA rund 2,2 Billionen US-Dollar (knapp zwei Billionen Euro) in saubere Energie, fast doppelt so viel wie in fossile. Fast 40 Millionen Menschen arbeiteten 2024 in emissionsarmen Energiebranchen, jedes Jahr kommen 1,4 Millionen hinzu.

Was die Electrotech bis 2035 leisten muss

Für die Zeit nach 2030 legt UNEP Mindestwerte vor, die zum besten noch erreichbaren Pfad passen. Sie sollen in die zweite globale Bestandsaufnahme einfließen, die bis 2028 läuft und die Klimaziele der Staaten für 2040 vorbereitet. Bis 2035 muss sich die erneuerbare Stromkapazität gegenüber 2025 mindestens verdreifachen, die Stromerzeugung aus Solar und Wind ebenso. Ihr Anteil am Strommix steigt dann von 17 auf fast 47 Prozent.

Indikator Stand 2025 bis 2035 bis 2040
Erneuerbare Stromkapazität5.100 GWmind. 3-fachmind. 4,5-fach
Stromerzeugung aus Solar und Wind5.400 TWhmind. 3-fachmind. 5,5-fach
Anteil Solar und Wind am Strom17 %fast 47 %63 %
Strom am Endenergieverbrauch21 %mind. 28 %mind. 36 %
Energieintensität der Wirtschaft-mind. -30 %mind. -40 %
Kohlestrom11.000 TWhmind. -75 %mind. -95 %
Kohle gesamt179 EJmind. -55 %mind. -75 %
Öl194 EJ-mind. -30 %
Gas149 EJ-mind. -35 %
CO2 aus dem Energiesystem40 Gtmind. -35 %mind. -55 %
CO2 aus Industrie / Gebäuden17 / 10 Gt-mind. -50 / -80 %
Methan9,3 Gt CO2emind. -25 %mind. -40 %
Verkehr8,8 Gt CO2emind. -20 %mind. -40 %

Quelle: UNEP, Emissions Gap Report 2026, Kapitel 5.3. Mindestaufwand im niedrigsten 1,5-Grad-Pfad mit Überschreitung, Veränderung gegenüber 2025. Strom am Endenergieverbrauch einschließlich nichtenergetischer Nutzung.

Für die Electrotech zählt vor allem der Stromanteil am Endverbrauch. Weltweit deckt Strom heute 21 Prozent des Endenergieverbrauchs, 2015 waren es 18 Prozent. Bis 2035 muss der Anteil auf mindestens 28 Prozent steigen, bis 2040 auf 36 und bis 2050 auf 56 Prozent. Der bisherige Zuwachs von gut drei Prozentpunkten in zehn Jahren reicht dafür nicht. China elektrifiziert seine Endenergie laut UNEP deutlich schneller, in anderen Ländern stockt der Fortschritt.

Die COP31-Präsidentschaft schlägt für die Klimakonferenz in Antalya ein Elektrifizierungsziel von 35 Prozent bis 2035 vor. UNEP zählt auch die nichtenergetische Nutzung mit, etwa Erdöl als Rohstoff für Kunststoffe. In dieser Rechnung entsprechen die 35 Prozent etwa 32 Prozent und liegen damit im Korridor, den der Rückweg zu 1,5 Grad verlangt.

Deutschland deckte 2024 erst 20,5 Prozent seines Endenergieverbrauchs mit Strom, gerechnet ohne nichtenergetische Nutzung (mehr dazu: Sektorkopplung). Steigen kann dieser Wert über Wärmepumpen in den Heizungskellern, Elektroautos auf den Parkplätzen und elektrische Prozesswärme in den Werkshallen.

Wo die Welt noch in die falsche Richtung läuft

Mehr saubere Technik allein schließt die Lücke nicht, das hält der Bericht ausdrücklich fest. Die absoluten Emissionen müssen sinken. Bei allen Indikatoren dafür läuft die Welt in die Gegenrichtung: beim CO2 aus dem Energiesystem, im Straßenverkehr und bei Methan. Kohle, Öl und Gas erreichen weltweit Höchststände, und unter heutiger Politik legen Öl und Gas bis 2030 weiter zu.

Die Staaten stützen das fossile System mit wachsenden Summen. Ihre Subventionen für fossile Brennstoffe stiegen von rund 660 Milliarden US-Dollar 2018 auf 920 Milliarden US-Dollar 2024 (rund 590 und 820 Milliarden Euro). Nach der Krise um die Straße von Hormus könnten sie wieder steigen. Deutschland steht in der UNEP-Liste der Länder, die als Krisenreaktion Steuern auf fossile Brennstoffe gesenkt haben, neben Australien, Indien und Mexiko (mehr dazu: was der Tankrabatt im Vergleich zur Erneuerbaren-Förderung kostet).

Anders reagierten fast 30 Regierungen, darunter Frankreich, Indien und Großbritannien. Sie förderten Gebäudesanierung, Elektroautos und Erneuerbare. Europa kennt diesen Weg aus der Gaskrise nach 2022. Die EU senkte ihren Gasverbrauch um 19 Prozent, auch dank effizienter Wärmepumpen. Der fossile Anteil am Strommix der EU fiel auf ein Rekordtief von 28 Prozent.

Die Nicht-CO2-Gase, zu zwei Dritteln Methan, erreichten 2025 einen Rekord. Bis 2035 muss der Methanausstoß um mindestens ein Viertel sinken. Im Straßenverkehr steigen die Emissionen weiter. Elektroautos stellen zwar ein Viertel der Verkäufe, aber erst fünf Prozent der weltweiten Pkw-Flotte. Die Entwaldung lag 2025 bei sieben Millionen Hektar und müsste mehr als zehnmal so schnell zurückgehen wie bisher.

Den größten Rückschlag liefern die USA. Ihre Emissionen stiegen 2025 um 133 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente, mehr als in jedem anderen Land, getrieben von höherer Stromnachfrage und mehr Kohlestrom. Die USA haben die meisten Klimaregeln ihres Klimagesetzes Inflation Reduction Act gestrichen, das Pariser Abkommen verlassen und treten Ende Februar 2027 auch aus der UN-Klimarahmenkonvention aus. Den Bericht selbst lehnt Washington laut einer Fußnote ab.

Selbst in den USA bleiben die Investitionen in saubere Energie laut UNEP nahe am oberen Ende der historischen Spanne. Solar, Batterien und Wind sind dort wettbewerbsfähig, und die Stromnachfrage wächst.

Welche Klimapolitik nachweislich wirkt

UNEP stützt sich auf eine statistische Auswertung, die 69 große Emissionsrückgänge in einzelnen Ländern und Sektoren erfasst. 63 davon fielen binnen zwei Jahren mit neuer oder verschärfter Klimapolitik zusammen, 40 davon in Europa, auch in Deutschland. Im Schnitt lagen die Emissionen danach 19 Prozent unter dem Verlauf ohne diese Politik, im Stromsektor 26 Prozent. Ursächlich beweisen lässt sich mit dieser Methode allein nichts.

Härtere Belege liefern mehr als 220 Studien, die die Wirkung einzelner Maßnahmen ursächlich messen. Im Stromsektor sanken die Emissionen durch Klimapolitik im Schnitt um neun Prozent, je nach Instrument um zwei bis 13 Prozent. Mit CO2-Preisen und Emissionshandel sanken sie über alle Sektoren um fünf bis 13 Prozent. Im EU-Emissionshandel senkten Unternehmen ihre Emissionen schon bei Preisen um 20 US-Dollar (knapp 18 Euro) pro Tonne, ohne dass Produktion oder Beschäftigung im Schnitt darunter litten.

Auch die Electrotech ist mit solcher Politik groß geworden. In China lockten Städte Solarfabriken mit Subventionen, Steuervorteilen und günstigem Bauland. Vorgaben für heimische Fertigung bei Windrädern und Batterien kosteten anfangs Effizienz. Über die Jahre halfen sie, eine wettbewerbsfähige und weltweit führende Batterieindustrie aufzubauen.

Ausgewertet ist bisher nur ein Bruchteil: wenige Hundert von Tausenden Maßnahmen, vor allem in Europa, Nordamerika und China. Die großen Rückgänge zeigen sich meist dort, wo Preise neben Vorschriften und Förderung stehen und jedes Instrument ein anderes Marktversagen behebt. Für den Rückweg zu 1,5 Grad müssten solche Rückgänge nach UNEP in nie dagewesenem Tempo in allen Ländern und Sektoren gelingen.

Die nächste Gelegenheit dafür kommt in knapp drei Wochen. Ab dem 9. November verhandeln die Staaten auf der COP31 in Antalya, parallel läuft die zweite globale Bestandsaufnahme bis 2028. UNEP empfiehlt, die Ziele aus Dubai bis 2035 und 2040 fortzuschreiben und messbarer zu machen. Als Beispiel dafür nennt der Bericht das vorgeschlagene Elektrifizierungsziel.

UN-Generalsekretär António Guterres nannte das Überschreiten der 1,5-Grad-Grenze bei der Vorstellung des Berichts „keine Kapitulation“. Die Technik für den Rückweg ist vorhanden, und ihre Kosten fallen schneller als erwartet. Wie hoch der Höhepunkt der Erderwärmung ausfällt, entscheidet sich daran, wie schnell Solarparks, Windräder, Batterien und Elektroautos Kohle, Öl und Gas aus Kraftwerken, Heizungen und Tanks verdrängen.

Häufige Fragen zum Emissions Gap Report 2026

Was ist der Emissions Gap Report?

Der Emissions Gap Report ist ein jährlicher Bericht des UN-Umweltprogramms UNEP, der seit 2010 erscheint. Darin vergleicht UNEP, wie stark die Treibhausgasemissionen nach Politik und Zusagen der Staaten sinken, mit dem, was das Pariser Klimaabkommen verlangt. Die Ausgabe 2026 ist die 17. und entstand mit 40 Wissenschaftler*innen aus 25 Institutionen in 18 Ländern.

Auf wie viel Grad steuert die Erderwärmung bis 2100 zu?

Mit der heutigen Politik erwärmt sich die Erde laut Emissions Gap Report 2026 bis 2100 um bis zu 2,8 Grad gegenüber dem vorindustriellen Niveau, mit 66 Prozent Wahrscheinlichkeit, und danach weiter. Setzen die Staaten ihre Klimazusagen vollständig um, sind es 2,6 bis 2,7 Grad. Erfüllen sie zusätzlich alle Netto-Null-Ziele, bleibt die Erwärmung unter 2,1 Grad.

Ist das 1,5-Grad-Ziel noch erreichbar?

Ohne Überschreitung ist es nicht mehr erreichbar. Möglich bleibt ein Rückweg mit einem Höhepunkt bei 1,7 bis 1,8 Grad um 2050 und einer Rückkehr auf 1,5 Grad oder darunter bis 2100. Dafür müssen die weltweiten Emissionen bis 2035 um 45 Prozent unter das Niveau von 2025 fallen.

Was bedeutet Overshoot beim Klima?

Overshoot bezeichnet das zeitweise Überschreiten einer Temperaturgrenze wie 1,5 Grad, nach dem die Erwärmung wieder unter diese Grenze sinkt. Dafür muss der Atmosphäre mehr CO2 entzogen werden, als noch ausgestoßen wird. Für die Rückkehr auf 1,5 Grad veranschlagt UNEP rund 320 Gigatonnen CO2-Entnahme in diesem Jahrhundert.

Weitere Entwicklungen zum Klimawandel bündelt der Klima-Ticker von Cleanthinking.

QUELLEN

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  1. IEA: World Energy Outlook 2015, Szenario heutige Politik, zitiert nach UNEP, Emissions Gap Report 2026, Abbildung 5.1.
  2. Ember: Global Electricity Review 2026, 2026.
  3. Science: Climate policies that achieved major emission reductions: Global evidence from two decades (Stechemesser et al.), 2024.
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