Wie Katherina Reiche für dauerhaft teuren Strom sorgt

KOMMENTAR ZUR BREMSE FÜR DIE ELEKTRIFIZIERUNG

Katherina Reiche macht den Strom dauerhaft teurer

Wärmepumpen, E-Autos und elektrische Industrie setzen sich durch, sobald Strom billig ist. Die Wirtschaftsministerin bindet den Strompreis stattdessen für 15 Jahre ans Gas und verunsichert die Speicherinvestoren, die ihn drücken würden.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 8. NOVEMBER 2026 · 6 Min. LESEN


Eine Kilowattstunde Strom kostet deutsche Haushalte rund das 3,3-Fache einer Kilowattstunde Gas, in Schweden das 1,2-Fache. Nach Auswertung der Internationalen Energieagentur entscheidet kein anderer Faktor so stark darüber, ob sich eine Wärmepumpe gegen den Gaskessel durchsetzt (mehr dazu: Deutschlands Strompreis bremst die Wärmepumpe). Ein Einfamilienhaus mit Wärmepumpe und E-Auto kostet laut Boston Consulting Group 3.500 Euro Energie im Jahr. Mit Solaranlage, Speicher und kluger Steuerung sind es 1.400 Euro. Die Electrotech-Revolution rechnet sich, und jeder Cent, den die Kilowattstunde billiger wird, beschleunigt sie.

Katherina Reiche verspricht genau das, billigeren Strom. Ihre Entscheidungen dieses Herbstes machen den Strom dauerhaft teurer. An der Börse setzt das teuerste Kraftwerk, das gerade noch gebraucht wird, den Preis für alle, in Deutschland meist ein Gaskraftwerk (mehr dazu: wofür Haushalte 37 Cent je Kilowattstunde zahlen). Jede Stunde ohne Gas macht deshalb auch den Wind- und Solarstrom billiger. SPIEGEL-Kolumnist Christian Stöcker hat nachgezeichnet, wie Reiche diese Stunden seltener macht.

Reiche bindet den Strompreis für 15 Jahre ans Gas

Anfang November hat die Bundesnetzagentur die erste Kraftwerksausschreibung nach dem StromVKG vergeben. Alle elf Zuschläge über rund 5.160 Megawatt gingen an Gaskraftwerke, keiner an einen Batteriespeicher (mehr dazu: Nur Gas, keine Speicher). Die Betreiber bekommen ab 2031 für 15 Jahre rund 800 Millionen Euro im Jahr, zusammen zwölf Milliarden Euro. Bezahlen sollen das die Stromkund*innen über eine neue Umlage.

Reiche nennt das einen „großen Erfolg“, Speicher hätten sich im Wettbewerb nicht durchgesetzt. Sie konnten es nicht. Das Gesetz verlangt zehn Stunden Lieferung am Stück, und diese Regel hatte ihr Ministerium beim Gaskraftwerksbauer EnBW bestellt (mehr dazu: Reiche-Ministerium bestellte bei EnBW Argumente gegen Speicher).

Zehn der elf Zuschläge gingen an RWE und die LEAG des Milliardärs Daniel Křetínský. Die LEAG rüstet alte Braunkohleblöcke in Jänschwalde und Boxberg mit neuem Brenner auf Gas um. Diese Kessel erreichen 40 bis 45 Prozent Wirkungsgrad, moderne Gas-und-Dampf-Kraftwerke rund 60 Prozent. Sie verbrennen für jede Kilowattstunde mehr Gas, und wenn sie den Preis setzen, zahlen alle Stromkund*innen den Aufschlag mit. Timm Kehler vom Branchenverband Gas- und Wasserstoffwirtschaft rechnet mit Mehrkosten im zweistelligen Milliardenbereich.

Für das Abschalten derselben Blöcke als Kohlekraftwerke kassiert die LEAG bereits Entschädigung, die EU-Kommission genehmigte bis zu 1,75 Milliarden Euro (mehr dazu: EP-Gruppe will Kohlekessel vergolden). Selbst Ministerium und Netzagentur suchten nach der Vergabe Wege, diese Zuschläge zu verhindern (mehr dazu: Wollte Reiche die eigene Ausschreibung zurückdrehen?).

Batteriespeicher würden das Gas aus den Abendstunden drängen

Was Speicher bewirken, rechnet der Strompreissimulator des Fraunhofer ISE auf Energy-Charts vor. Mit 20 zusätzlichen Gigawatt bei zwei Stunden Speicherdauer sinkt für 2025 die Zahl der Stunden über 200 Euro je Megawattstunde von 169 auf 20. Der Abendpreis fällt im Schnitt von 130 auf 108 Euro. Den größten Hebel sieht Projektleiter Leonhard Gandhi darin, dass Gaskraftwerke seltener laufen: „Das ist der ökonomisch größere Effekt.“

Dafür reichen rund 40 zusätzliche Gigawattstunden am Markt (mehr dazu: Deutschland braucht weniger Speicher als gedacht). Laut Wood Mackenzie schlägt der Vier-Stunden-Speicher die Gasturbine in allen 43 untersuchten Strommärkten (mehr dazu: Batteriespeicher sind billiger als Gasturbinen). Kalifornien hat seine Batterieleistung seit 2019 auf gut 21.000 Megawatt vervielfacht. Von Januar bis Mai 2026 sank dort die Stromerzeugung aus Gas um 60 Prozent.

Auch für die Dunkelflaute gab es Alternativen. Flexibel betriebene Biogasanlagen könnten laut einer Studie der Universität Erlangen-Nürnberg eine vergleichbare Leistung bereitstellen, für 100 statt 173 Euro je Kilowatt (mehr dazu: Biogaskraftwerke als flexibles Rückgrat).

Speicherinvestoren wissen nicht, was sie ab 2030 zahlen

Speicher entstehen, wenn ihre Betreiber rechnen können. Nach der Netzentgeltreform AgNes bleiben sie 20 Jahre von Netzentgelten befreit, wenn die Investitionsentscheidung bis zum Jahreswechsel fällt und die Anlage bis August 2029 läuft. Ohne Genehmigung investiert niemand, und wer den Stichtag verpasst, kennt seine Kosten ab 2030 nicht. Mit dem Netzpaket koppelt Reiche zudem den Zubau von Wind und Solar enger an den Netzausbau und verschiebt Risiken zu den Anlagenbetreibern (mehr dazu: Netzpaket: Wer das Risiko der Energiewende trägt).

Dabei liegt im Netz das größte Sparpotenzial. Die Netzentgelte machen ein Viertel des Haushaltsstrompreises aus. Laut Agora Energiewende sparen die Verteilnetzbetreiber bis 2045 rund 66 Milliarden Euro, wenn sie Wärmepumpen, E-Autos und Speicher als flexible Verbraucher einplanen (mehr dazu: 66 Milliarden Euro weniger für den Verteilnetzausbau). Wärmepumpen und E-Autos senken so die Netzkosten mit, und je billiger der Strom, desto schneller verbreiten sie sich.

Die Electrotech-Revolution läuft mit dem billigsten Strom

Neue Solar- und Windparks an Land liefern laut Fraunhofer ISE Strom für 4,1 bis 9,2 Cent je Kilowattstunde. Neue Atomkraftwerke kommen auf 13,6 bis 49 Cent, ohne Endlagerung. Für die kleinen modularen Reaktoren, für die Reiche wirbt, haben Fachleute ihres eigenen Hauses dem Bundestag geschrieben, sie seien „derzeit noch nicht marktfähig“ (mehr dazu: Was ein Mini-AKW kostet).

Investoren weltweit haben entschieden. Laut Internationaler Energieagentur fließen 2026 rund 650 Milliarden Dollar in erneuerbare Kraftwerke, mehr als 100 Milliarden in Batteriespeicher und gut 80 Milliarden in Atomkraft. 92,5 Prozent der 2024 weltweit neu gebauten Kraftwerksleistung waren laut IRENA erneuerbar. Mit diesem billigen Strom elektrifizieren China und andere Länder Verkehr, Wärme und Fabriken. Die Electrotech-Industrie dafür bauen sie gleich mit.

Deutschland verteuert seinen Strom gleich mehrfach. Haushalte zahlen 2,05 Cent Stromsteuer je Kilowattstunde, auf Heizgas fallen 0,55 Cent Energiesteuer an (mehr dazu: Der Bund kassiert beim Haushaltsstrom das 41-Fache). Dazu kommt jetzt eine Gasreserve, die den Preis bis in die 2040er-Jahre an fossile Brennstoffe bindet. Wer die Electrotech-Revolution in Heizungskeller, Garagen und Fabrikhallen bringen will, muss Strom billiger machen. Reiche sorgt für dauerhaft teuren Strom, und bei einer Ministerin, die die Gutachten ihres eigenen Hauses kennt, ist Sabotage das treffende Wort.

Noch lässt sich nachsteuern. Die zweite Runde der Kraftwerksausschreibung startet im November, geboten wird Ende Dezember. Unionsfraktions-Energiepolitiker Andreas Lenz will sie verschieben, bis die Kriterien geändert sind, Grünen-Energiepolitiker Michael Kellner will sie stoppen. Hunderttausende Hausbesitzer*innen und Unternehmer*innen warten derweil nicht auf Berlin. Sie bauen Solaranlagen, Speicher und Wärmepumpen auf eigene Rechnung (mehr dazu: Was Reiches Investitionsbremsegesetz nicht aufhalten kann).

QUELLEN

  1. Bundesnetzagentur: Zuschläge der ersten Ausschreibung nach dem StromVKG, Pressemitteilung, 3. November 2026.
  2. Boston Consulting Group: Why Lower Bills for Households Are Good Business for Energy Retailers, 5. November 2026.
  3. Fraunhofer ISE: Stromgestehungskosten erneuerbare Energien, Juli 2024.
  4. KIT-Podcast „Geladen“: Gespräch mit Leonhard Gandhi (Fraunhofer ISE) über Batteriespeicher und Strompreise, 2026.
  5. Handelsblatt: Bericht über die Prüfung der LEAG-Zuschläge in Ministerium und Bundesnetzagentur, November 2026.
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