Overshoot-Report zur Erderhitzung: UNEP plant den Rückweg zu 1,5 Grad

ERDERHITZUNG · KLIMAKRISE · 2. SEPTEMBER 2026

Overshoot-Report: UNEP plant jetzt den Rückweg zu 1,5 Grad

Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) hat die Sichtweise rund um Klimakrise und Erderhitzung gewechselt. Der neue Overshoot-Report untersucht nicht mehr, wie sich das Überschreiten der 1,5-Grad-Marke aus dem Pariser Übereinkommen von 2015 verhindern lässt, sondern wie die Welt von oberhalb wieder darunter zurückkommt. Das verbleibende CO2-Budget reicht bei heutigem Ausstoß noch rund drei Jahre.


VON MARTIN JENDRISCHIK · 11 Min. Lesezeit LESEN


Seit 2015 gilt das Ziel des Pariser Klimaabkommens: Die Erderhitzung soll auf deutlich unter zwei Grad, möglichst 1,5 Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit begrenzt werden. UNEP misst seit Jahren im „Emissions Gap Report“, wie weit die Klimazusagen der Staaten von diesem Ziel entfernt sind. Anfang September 2026 hat die Organisation einen Bericht mit dem Titel „Limiting Overshoot" vorgelegt, auf Deutsch: die Überschreitung begrenzen, kurz Overshoot-Report. Der Titel verrät den neuen Blickwinkel.

Das 1,5-Grad-Ziel bleibe bestehen, heißt es im Overshoot-Report, aber es müsse „nun von oben angegangen werden". Gemeint ist: Die Temperatur wird die Marke überschreiten, einen Höchststand erreichen (Overshoot) und soll danach wieder darunter sinken, indem der Atmosphäre CO2 entzogen wird. Die Autoren schreiben, dieser Weg sei „in keiner Weise ein akzeptabler oder bevorzugter Weg, er ist schlicht die beste verbliebene Option".

Overshoot-Report: Drei Jahre Budget

Wie knapp es ist, zeigt das CO2-Budget: die Menge, die die Menschheit insgesamt noch ausstoßen darf, damit das Temperaturziel erreichbar bleibt. Für eine Fifty-fifty-Chance auf 1,5 Grad sind das ab 2026 noch rund 130 Milliarden Tonnen CO2. Fossile Energien und Industrie stießen allein 2024 etwa 40 Milliarden Tonnen aus. Bei diesem Tempo ist das Budget in gut drei Jahren aufgebraucht.

Um die Chancen auf die Begrenzung der Erderhitzung zu erhalten, müssten die weltweiten CO2-Emissionen von 2025 an gleichmäßig auf null fallen, in etwas mehr als sechs Jahren.

Die vom Menschen verursachte Erderhitzung liegt derzeit bei knapp 1,4 Grad über dem vorindustriellen Niveau und steigt um etwa 0,25 Grad pro Jahrzehnt. Die Weltorganisation für Meteorologie beziffert die Wahrscheinlichkeit, dass der Fünfjahresmittelwert 2026 bis 2030 über 1,5 Grad liegt, auf 75 Prozent.

Für den Höhepunkt der Erwärmung nennt UNEP zwei Marken. Setzen alle Staaten sämtliche nationalen Klimapläne und ihre Netto-Null-Ziele vollständig um, liegt der Höchststand bei rund 1,8 Grad. Das ist das optimistischste Szenario der Organisation. Auf dem Pfad der tatsächlich beschlossenen Politik landet der mittlere Schätzwert bei etwa 2,6 Grad bis 2100, mit einer Spanne von 1,9 bis 3,6 Grad. Zwei Grad sind auf diesem Kurs keine Obergrenze mehr, sondern eine Zwischenstation.

Grafik aus dem UNEP-Overshoot-Report: die vier Phasen Exceedance, Peak, Decline und Stabilization

Der Overshoot-Pfad in vier Phasen: Überschreiten, Höhepunkt, Rückgang, Stabilisierung. Die zentrale Aussage der Grafik steckt in den Farben: Bei gleicher Temperatur liegen die Schäden auf dem Rückweg höher als auf dem Hinweg. Risiken bauen sich schnell auf und klingen nur langsam ab. QUELLE: UNEP, LIMITING OVERSHOOT, FIGURE 2.2

Was jedes Jahr Verzögerung kostet

Der Overshoot-Report rechnet das Warten in Zehntelgrad um. Alle weiteren fünf Jahre mit unverändert hohen Emissionen erhöhen den Temperatur-Höchststand um etwa 0,1 Grad. Die mehr als 400 Milliarden Tonnen CO2, die seit 2015 ausgestoßen wurden, haben die niedrigste noch erreichbare Erwärmung bereits um rund 0,2 Grad angehoben.

Oberhalb von etwa 1,8 Grad Spitzenerwärmung wird eine Rückkehr unter 1,5 Grad noch in diesem Jahrhundert laut Report zunehmend schwierig. Der Spielraum für den Rückweg ist damit deutlich enger, als die Formel „deutlich unter zwei Grad" vermuten lässt.

Overshoot-Report: CO2-Entnahme trägt weniger als erhofft

Der Rückweg hängt daran, der Atmosphäre CO2 wieder zu entziehen, im Fachjargon Carbon Dioxide Removal, kurz CDR. Das kann durch Aufforstung geschehen oder durch technische Anlagen. Wer darin die Lösung sieht, findet im Overshoot-Report die Ernüchterung. Aufforstung und Wiederaufforstung entziehen der Atmosphäre weltweit derzeit rund 2,2 Milliarden Tonnen CO2 pro Jahr. Selbst wenn die fossilen Emissionen auf null fielen und die Entwaldung vollständig gestoppt würde, bräuchte es rund 100 Jahre Aufforstung im heutigen Umfang, um die globale Temperatur um 0,1 Grad zu senken.

Technische Verfahren wie Direct Air Capture (DAC), bei dem Anlagen CO2 direkt aus der Luft filtern und unterirdisch einlagern, machen bislang weniger als 0,1 Prozent der Entnahme aus. Auch ihr Potenzial ist endlich: Der unterirdische Speicherplatz in geeigneten Gesteinsschichten liegt laut einer aktuellen Studie unter 1.500 Milliarden Tonnen CO2. Bleiben die Emissionen, die sich auch nach 2050 nicht vermeiden lassen, bei zehn Milliarden Tonnen jährlich, wäre dieser Platz um 2200 aufgebraucht, nur um Netto-Null zu halten.

Das Fazit des Overshoot-Reports fällt entsprechend aus: Selbst bei optimistischem Ausbau wird CO2-Entnahme in diesem Jahrhundert kaum mehr als ein paar Zehntelgrad Umkehr liefern. Entnahme kommt zusätzlich zur Emissionsminderung, nicht an ihrer Stelle.

Trotzdem muss der Hochlauf jetzt beginnen

Aus diesen Zahlen den Schluss zu ziehen, CO2-Entnahme lohne sich nicht, wäre ein Fehlschluss. Ohne dauerhaft netto-negative Emissionen, also mehr Entnahme als Ausstoß, gibt es keinen Rückweg unter 1,5 Grad, egal wie schnell die Welt ihre Emissionen senkt. Die Frage ist nicht ob, sondern wie früh der Aufbau beginnt. Die Branche muss von heute rund 2,2 Milliarden Tonnen jährlicher Entnahme auf 6,5 bis 13,3 Milliarden Tonnen im Jahr 2050 wachsen. Pfade, die tatsächlich unter 1,5 Grad zurückführen, erreichen bis 2100 sogar 8 bis 23,6 Milliarden Tonnen jährlich. Ein Industriezweig, der sich in 25 Jahren verfünffachen soll, braucht diese 25 Jahre auch.

Wie zäh dieser Hochlauf in der Praxis verläuft, zeigt der Blick auf die Unternehmen, die ihn stemmen sollen. Bei Climeworks klaffte zwischen der geplanten Leistung der isländischen Anlage Mammoth und den tatsächlich entnommenen Tonnen eine Lücke, die das Unternehmen massive Kritik und eine schwierige Finanzierungsrunde einbrachte. Der CDR-Markt insgesamt zeigt dasselbe Muster: Die Zusagen wachsen schneller als die Lieferungen. In Deutschland ging mit Ucaneo in Berlin-Marzahn gerade erst die erste industrielle DAC-Anlage in Betrieb. Selbst dort, wo Verfahren technisch funktionieren, bremst die Regulierung: Die EU sortierte Pflanzenkohle aus dem Emissionshandel aus, während Norwegen das erste BECCS-Projekt zertifizierte, bei dem CO2 aus der Verbrennung von Biomasse abgeschieden und gespeichert wird.

Die Bundesregierung hat auf den Overshoot-Report noch am selben Tag reagiert und den Hochlauf ausdrücklich benannt. Deutschland ist über das Klimaschutzgesetz verpflichtet, bis 2045 treibhausgasneutral zu werden und nach 2050 netto-negative Emissionen zu erreichen. Bundesumweltminister Carsten Schneider sprach von einem „Dreiklang„: zuerst Emissionen vermeiden, „denn das ist die einfachste und günstigste Lösung“, zweitens Wälder, Moore und Böden als natürliche Speicher stärken, drittens „den Hochlauf neuer Technologien zur dauerhaften technischen CO2-Entnahme aus der Atmosphäre" vorbereiten.

Eine Langfriststrategie dafür stimmt die Regierung derzeit ab. Sie soll die Grundlage für verbindliche Ziele für technische Senken im Klimaschutzgesetz werden. Zur Größenordnung: Das im März beschlossene Klimaschutzprogramm 2026 soll mit 67 Maßnahmen und acht Milliarden Euro im Jahr 2030 gut 25 Millionen Tonnen CO2 zusätzlich einsparen. Der Overshoot-Report rechnet in Milliarden Tonnen.

Niklas Höhne vom NewClimate Institute, seit Jahren Mitautor der UNEP-Emissionsberichte, zieht daraus eine Konsequenz, die bis in den Heizungskeller reicht. Nimmt man die rechtlich bindende 1,5-Grad-Grenze ernst, schrieb er auf LinkedIn, müssten die Emissionen „jedes neuen Verbrenners, jeder neuen Gasheizung und jeder neuen fossilen Industrieanlage irgendwann wieder aus der Atmosphäre entfernt werden". Daraus könne die Pflicht folgen, die CO2-freie Alternative zu wählen, „die in den meisten Fällen bereits wirtschaftlich ist: Elektroautos, Wärmepumpen und kohlenstofffreie Industrieprozesse". In vielen Fällen sei die Entnahme teurer als die Vermeidung.

Rechtlich verankert, physikalisch außer Reichweite

Bemerkenswert ist der Zeitpunkt. Ausgerechnet jetzt, da die 1,5-Grad-Marke physikalisch fällt, steht sie juristisch so fest wie nie. Der Internationale Gerichtshof stufte sie 2025 in seinem Gutachten als „das von den Vertragsparteien vereinbarte primäre Temperaturziel" des Pariser Abkommens ein, wie Cleanthinking zum damaligen Gutachten berichtete. Eine Resolution der UN-Generalversammlung bestätigte diese Rechtspflicht 2026. Das Ziel verschwindet also nicht, wenn die Marke gerissen wird. Es wird zur Verpflichtung, zurückzukehren.

Warum das Kapital falsch kalkuliert

Ein Absatz in der Einleitung des Reports handelt nicht vom Klima, sondern von Planung. Politik, Institutionen, Finanzsysteme und Planungsverfahren seien auf allmählichen Wandel, ein relativ stabiles Klima und historische Datenreihen ausgelegt worden. In einer Welt im Overshoot gelten diese Annahmen nicht mehr. Brücken, Kraftwerke oder Gebäude stehen länger, als die Daten gültig sind, nach denen sie gebaut wurden.

Debra Roberts, Mitautorin des Overshoot-Reports und Ko-Vorsitzende der Arbeitsgruppe des Weltklimarats IPCC, die sich mit Klimafolgen und Anpassung befasst, formuliert das schärfer. „Die Spielregeln ändern sich jetzt", sagte sie. „Bestehende Ansätze taugen nicht mehr für ihren Zweck. Wir müssen die Steuerung unserer Klimapolitik neu aufstellen, um mit einem Overshoot-Pfad umzugehen."

Konkret heißt das: Standorte, Anlagen, Lieferketten und Immobilien werden heute für eine Welt gebaut und finanziert, die es nicht geben wird. Wie teuer diese Fehlkalkulation ausfällt, zeigt eine Studie von Bundeswirtschafts- und Bundesumweltministerium für Deutschland. Zwischen 2000 und 2021 richteten Extremwetterfolgen hierzulande Schäden von mindestens 145 Milliarden Euro an, davon rund 80 Milliarden seit 2018. Bis Mitte des Jahrhunderts erwartet dieselbe Studie 280 bis 900 Milliarden Euro volkswirtschaftlichen Schaden.

Bestehende und geplante fossile Infrastruktur allein würde die mit 1,5 Grad vereinbaren CO2-Emissionen im Jahr 2030 um 120 Prozent überschreiten, während die weltweiten Investitionen in Klimaschutz drei- bis sechsmal unter dem liegen, was für die Ziele bis 2030 nötig wäre.

Was jetzt wirkt

Der Bericht bleibt nicht bei der Diagnose. Maßnahmen mit hoher Hebelwirkung könnten bis 2035 jährlich bis zu 41 Milliarden Tonnen CO2-Äquivalent einsparen, also alle Treibhausgase umgerechnet auf die Wirkung von CO2, etwa die Hälfte davon zu Kosten unter 20 US-Dollar je Tonne. Für Pfade mit begrenzter Überschreitung müsste der Anteil erneuerbarer Energien an der globalen Stromerzeugung bis 2030 auf 60 bis 70 Prozent steigen.

Der erste Schritt dorthin könnte näher sein, als die Zahlen des Reports vermuten lassen. Höhne sieht „vielversprechende Anzeichen", dass der Anstieg der globalen Treibhausgasemissionen noch in diesem Jahr endet: In den Industrieländern sinken die Emissionen dank Erneuerbaren und Speichern, und auch China scheine seinen Höhepunkt erreicht zu haben. Der Konflikt im Nahen Osten werde der Abkehr von fossilen Energien zusätzlichen Schub geben.

Der schnellste Hebel heißt Methan. Es steuert derzeit rund 0,5 Grad zur Erwärmung bei, und weil es sich in der Atmosphäre schnell abbaut, senken frühe Minderungen den Temperatur-Höhepunkt unmittelbar. Die günstigsten Optionen liegen in der Öl- und Gasförderung, bei Lebensmittelverlusten und in der Deponiegaserfassung.

Jedes vermiedene Zehntelgrad senkt das Risiko, jedes Jahr weniger Überschreitung verringert die Belastung. Der Report zieht daraus selbst den Schluss: Overshoot sei kein Argument für Resignation, sondern für Dringlichkeit.

Genau an diesem Punkt setzt die schärfste Kritik am Overshoot-Report an. Bill Hare, Chef des Instituts Climate Analytics, lobt zwar die Beschreibung des Problems, hält dem Bericht aber vor, den Ausweg schlecht zu zeigen. UNEP erwähne den Ausstieg aus fossilen Energien kaum und blende die Belege dafür aus, dass echte Nullemissionen in vielen Wirtschaftssektoren bis Mitte des Jahrhunderts machbar sind. Der Einwand trifft einen wunden Punkt: Ein Report, der die Rückkehr organisiert, aber die Ursache nur streift, liefert der fossilen Industrie ungewollt das Argument, es gehe ohnehin nur noch ums Aufräumen.

Im Emissions Gap Report 2025 hatte UNEP noch vermessen, wie weit die Zusagen der Staaten vom 1,5-Grad-Pfad entfernt sind. Der Global Tipping Points Report 2025 hatte jene Kipppunkte vermessen, die der neue Bericht nun als Risiko des Rückwegs führt: die Destabilisierung der Eisschilde Grönlands und der Westantarktis, den Kipppunkt am Amazonas und eine Störung der atlantischen Umwälzzirkulation AMOC, die das Klima in Nordwesteuropa mitprägt. Als der EU-Klimadienst Copernicus Anfang 2024 meldete, dass zwölf Monate in Folge über der 1,5-Grad-Marke lagen, galt das noch als statistischer Ausschlag. Zweieinhalb Jahre später plant die zuständige UN-Organisation im Overshoot-Report den Rückweg.

QUELLEN

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  1. UNEP: World set to cross 1.5°C global warming, but can still limit, adapt to and return from higher temperatures, 2. September 2026.
  2. UNEP: Limiting Overshoot. Navigating exceedance of 1.5°C and pathways towards return, Nairobi 2026. DOI 10.59117/20.500.11822/49857.
  3. Niklas Höhne (NewClimate Institute): Kommentar zum UNEP-Report auf LinkedIn, 2. September 2026.
  4. Bundesumweltministerium: UNEP-Bericht zum 1,5-Grad-Ziel: Bundesregierung setzt auf Dreiklang aus Emissionsminderung, natürlichen Senken und technischer CO2-Entnahme, Pressemitteilung, 2. September 2026.
  5. The Guardian: Global heating will hit at least 1.8C, UN warns, and there are ‚no good outcomes', 2. September 2026.
  6. pv magazine Deutschland: Klimakrise verursachte in Deutschland Schäden in Höhe von 145 Milliarden Euro, 6. März 2023.
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