KLIMA · 22. SEPTEMBER 2026
U.S. Air National Guard / Joseph ProuseKalifornien ruft Notstand wegen El Niño aus
Gouverneur Gavin Newsom hat den Notstand wegen El Niño ausgerufen, bevor der erste Wintersturm Kalifornien erreicht. Der Bundesstaat lagert Sandsäcke und Pumpen ein und plant den Einsatz der Nationalgarde.
Die Proklamation vom Montag gilt landesweit. Newsom stützt sie auf die Prognose der US-Wetterbehörde NOAA. Deren Climate Prediction Center sieht eine Wahrscheinlichkeit von mehr als 90 Prozent für einen sehr starken El Niño im Herbst und Winter. Es misst mit dem relativen Niño-Index RONI. Für ein Ereignis dieser Größe kursieren längst Begriffe jenseits der offiziellen Skala, von „Super El Niño„ bis „Godzilla El Niño“ (mehr dazu: Was hinter dem Begriff Super El Niño steckt).
„Wir bereiten uns früh auf diesen El Niño vor", sagt Newsom. Jeder Kalifornier verdiene es, sicher in seinem Zuhause zu leben und geschützt zu sein, wenn Unwetter kommen. Die Direktorin der Katastrophenschutzbehörde Cal OES, Caroline Thomas Jacobs, kündigte an, ihre Behörde warte nicht, bis die Stürme vor der Tür stünden.
Kaliforniens Behörden bereiten sich auf Hochwasser und Schnee vor
Die Wasserbehörde DWR beschafft landesweit Sandsäcke, Steinschüttungen, Planen und Pumpen und lagert sie ein. Die Verkehrsbehörde Caltrans meldet binnen 30 Tagen gefährdete Straßen und Brücken und stellt Schneepflüge, Schneefräsen, Streusalz und Sand bereit. Die Küstenkommission entscheidet über Notfallgenehmigungen künftig innerhalb von 24 Stunden.
Die Nationalgarde rückt noch nicht aus. Sie stellt fest, welche Soldat*innen und welches Gerät sie für Hochwasserfahrzeuge, Lufteinsätze, Evakuierungen und Notunterkünfte braucht, wenn die Lage es verlangt. Im März 2023 stellte sie in Sacramento bereits Lastwagen für Hochwassereinsätze bereit, bevor ein atmosphärischer Fluss, ein schmales Band extrem feuchter Luft, auf Kalifornien traf.
Auch die Kommunen arbeiten vor. Das Los Angeles County baggert laut Los Angeles Times große Mengen Sediment aus den Rückhaltebecken San Gabriel, Eaton Wash und Devil's Gate, damit sie mehr Wasser fassen. Die Stadt Los Angeles stimmt sich nach Angaben des Büros von Bürgermeisterin Karen Bass regelmäßig mit dem Nationalen Wetterdienst ab und sichert die Brandflächen der Großfeuer vom Januar 2025. Verbrannter Boden nimmt kaum Wasser auf, Starkregen löst dort leicht Schlammströme aus.
Sturmfluten bedrohen zusätzlich 170.000 Menschen an der Küste
Kalifornien dürfte laut CNN zum Epizentrum dieses El Niño in den USA werden. Starke Ereignisse haben den Bundesstaat bisher selten ohne große Schäden gelassen. Zu erwarten sind Sturmfluten an der Küste, Starkregen in den tieferen Lagen und viel Schnee in den Bergen, dazu Überschwemmungen, Schlammlawinen und Erdrutsche.
Pazifikstürme erzeugen in El-Niño-Jahren rund 30 Prozent mehr Wellenenergie, sagt Patrick Barnard, Forschungsdirektor am Center for Coastal Climate Resilience der University of California in Santa Cruz. Im Winter 2015/16 waren es bis zu 50 Prozent. Diesmal fällt El Niño mit dem Höhepunkt eines 18-jährigen Gezeitenzyklus zusammen, der die Königstiden, die höchsten Springfluten des Jahres, weiter anhebt.
El Niño hebt den Küstenwasserstand um 15 bis 30 Zentimeter, zusätzlich zum Meeresspiegel, den der Klimawandel ohnehin steigen lässt. Nach Barnards Rechnung gefährdet das zusätzlich 170.000 Menschen und Immobilien im Wert von 60 Milliarden US-Dollar, verglichen mit einem Jahr ohne so starken El Niño.
Die Zeit zur Vorbereitung sei jetzt, schreibt die Los Angeles Times. Wer an einem Hang, in einem Canyon oder neben einer Brandfläche wohnt, soll sein Risiko kennen und einen Evakuierungsplan bereithalten. Die Zeitung rät außerdem, Dach und Abflüsse prüfen zu lassen, den Versicherungsschutz gegen Wasserschäden zu kontrollieren und einen Notfallrucksack zu packen. Das Rote Kreuz warnt, Regen werde unterschätzt, er könne ganze Straßen wegspülen.
Alle 22 Klimamodelle sehen einen sehr starken El Niño
Vergangene Woche lagen im Vergleich des Klimaforschers Zeke Hausfather 13 von 14 Klimamodellen auf Rekordkurs, für das Modell SINTEX-F fehlte noch der September-Lauf. Jetzt legt das International Research Institute for Climate and Society (IRI) der Columbia University eine breitere Auswertung vor. Alle 22 Modelle, 13 dynamische und neun statistische, sagen einen sehr starken El Niño für Herbst 2026 und Winter 2026/27 voraus.
Das IRI misst mit dem klassischen Niño-3.4-Index, also der absoluten Temperaturabweichung im tropischen Pazifik. Fast alle dynamischen und mehrere statistische Modelle sehen den Wert von Herbst bis Winter über plus 3,0 Grad, „weit jenseits unserer höchsten definierten Kategorie", schreibt das Institut. Mitte September erreichte der Wochenwert bereits plus 3,0 Grad.
Die NOAA rechnet mit dem relativen Index RONI, der die allgemeine Erwärmung der Tropenmeere herausrechnet, und kommt zum selben Befund. Für Oktober bis Dezember sieht sie eine Chance von 75 Prozent auf ein historisches Ereignis, stärker als jeder El Niño seit Beginn der Aufzeichnungen 1950. (Grundlagen: Was El Niño ist und wie er entsteht, alle Beiträge zum Thema: Übersichtsseite El Niño)
Weitere Entwicklungen zur Klimakrise bündelt der Klima-Ticker von Cleanthinking.
QUELLEN
- Office of the Governor of California: Proclamation of a State of Emergency, 21. September 2026.
- NOAA Climate Prediction Center: ENSO Diagnostic Discussion, 10. September 2026.
- IRI Columbia University: ENSO Forecast, September 2026 Quick Look, 21. September 2026.
- CNN: Newsom declares state of emergency for California ahead of super El Niño storm season, 22. September 2026.
- Los Angeles Times: A „super" El Niño is about to crash into California: 9 essential ways to prepare, 22. September 2026.
- DVIDS: California National Guard stages troops and highwater vehicles in preparation for emergency flood response, 9. März 2023.